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Aus: Ausgabe vom 21.01.2023, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage
Rock ’n’ Roll

»Wer weiß, was der noch ausgekocht hätte«

So eine Schweinerei oder: Nach der Kultur. Gespräch mit Eugen Egner über das Genie von Jeff Beck
Interview: Jürgen Roth
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»Der Mensch braucht eine Herausforderung«: Jeff Beck, 1978

»In der Musik«, sagt Egner, könne er »nichts Neues bieten. Beim Schreiben und beim Zeichnen schaffe ich wirklich etwas Eigenes, in der Musik bleibe ich ein Nachschaffender. Ich weiß zwar seit einigen Jahren, wie Skalen funktionieren, und höre dadurch auch viel genauer und verstehe, was die machen. Aber grundlegend innovativ vermag ich auf der Gitarre nicht zu sein. Es ist einfach ein tätiger Ausdruck meiner Musikliebe – dieses Inside-outside-Playing aus dem Jazz, die verminderten Skalen. Jeff Beck hatte auch Phasen, in denen er viel Fusion spielte, und da hat der Sachen gekonnt, das glaubt man gar nicht. Nur hat der bestimmt nicht die Skalen gelernt. Aber er hat verstanden, wo er hin muss, und er besaß ein geniales Gehör und ein Gespür wie nur ganz wenige andere.«

Schon nach ein paar Sätzen sind wir also mittendrin im »Fachgespräch« (Egner), das schließlich zwei Stunden dauern und hier notgedrungen lediglich in Auszügen dargeboten wird.

*

Das Interessante an Jeff Beck ist, dass er in so vielen musikalischen Welten lebte, von Rockabilly bis sonstwohin. Und er hat viel Zirkus veranstaltet, was zum Beispiel Eric Clapton nie machen würde. Becks Spiel wurde dadurch nicht chaotisch, sondern hochkomplex und ungeheuer heterogen.

Ich hab’ mir anlässlich der Todesnachricht ein Gespräch mit dem Komponisten und Produzenten Rick Beato angesehen, der erst vor drei Monaten ein Video darüber gepostet hatte, warum Jeff Beck nicht kopierbar sei. Und Beato fragt sich: Woher kamen bei Beck bloß diese Noten? Er findet keine Antwort. Kannst du dich der Antwort auf diese Frage nähern?

Ja, diese Noten … Ich würde mal sagen, dass Beck auch ein Eklektizist gewesen ist. Er hat sich überall das herausgepickt, was ihm gefiel. Dieses Verfahren formt ja auch einen Personalstil, und er verfügte über einen Hintergrund, der da viel mehr als bei anderen zugelassen hat.

Nehmen wir einen Gitarristen, den jeder kennt: Clapton. Es ist ja seit x Jahren Mode, Clapton schlechtzureden. Das ist Unsinn! Clapton ist ein sehr, sehr guter Gitarrist. Was dazu geführt hat, dass man ihn runterzumachen begann, ist die Tatsache, dass er bereits bei Cream die Schnauze voll hatte von dem ganzen Theater: »Gott Clapton«, jeden Abend diesen Riesenlärm veranstalten, stundenlange Improvisationen. Clapton ist ein Opfer des Musikbetriebs. Musikalisch hat er dann seinen Frieden in der Musik von The Band gefunden, die Ende der Sechziger vielen als Offenbarung galt – eine äußerst entschlackte Musik.

Grundsätzlich ist Claptons Ansatz ein ausgesprochen orthodoxer: die wahre Lehre. Seine Mission ist: Wie geht Blues richtig? Er kam ja auch von Robert Johnson her. Und er hat einen unglaublich feinen Ton entwickelt. Man höre mal die Rückseite von »For Your Love« von den Yardbirds, »Got to Hurry« heißt das Stück. Da hab’ ich damals aber wirklich die Ohren angelegt! So was hatte ich noch nicht gehört. War der gut!

Clapton stieg danach aus, und auf der nächsten Single der Yardbirds, »Heart Full of Soul«, war eine Gitarre, die sich erst recht hören lassen konnte! Es war klar, das war nicht Clapton. Und im März 1965 las ich in der Bravo, der neue Gitarrist heiße Jeff Beck. Seit diesem Augenblick war Jeff Beck für mich präsent. Und auf der folgenden Single hab’ ich ihn beim ersten Ton wiedererkannt. Und das ist immer so geblieben.

Ist es sein Anschlag?

Das ist etwas ganz Seltsames, Persönliches: der Anschlag, die Phrasierung … Man kann es fast nicht sagen. Er hatte jedenfalls einen gänzlich anderen Hintergrund als die meisten. Er fuhr total auf Cliff Gallup von Gene Vincent and His Blue Caps ab. Und er konnte das Zeug spielen, von vorne bis hinten! Auch Les Paul. Er kam von den alten Meistern her, und er konnte Gitarristen zum Niederknien gut kopieren.

Mitte der sechziger Jahre hat er durch seine Freundschaft zu Ian Stewart, dem sechsten Rolling Stone, dann Rhythm ’n’ Blues entdeckt. Und wenn die bei den Yardbirds was Besonderes brauchten, haben die gesagt: »Jeff, denk dir was aus!«

»Shapes of Things« von 1966 gilt als die Geburt des Heavy Metal.

Ja. Sein Solo – nicht zu fassen! Und es wurde immer doller. Sein erstes eigenständiges Album, »Truth« von 1968, war in vielerlei Hinsicht tatsächlich schulbildend. Und er hat sich sein Leben lang kontinuierlich gesteigert. Das wurde immer prachtvoller, immer gewaltiger. Er war ein Draufgängertyp, zumindest gitarristisch.

Es ist diese inkomparable Mixtur. Wenn er ein etwas längeres Solo spielt, wirkt das auf viele Leute konfus, obwohl alles großartig ist. Der schmeißt da heterogenstes Material aus den entlegensten Ecken rein. Beck hat sich um Genregrenzen nie gekümmert. Und das Schöne war: Er hat nie das gleiche runtergenudelt, sondern die Songs immer neu interpretiert – grad so, wie’s kam.

Für mein Empfinden hat Jeff Beck die einzelne Note emanzipiert. Jede Note hat Luft, atmet, jede Note ist eine eigene Welt.

Ja. Er hatte eine Wahnsinnssensibilität und ein geradezu unmenschliches Gehör. Es kommt ja stets darauf an: Wie nimmst du etwas wahr, und was machst du daraus? Die Obertöne, die Pinch harmonics! Du drückst den Vibratohebel runter oder ziehst ihn hoch, und aus dem einen Ton, der so erklingt, hat er mit dem Hebel eine Melodie gestaltet. »Over the Rainbow« wäre ein herausragendes Beispiel. Er hat diese irrsinnig hohen einzelnen Obertöne moduliert. Meisterhaft. Ich habe nie jemanden gehört, der diese Technik annähernd so beherrscht hätte.

Oder sein Bottleneck-Spiel unterhalb des Griffbretts. Das Solo in »Angel« auf »Live at Ronnie Scott’s«: Mit der linken Hand dämpft er die Seiten ab, und mit dem Glasröhrchen schlägt er auf der Höhe des Halstonabnehmers die Saiten an, in Nanomillimeterabständen! Das ist intrikat hoch zehn! Und er kriegte das vollkommen sauber hin!

Aber Ritchie Blackmore hat mal gesagt, dass sich Musiker untereinander nie so unterhalten, wie wir das jetzt tun. Die sind auf dem Bau, die arbeiten! Die ham mit so was nix am Hut. Auch Jeff Beck hat sich nie darum geschert, was wann wie war. Der hat einfach gemacht. Musiker werfen keinen historisierenden Blick auf ihre Arbeit. Von Musikgeschichte haben sie herzlich wenig Ahnung. Warum sollten sie auch? Sie sind ja nicht die Konsumenten, sondern die Akteure, die Produzenten. Sie sind auch keine Wissenschaftler.

Ritchie Blackmore erzählte mal, dass Jeff Beck, nachdem er Jimi Hendrix zum ersten Mal in London live gesehen hatte, zu ihm gesagt habe, dieser Kerl aus Amerika fege sie alle aus der Arena, der bringe sie alle um.

Ja. Hendrix war der Talk of the town – nach dem berühmten 24. September ’66. Da haben alle Alarm geschlagen. Pete Townshend und Clapton waren sehr verunsichert. Dann sind sie zu einem Konzert von Hendrix marschiert, und hinterher waren sie völlig vernichtet. Jeff Beck hörte davon, ging ebenfalls zu einem Gig – und sagte danach: »Ich werd’ Briefträger.« Er meinte in einem Interview auch, es sei ungemein schwer gewesen, sich wieder zu motivieren und weiterzumachen. Man muss konstatieren: Ihm ist das besonders gut gelungen.

Jeff Beck stand mit Hendrix bald auf freundschaftlichem Fuß. Damals haben sie allerdings durch die Bank gesagt: »Wir waren hier die großen Nummern, und jetzt kommt da einer, der hat alles aus erster Hand drauf!« Logisch. Musik in England war Second hand, Hendrix war original – Buddy Guy und so weiter –, und er war ein voll ausgebildeter Musiker. Ach du lieber Himmel! Der Mann spielt ja alle durch die Wand! Die hatten richtig Angst.

Hendrix hat Dinge angestoßen, die Beck dann aufgriff, etwa, dicke Saiten zu verwenden, weil die natürlich voller klingen, das kontrollierte Feedback, etliches mehr. Und Hendrix hat jedem seine Tricks gezeigt. Die haben Gratisstunden gekriegt. Außergewöhnlich.

Tricks waren Jeff Becks Ding. Über die Jahrzehnte hat er sich tolle Tricks ausgedacht. Er war ein Tüftler, ein Arbeiter im allerbesten Sinne. Das wäre mein Versuch zu erklären, woher er diesen außerirdischen, diesen mal buchstäblich singenden, mal sprechenden Klang hatte: aus der Synthese aus Aneignung, Erfindergeist und höchster Disziplin. Jeff Beck war unendlich viel mehr als die Summe der aufzählbaren Elemente der Tradition. Das alles durchlief ja seine Psyche, seine Motorik.

Man hat schon in den Sechzigern gedacht: Jetzt ist er richtig in Fahrt! Die Jeff Beck Group! Aaah! Mein lieber Mann! Und ein paar Jahre später hat man gesagt: Ach, das war doch alles noch gar nix! Was hat der in den Siebzigern, den Achtzigern, den Neunzigern und bis zuletzt angestellt! Die Achtziger waren allerdings eine Scheißzeit für die Musik. Sein Album »Flash« vergessen wir deshalb lieber.

Zeitströmungen und Genres waren ihm grundsätzlich egal. Er hat sich einzig für die elektrische Gitarre und deren Soundmöglichkeiten interessiert, und deshalb kamen von ihm unterm Gesichtspunkt der Songauswahl doch auch manche Kraut-und-Rüben-Platten raus. Wahrlich eine Sünde war schließlich »Emotion & Commotion« von 2010. Da ist richtiger Quatsch drauf.

Und »Loud Hailer« sechs Jahre später?

Ist für mich völlig durchgefallen.

Das verstehe ich nicht. Ich finde die Mixtur aus Industrial-Lärm und erbarmungslosen, aggressiven Riffs und zugleich wundersam perlenden Licks fabelhaft.

Was er macht, ist alles exquisit, das ist so gut wie früher. Aber ich kann dieses Album aus einem anderen Grund nicht hören. Da trifft ihn der Vorwurf der Kollaboration. Ich kann diese Stimme von dieser Rosie Bones Oddie einfach nicht ertragen!

Gut, dann geht’s nicht. (Lachen.)

Arrrr. Er hatte doch wirklich schon tolle Sängerinnen, Joss Stone, Beth Hart, Imelda May. Und nun diese Rosie Bones! Die hat auch immer ein Gehabe! Mag ja sein, dass sie ein netter Mensch ist. Aber ich kann diese Stimme einfach nicht ab! Dafür nehme ich den Jeff Beck in Sippenhaft. Was er darbietet – großartig. Nur, du kannst ja kaum ein ganzes Stück anhören, weil die sofort wieder anfängt zu krähen!

Okay, abgehakt. Themenwechsel: Jeff Beck als Gastmusiker. Schwer zu sagen, welches seiner Soli mich am stärksten berührt, aber eins, das ich immer wieder höre, ist das in »What God Wants« auf Roger Waters’ »Amused To Death« von 1992.

Das ist schlicht grandios! Deshalb hab’ ich mir die Platte vor ein paar Jahren auch gebraucht besorgt. Die Sachen von ihm auf anderen Titeln sind ebenfalls herausragend. Leider sind die in langweilige Strecken eingebettet, die man durchstehen muss, bis er endlich loslegt. Ich kann Roger Waters einfach nicht ausstehen.

Ah, die nächste Pfeife! (Lachen.)

Ja! Das ist viel zu gut! Das kam übrigens oft vor, dass er als Gastmusiker für den jeweiligen Kontext völlig überqualifiziert war. Na ja, er hat da sein Ding gespielt und ist wieder nach Hause gefahren.

Dann komme ich noch mal auf den Industrial- oder Noise-Aspekt zurück. Was hältst du von der Kooperation mit Jennifer Batten, beispielsweise von dem ziemlich heftigen »What Mama Said«?

Das ist von seinem 99er Album, von »Who Else!«. Das war auch live ’ne prima Sache. Jennifer Batten ist eine extraordinäre Gitarristin. Sie ist nach wie vor unterwegs, Musiker müssen ja schaffen, bis sie umfallen. Es ist unverkennbar, dass sie durch die Zusammenarbeit mit Beck schwer kontaminiert wurde, natürlich zu ihrem Vorteil. Allerdings hat sie es überhaupt nicht nötig, ihn nachzumachen. Sie beherrscht das Tapping ja irrwitzig gut. Aber das ist der Unterschied zwischen Jeff Beck und den zahllosen anderen sehr, sehr guten Gitarristen: Er hatte etwas, was alle anderen nicht hatten. Ich weiß auch nicht. Das ist etwas … Er hat eben den Handwerker mit dem Künstler vereint. Viele sind einfach nur außergewöhnlich gute Handwerker. Beck war eindeutig der Künstler. Da war noch eine andere Dimension. Clapton ist auch überwiegend Handwerker. Der käme nicht auf solche verwegenen Ideen. Jeff Beck war unermesslich neugierig. Der wollte immer etwas Unerhörtes. Und das ist ihm jedesmal aufs neue gelungen. Wer weiß, was der noch ausgekocht hätte. Aber wen interessieren heute noch Fortschritte auf der E-Gitarre, falls die überhaupt noch möglich sind?

Sind Fortschritte in der populären Musik generell noch möglich?

Ich glaube nicht. Ein Freund von mir, er ist Profigitarrist, schrieb mir: »So ein Verlust!« Und: »Die Musik wird immer bedeutungsloser.« Leute wie Jeff Beck kennt kaum mehr jemand, und es wird solche Genies nie mehr geben.

Liegt das an dieser total kaputten Gesellschaft? In der Eigensinn, Individualität und Devianz nicht mehr honoriert und sogar abgestraft werden?

Das spielt auf jeden Fall eine große Rolle. Es kommt allerhand zusammen. Das ist ein abgelaufenes Uhrwerk, ein Zyklus, der zu Ende ist, man spürt überall die Dekadenz, wie in der Sprache. Man braucht ja bloß zu gucken: Wann war die interessante Zeit? Als die E-Gitarre neu und aufregend war! Da setzte eine Entwicklung ein und nahm, wie immer bei technischen Neuerungen, rasant Fahrt auf. Die Verstärker wurden immer besser, es kamen immer talentiertere Leute damit in Berührung, die Spieltechnik wurde immer anspruchsvoller, viele brachten den Kunstaspekt mit rein. Es entstand eine Kultur, die eine enorme Dynamik entfaltete.

Dann kam Hendrix, durch Hendrix entstand der Boom der Effektpedale – Roger Mayer hat die gebaut, und die haben alle benutzt –, und dann haben sich andere drangehängt, es ging weiter und weiter, und – irgendwann ist alles gesagt, alles gemacht, alles gespielt, und die Alten sind inzwischen tot.

In anderen Bereichen hat es sich ja ähnlich beschleunigt. Und es kommt die furchtbare Entwicklung durch die Zwangsdigitalisierung dazu. Junge Leute sehen in der Regel im Schaffen eines Musikers gar kein Werk mehr. Wer sammelt noch Platten? Wer sagt noch, er wolle ein Instrument lernen? In dieser Kultur leben? Ein Smartphone zu haben reicht mir nicht! Gibt’s kaum noch.

Die Musik war mal etwas Progressives. Es ging stets darum, etwas interessantes Neues zu machen. Das jeweils Neue der Digitalisierung wurde dagegen immer langweiliger. Wir leben in der vollständigen digitalen Ödnis.

Diejenigen, die damals den Fortschritt in der Pop- und Rockmusik im Grunde getragen haben, waren in den vierziger Jahren geboren worden, einige in den Fünfzigern. Warum kam nach dem Zweiten Weltkrieg gerade aus Großbritannien so viel? Weil es denen so scheiße ging, weil die bitterarm waren! Die mussten das kompensieren, wollten dem Elend entfliehen und mussten aufgrund dieser Befindlichkeit aus nichts etwas machen und haben daher auf allen künstlerischen Feldern experimentiert. Guck dir an, unter welchen Bedingungen die ersten phänomenalen LPs aufgenommen wurden! Zweispur-, höchstens Vierspurmaschinen! Die hatten technisch praktisch nix! Und was war entscheidend? Ideenreichtum! Die haben getüftelt und gebastelt, sonst wären Alben wie »Revolver« oder »Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band« nie entstanden. Irgendwann gab es Vierundsechzigspurgeräte. Ist dann noch mal was Interessantes entstanden? Nö. Der Mensch braucht eine Herausforderung. Wo ist denn heute eine Herausforderung? Ja, diese ganze Scheiße zu überleben. Das geht sowieso nicht. Diese Kultur hat ihr Ende erreicht. Da kommt nichts mehr. Es kann – wie in den Sechzigern, in den Siebzigern, als die Menschen noch etwas vorhatten und Kämpfe, auch gesellschaftspolitische, führten – nichts Bedeutendes mehr geben. Das ist alles am Arsch, erledigt, vorbei. Wir leben nach der Kultur, es herrscht Abbruchstimmung. Jetzt können nur noch die Faschisten kommen und alles zerkloppen, damit wir wieder in der Steinzeit landen. Und die Digitalisierung wird zu alldem gehörig beitragen.

Es gibt nach wie vor junge Leute mit Riesentalent, aber die finden heute das Umfeld, dieses Spannungsfeld, in dem etwas aus Mangel, aus Anregung, aus Reibung und Aufsässigkeit entsteht, nicht mehr, den Nährboden, den auch Genies benötigen. Die technische Primitivität, die war gut: Großes durch die Beschränkung der Mittel.

Dann schwelgen wir in Sachen Jeff Beck noch mal in Erinnerungen. Ich stelle eine These auf: »Live at Ronnie Scott’s« aus dem Jahr 2008 ist die beste Liveplatte aller Zeiten, die ist sogar besser als »Made in Japan« von Deep Purple.

Da möchte ich nicht widersprechen. Die ist ausnehmend gut. Es gibt so wenige Stellen, bei denen du sagen kannst – da macht er auch das entsprechende Gesicht –: Jetzt hat er den Anschluss verloren. Aber er rettet es wunderbar, und die Band lacht. Und es ist egal. Das ist live.

Vielleicht kann man zwei Titel nennen, die die Spannbreite des Beckschen Schaffens, seines ungeheuerlichen Könnens illustrieren: zum einen die Highspeed-Fusion-Jazz-Hölle »Scatterbrain« …

Allein der Takt! Und die Geschwindigkeit! Sehr schwer zu spielen.

… und zum andern »Cause We’ve Ended as Lovers«.

Ja, ja, klar! Das war immer eins seiner ganz besonders schönen Stücke. Die erste Version war auf der »Blow By Blow« von 1975, die George Martin produziert hat. Die war schon sehr schön. Aber was er im Laufe der Jahre draus gemacht hat … Er hat das Hunderte Male gespielt, er war ja eine alte Rampensau. Da entsteht natürlich jedesmal was anderes. Aus dem Stück hat er tatsächlich etwas Einzigartiges gemacht.

Die »Wired«, die 1976 erschienen ist, war allerdings für mich ein noch größeres Erlebnis, von der Anmutung her. Die halte ich mit für das Beste, was er aufgenommen hat. Das knallte dermaßen! Da hat er voll zugelangt. Die Akustik ist äußerst aggressiv, und er war endgültig auf die Stratocaster umgestiegen. Da war er definitiv wo angekommen. Junge, Junge, ist das eine Platte! Auf der erzeugt er Geräusche! Zum Beispiel bei »Goodbye Pork Pie Hat«, ursprünglich von Charles Mingus, haut er einen Ton rein, der so richtig lange steht. Ein Heulton! Wie ein Blasinstrument. Das ist groß gewesen. Was für eine gemeine Gitarre!

Wie findest du die »Guitar Shop« von 1989?

Für die hat er ausnahmsweise eine Menge komponiert. Er war ja kein großer Komponist. Der Anfang ist umwerfend, diese geschichteten Gitarren. Doch ich bin da ein bisschen zwiespältig, weil sie auf den Bass verzichtet haben. Der brillante Tony Hymas hat das alles auf dem Synthesizer erledigt. Doch da fehlt was.

Aber es ist das Instrumental »Where Were You« drauf.

Phantastisch. Aber zum Beispiel »Day In The House« hätte nicht sein müssen.

Brian May hat nach Jeff Becks Tod eine Videonotiz ins Internet gestellt und gesagt, »Where Were You« sei das schönste Gitarrenstück aller Zeiten.

Atemberaubend schön, ja. Brian May ist sowieso ein höchst verdienstvoller Mann. Man höre nur sein formidables Solo auf »It’s Late« von Queen.

Atemabschnürend ist gleichfalls Becks eineinhalbminütige Zwiesprache mit einer Amsel, »Blackbird« von »You Had It Coming« von 2001, diese Anverwandlung an die Natur.

Eine bemerkenswerte, singuläre Lautmalerei. Und überraschend ist, dass jemand so was überhaupt auf einem Album veröffentlicht. Ich kenne kein zweites Beispiel dieser Art. Ja, die Abwechslung bei Jeff Beck. Bei ihm war nichts einseitig.

Jetzt fällt mir noch etwas ganz anderes ein. Mich ärgert immer wieder – das wird dir genauso gehen –, dass von Leuten, die sich Musikhörer schimpfen, Jimmy Page ständig derart hochgejubelt wurde und wird, und keiner von denen hat je den Namen Jeff Beck gehört, geschweige denn mit ihm irgendwas verbunden. Eine schreiende Ungerechtigkeit!

Gut, dass du das sagst. Das hätte ich vergessen. Eine Sauerei ist das.

Es ist wie zu allen Zeiten: Das Volk guckt oder hört nie genau hin. Die erkiesen irgendeinen, der lauter schreit oder zugänglicher ist. Ich hab’ nichts gegen Jimmy Page, der ist ohne Frage ein guter Gitarrist und war ein erstklassiger Sessionmusiker. Man muss das jedoch vom Musikgewerbe, von dieser Industrie her sehen. Da war er natürlich geschickt. Er hat auch viel produziert und komponiert. Was den Zugriff auf die Gitarre angeht, war das allerdings meilenweit von Jeff Beck entfernt. Page hat, das muss ich deutlich sagen, keinen eigenen Stil.

Nein, hat er nicht.

Den spreche ich ihm glatt ab. Den hat er nicht. Und das geht ja weiter. Noch mal: Mir liegt nichts ferner, als den Mann schlechtzumachen, der ist ein unverächtlicher, guter Rockgitarrist, wie viele. Aber: Die große Schweinerei direkt am Anfang war, dass Jimmy Page das gesamte Konzept von Led Zeppelin nachweislich, wirklich nachweislich von Beck geklaut hat – und zwar von der ersten Jeff Beck Group mit Rod Stewart.

Page hatte sich ja schon bei den Yardbirds gewissermaßen eingeschlichen. Und nachdem Jeff Beck den Kram hingeschmissen hatte, war Page plötzlich der Chef. So. Und Page sah wenig später, dass die Jeff Beck Group in den USA auf Anhieb einen Riesenerfolg hatte. Aha, dachte er sich, das ist die Bandkonstellation, die man braucht: einen Leadgitarristen, einen sehr guten Sänger, einen sehr guten Schlagzeuger. Und das hat er mit Led Zeppelin, die bekanntlich zunächst The New Yardbirds hießen, eins zu eins abgekupfert.

Die erste Platte hat Page Jeff Beck dann vorgespielt, und der war fuchsteufelswild. Der dachte: Das haben wir ja aufgenommen! Page, der Lump, hat auch auf dem zweiten Zeppelin-Album Jeff Beck schamlos, ohne jeden Skrupel nachgeahmt. Und damit wurde der berühmt! Der beklaut, ohne mit der Wimper zu zucken, seinen alten Kumpel.

Du hast mir den »J Blues« geschickt, einen Track, den ich nicht kannte, von dem Album »Slap My Hand« von Jimmy Copley & Friends. Was Jeff Beck da aufführt, ist eine Unverschämtheit!

Und wie! Dieses Grunzen, Fauchen, Rülpsen, diese Verdauungs- und sonstigen Geräusche aus dem Tierreich in einer solch gedrängten Fülle! Und das ist keinerlei Effekthascherei. Das fließt alles ganz natürlich aus ihm heraus und ist zu einem erstaunlichen Kunstwerk integriert. Es klingt wie ein Lebewesen. Und er benutzt keinen Verzerrer! Die Verzerrung – sehr trocken, voll, nicht schrill – entsteht allein durch die Lautstärke. Mich beeindruckt das jedesmal wieder, weil das so eine Schweinerei ist!

Eugen Egner , Jahrgang 1951, ist Zeichner, Schriftsteller und früherer jW-Kolumnist (»Welt und Wahnwitz«). Er ist außerdem Gitarrist eines momentan auf Eis liegenden Trios, das der improvisierten Musik »im Grenzbereich von Rock, Jazz und Noise« frönt. Er lebt in Wuppertal

Jürgen Roth, Jahrgang 1968, ist Schriftsteller und Sprachwissenschaftler. Er lebt in Frankfurt am Main. Für junge Welt führten sie unter dem Titel »Praktizierte Notendemokratie« in der Ausgabe vom 30./31. Oktober 2010 ein Gespräch über Jeff Beck.

Eine Langfassung des Gesprächs finden Sie unter jungewelt.de

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