3 Monate jW-digital für 18 Euro
Gegründet 1947 Sa. / So., 28. / 29. January 2023, Nr. 24
Die junge Welt wird von 2701 GenossInnen herausgegeben
3 Monate jW-digital für 18 Euro 3 Monate jW-digital für 18 Euro
3 Monate jW-digital für 18 Euro
Aus: Ausgabe vom 21.01.2023, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Die faschistische Provokation

Für den 22. Januar 1933 kündigten NSDAP und SA eine Kundgebung vor dem Karl-Liebknecht-Haus an, dem Sitz des Zentralkomitees der KPD. Die rief zu antifaschistischen Massenaktionen auf
3.jpg
Naziaufmarsch vor dem Karl-Liebknecht-Haus der KPD am Bülowplatz in Berlin – acht Tage vor der Machtübertragung an Hitler (22.1.1933)

Aus dem Aufruf des Zentralkomitees der KPD vom 21. Januar 1933:

Die KPD an die Arbeiterschaft ganz Deutschlands!

Formiert euch zur Einheit in der Antifaschistischen Aktion!

Am morgigen Sonntag, dem 22. Januar, plant die Hitlersche Tributarmee unter dem Kommando nationalsozialistischer Schleicher- und Bracht-Tolerierer (Kurt von Schleicher war von Anfang Dezember 1932 bis Ende Januar 1933 deutscher Reichskanzler; Franz Bracht leitete nach der Entmachtung der SPD in Preußen durch den sogenannten Preußenschlag am 20. Juli 1932 faktisch die Regierung Preußens bis Januar 1933, außerdem war er im Kabinett Schleichers Reichsinnenminister, jW) eine unerhörte, beispiellose Provokation gegen das gesamte deutsche Proletariat! Schon seit Wochen entfacht der Thyssen- und Papen-Knecht (der Großindustrielle Fritz Thyssen unterstützte die NSDAP seit 1923 großzügig finanziell, Franz von Papen war von Juni bis Dezember 1932 Reichskanzler. Er traf sich am 4. und am 22. Januar mit Hitler, um den Eintritt der NSDAP in die Reichsregierung zu vereinbaren. Der erfolgte am 30. Januar 1933, jW) Adolf Hitler in Deutschland eine Welle blutiger Mordtaten und viehischer Überfälle auf das Proletariat. Dutzende erschlagener und schwerverletzter Antifaschisten allein in den letzten Tagen sind die Blutzeugen des nationalsozialistischen Terrors!

Wir rufen die Antifaschisten Deutschlands auf zum höchsten Alarm! Hitler will am Sonntag unter dem Schutz der Schleicher und Bracht vor dem Hause des Zentralkomitees der KPD, der einzigen Arbeiterpartei Deutschlands, provozieren und im Auftrage der Thyssen und Papen, der Großbankiers und der Krautjunker seine Schmährufe gegen die Kommunistische Partei und gegen die Antifaschisten des roten Berlins ausstoßen!

Betriebe, schlagt Alarm! Stempelstellen, schlagt Alarm! Proletarierviertel, schlagt Alarm! Das ganze antifaschistische Deutschland, an der Spitze das rote Berlin, verteidigt seine Interessen, verteidigt sein Leben, verteidigt seine Partei, verteidigt sein bolschewistisches Zentralkomitee vor dem Provokationsattentat der Soldknechte des Trustkapitals!

Der kommende Sonntag ist von unerhörter Tragweite für alle deutschen Werktätigen. Die Terroraktion und die sich mehrenden Überfälle sollen neue Staatsstreichaktionen der Konterrevolution vorbereiten. Werktätige Deutschlands! Arbeiter in den Werksälen, in den Schächten, in den Rüstungs- und Verkehrsbetrieben, steht bereit! Ballt eure Massenkraft im Zeichen der Einheitsfront gegen die Welle des faschistischen Terrors, gegen die Kapitalsangriffe und gegen die sozialreaktionären Maßnahmen der Schleicher-Bracht, der Industriekönige und der Krautjunker zu einer millionenstarken, vorwärtsstürmenden Front zusammen! (…)

Unser Ruf: Betriebe, Stempelstellen, kampfbereit! Der Blutmarsch der Nazis in Berlin und in den übrigen deutschen Städten und Dörfern richtet sich gegen euch! Nehmt sofort in allen Betrieben und in allen Stempelstellen Stellung! Fasst Protest-, Kampf- und Streikbeschlüsse! Bereitet euch vor auf den Massenstreik! Kampf den Lohnräubern in den Betrieben! Massenselbstschutz gegen faschistischen Terror! Massenprotest in den Betrieben und Gewerkschaften gegen die Tolerierung der faschistischen Diktatur durch die Leipart (Theodor Leipart war von 1921 bis 1933 Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, ADGB, jW) und Co.! Führt die Betriebsrätewahlen im Zeichen unserer Offensive gegen die sozialreaktionären Anschläge der faschistischen Schleicher-Bracht-Diktatur und gegen den blutigen Hitlerfaschismus!

Jeder Betrieb, jede Stempelstelle schaffen unverzüglich ihre Massenselbstschutzstaffeln; jedes Arbeiterviertel gründet Staffeln der Antifaschistischen Aktion! In allen Gewerkschaftsversammlungen und Zusammenkünften der proletarischen Massenorganisationen, in allen Betrieben wählt Einheitskomitees der Antifaschistischen Aktion!
Unser Kampf gegen die faschistischen Provokationen muss eine gewaltige Belebung aller Werktätigen Deutschlands gegen den Faschismus entfachen! Werktätige! Schützt euch selbst, eure Frauen und Kinder vor dem Mordblei und Mordstahl des Faschismus! Gewinnt die werktätigen Nazianhänger zum gemeinsamen Kampf gegen die Front der Schleicher-Bracht-Papen-Thyssen, Goebbels und Hitler. Unser Ruf die nächsten Tage und Wochen: Sturmwochen des Antifaschismus! Millionenalarm im ganzen Land! Fort mit der Schleicher-Bracht-Diktatur!

Nieder mit den braunen Mordprovokationen! Es leben der Millionenkampf der antifaschistischen Freiheitsarmee für ein Deutschland der Arbeiter und Bauern, für den Sozialismus! Arbeiter, her zur Antifaschistischen Aktion!

Aufruf des ZK der KPD an die Arbeiterschaft ganz Deutschlands. In: Die Rote Fahne (Berlin), 21. Januar 1933. Hier zitiert nach: Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Band 4. Dietz-Verlag, Berlin 1966, Seiten 607–608

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

Ähnliche:

  • Rüstungsvorbereitungen kommen ins Rollen: Hitler und Gu...
    25.04.2013

    Krupp und Konsorten

    Das Großkapital und die Neuordnung des industriellen Verbandswesens im ­deutschen Faschismus
  • Hitler und die Industriellen – in freundschaftlicher V...
    20.02.2013

    Spendable Industrie

    Geschichte. Am 20. Februar 1933 kommt Hitler mit der deutschen Monopolbourgeoisie ­zusammen und bittet für den Wahlkampf um Geld. Man gibt es ihm
  • Vertreter des rechten Flügels des politischen Katholizi...
    31.01.2013

    Drift nach rechts

    Geschichte. Der 30. Januar 1933 (Teil II und Schluß): In der Endphase der Weimarer Republik ­verschoben sich die Koordinaten der bürgerlichen Parteien erkennbar in Richtung Faschismus

Mehr aus: Wochenendbeilage

Startseite Probeabo