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Aus: Ausgabe vom 20.01.2023, Seite 12 / Thema
Maghreb

Die Rivalitäten blieben

Mit der »Union des Arabischen Maghreb« sollte Ende der 1980er Jahre eine engere Kooperation der nordafrikanischen Staaten entstehen. Doch die Pläne zerschlugen sich
Von Sabine Kebir
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Demonstrative Einigkeit: Tunesiens Präsident Ben Ali, der libyische Revolutionsführer Muammar Al Ghaddafi, König Hassan II. von Marokko, Algeriens Präsident Chadli Benjedid und Mauretaniens Präsident Sid Ahmed Taya bei der Eröffnungszeremonie des Maghreb-Gipfels am 16. Februar 1989 in Marrakesch

Am 10. Juni 1988, während eines vom damaligen algerischen Präsidenten Chadli Benjedid in Zeralda ausgerichteten Gipfeltreffens der Maghrebstaaten wurde ein Foto aufgenommen, das heute kaum noch glaubhaft wirkt. Tunesiens Präsident Zine El-Abidine Ben Ali, Marokkos König Hassan II., Gastgeber Chadli Benjedid, Mauretaniens Präsident Sid Ahmed Taya und Libyens Revolutionsführer Muammar Al Ghaddafi halten einander fröhlich die Hände und recken sie optimistisch in die Höhe. Das Foto sollte eine Übereinkunft demonstrieren, zielstrebig auf die Gründung einer Union des Arabischen Maghreb (UAM) zuzuarbeiten.¹

Die Idee dazu entstand – sicher parallel zur Herausbildung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft – bereits mit der 1956 erlangten Unabhängigkeit Marokkos und Tunesiens. Nachdem 1962 auch Algerien unabhängig geworden war, kam es 1964 unter Einschluss Libyens zur Gründung eines gemeinsamen Sekretariats in Tunis, das wirtschaftliche Zusammenarbeit, Post- und Fernmeldewesen koordinieren und auf eine Zollunion hinwirken sollte. Doch die UAM, der sich auch noch Mauretanien anschloss, nahm kaum Gestalt an.

Zeitweilige Annäherungen

Dass Algerien Ende der 1980er Jahre die Initiative zu einem neuen Anlauf ergriffen hatte, war kein Zufall. Das sozialistisch orientierte, aber weitgehend von ökonomischer Kooperation mit dem Westen abhängige Sozialstaatsmodell war durch den bis auf zehn Dollar pro Barrel gefallenen Preis des Erdöls nicht mehr aufrechtzuerhalten. Liberalisierungen der nicht rentabel arbeitenden Staatswirtschaft und die Stärkung maghrebinischer Kooperation schienen dringend geboten. Stärker mit den Nachbarländern zusammenzurücken war auch für Libyen wichtig. Ghaddafi wurde damals wegen der Errichtung eines pharmazeutischen Werks, das auch zur Herstellung von Giftgas hätte dienen können, vom Westen scharf angegriffen.

Spektakulär war die in Zeralda manifestierte Annäherung zwischen Algerien und Marokko, die wegen des Konflikts um die Unabhängigkeit der vom Königreich okkupierten Westsahara am Rande eines Krieges gestanden hatten. Sich darauf vorzubereiten war in den Jahren zuvor die Hauptbeschäftigung der algerischen Armee gewesen. Schon vier Tage vor dem Maghreb-Gipfel, am 6. Juni 1988, wurde als Zeichen der Entspannung die seit langem geschlossene Grenze zwischen dem algerischen Maghnia und dem marokkanischen Oujda für den visafreien Personenverkehr geöffnet, was insbesondere die Bewohner der grenznahen Gebiete beider Seiten, die auch verwandtschaftliche Beziehungen unterhalten, sehr begrüßten. Der Westen fühlte sich bereits im Vorfeld des Gipfels herausgefordert. Im Februar war der US-amerikanische General Vernon Walters nach Algier gereist, um die Regierung zur Absage der Konferenz zu bewegen – vergeblich.²

Der Begriff »Maghreb« bedeutet »Wo die Sonne untergeht«, meint also die westliche Region der arabischen Welt, zugleich ist es der Staatsname Marokkos.³ Die Völker der Länder, die sich in der UAM verbinden wollten, stehen sich kulturell viel näher als diejenigen, die in die Europäische Gemeinschaft strebten. Sie sind nicht nur durch den Islam und die maghrebarabische Sprache verbunden, sondern auch durch ein älteres Erbe, das sich vom Osten Nordafrikas nach Westen hin immer deutlicher manifestiert: die Kultur der Ureinwohner, der Berber. Deren verwandte, aber dialektal stark gespaltenen Sprachen sind noch immer die Muttersprache erheblicher Teile der Bevölkerung. Als Substrat hatte das Berberische auch großen Einfluss auf die seit dem Eindringen der Araber im 7. und 8. Jahrhundert sich entwickelnden volksarabischen Dialekte. Sie heben sich stark vom Arabischen des Nahen Ostens ab. Im Sinne des Panarabismus, der ab den 1970er Jahren vom Panislamismus überformt wurde, haben alle Regierungen des Maghreb den Fehler einer strikten Arabisierungspolitik begangen und die Berberkultur unterdrückt. Das lieferte dem Westen, insbesondere der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich, ein probates Mittel, die maghrebinischen Bevölkerungen in Arabophone und Berberophone zu spalten. Paris unterstützte die Berberbewegungen kulturell und nicht selten auch politisch organisierte Separatistenbewegungen.

Die nationalstaatlichen Spaltungen im Maghreb gingen auf Entscheidungen der osmanischen und europäischen Kolonisatoren zurück. Sie werden von den Menschen, die sich als kulturell nahestehend empfinden, als künstlich, ja sinnlos empfunden. Das heißt nicht, dass sich kein Nationalbewusstsein entwickelte. Und es gibt auch erhebliche, historisch bedingte strukturelle Unterschiede. Anders als Libyen, Tunesien und Marokko hat es in Mauretanien und Algerien nie eine monarchische Zentralmacht gegeben, die sich in Marokko bis heute hält. Das Königreich stellt territoriale Ansprüche im Westen Algeriens und im Süden bis nach Mauretanien hinein. Sie beruhen auf angeblicher Anerkennung des Königs durch die früher in diesen Gebieten lebenden freien Stämme. Die 1975 aus spanischer Kolonisation entlassene Westsahara wurde sogleich von Marokko vom Norden her und von Mauretanien im Süden okkupiert. Ein Teil der Bevölkerung war in die algerische Sahara geflohen, wo sie bis heute in Flüchtlingslagern lebt. Die zurückgebliebenen Sahraouis leben im marokkanischen Königreich als diskriminierte Minderheit. Mauretanien zog sich bereits 1979 aus dem von ihm besetzten Gebiet zurück. Wie Algerien unterstützt es – den Beschlüssen der UNO entsprechend – bis heute die Unabhängigkeit der Westsahara.

Vorbild RGW

Schon die in Zeralda beschlossene Wiederbelebung der UAM weckte die Hoffnung, dass dieser Konflikt gelöst werden könne. Aber wie? Denn letztlich liegt eine geostrategische Konkurrenz zugrunde. Marokko war und ist der wichtigste militärische Partner der USA an den mediterranen und atlantischen Westküsten Afrikas. Algerien gehörte zum militärischen Einflussbereich der Sowjetunion, später Russlands. Eine unabhängige Westsahara bedeutete für den Westen die Gefahr einer russischen Brücke zum Atlantik.

Acht Monate nach dem Gipfel in Zeralda entstand ein weiteres denkwürdiges Foto, das Chadli Benjedid und Hassan II. in Marrakesch bei der Unterschrift eines Vertrags über eine Pipeline zeigt, durch die algerisches Gas nach Marokko exportiert werden sollte. Dieses wichtige Kooperationsprojekt wurde während des zweiten Gipfeltreffens der fünf Maghrebstaaten im Februar 1989 besiegelt, auf dem sie den in der Zwischenzeit ausgearbeiteten Vertrag über ihre Union unterschreiben wollten. Die Journalistin Fatiha Akeb, die als Sonderberichterstatterin für Algérie Actualité in Marrakesch war, erläuterte, dass die Realisierung des Arabischen Maghreb angesichts der fortschreitenden Integration der Europäischen Wirtschaftsunion unabdingbar sei, um dieser mit gestärkten gemeinsamen Positionen entgegentreten zu können, anstatt immer wieder auseinanderdividiert zu werden. Algerien plane nicht nur mit Marokko gemeinsame Projekte, sondern mit Tunesien sei ebenfalls eine Pipeline und eine gemeinsame Wirtschaftszone im Grenzbereich vorgesehen. Mit Mauretanien errichte man eine Raffinerie, mit Libyen waren bereits binationale Gesellschaften gegründet worden. Und da Hassan II. in Marrakesch auch Repräsentanten der Befreiungsarmee der Westsahara, des Frente Polisario⁴, getroffen habe, bestehe tatsächlich Hoffnung auf eine Lösung des Konflikts.⁵

Sehr ähnliche Positionen vertrat auch der von Akeb interviewte marokkanische Ökonomieprofessor Fathallah Oualalou. Rückblickend erstaunlich, nannte er als erstrebenswertes Vorbild für die UAM nicht die EG, sondern den Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe der sozialistischen Länder (RGW).⁶ Der völlige Zusammenbruch des Ostblocks war im Februar 1989 offenbar noch nicht vorstellbar.

In der nächsten Nummer von Algérie Actualité war ein Foto zu sehen, das die fünf Staatschefs in Marrakesch bei der Unterschrift des Vertragswerks zum Arabischen Maghreb zeigt. Fatiha Akeb berichtete, dass die freie Zirkulation von Gütern, Diensten, Personen und Kapital noch nicht erfolgen könne, was aber mittelfristig angestrebt werde. Die Staaten behielten die Souveränität über ihr Verteidigungssystem, würden aber einen Angriff auf eines der Länder als einen Angriff auf alle betrachten. Sie engagierten sich, auf ihrem jeweiligen Territorium keinerlei Vorbereitungen für Angriffe auf die Sicherheit und das politische System der je anderen Staaten zuzulassen. Sie wollten auch keinem Pakt oder Militärsystem beitreten, das ein Mitglied der UAM bedrohte. Jedes weitere Nachbarland sollte ihr beitreten können, wenn die anderen Mitglieder das befürworteten.⁷

Es war dann doch nicht sonderlich überraschend, dass die Frage der Westsahara aus den Verhandlungen und dem Vertrag der UAM ausgeklammert worden war. Die Polisario wollte das Maghreb-Projekt ebenfalls unterstützen und hatte nach dem ersten überhaupt stattgefundenen Gespräch mit dem König einen Waffenstillstand verkündet. Ihr damaliger außenpolitischer Sprecher, Mohamed Baschir Mustapha Sayed, gab allerdings wenige Tage nach dem Vertragsabschluss von Marrakesch auf einer Pressekonferenz in Rom bekannt, dass es keinen Termin für die Fortführung des Dialogs gebe. Falls dieser bis Ende Februar nicht vereinbart sei, würden die Kämpfe wieder aufgenommen – was auch geschah.

In der Tat blieb der bis heute ungelöst gebliebene Konflikt um die Westsahara der Hauptgrund, weshalb sich der Arabische Maghreb nicht zu einer der EU ähnlichen Struktur entwickeln konnte. Die angestrebte Verstärkung wirtschaftlicher Kooperation blieb weit unter den Möglichkeiten. Dass die Pipeline für Erdgas zwischen Algerien und Marokko dennoch gebaut und in Betrieb genommen wurde, lag vor allem daran, dass Marokko das Gas mangels eigener Ressourcen dringend benötigte. Außerdem wurde die Pipeline verlängert, wodurch algerisches Gas auch nach Spanien exportiert werden konnte.

Islamistenbekämpfung

Blieb der offizielle Handel gering, florierte der Schwarzmarkt um so stärker. Die langen, oft in unbewohnten Steppen- oder Wüstengebieten befindlichen Grenzen können leicht überwunden werden. So werden bis heute in Algerien subventionierte Grundnahrungsmittel gegen marokkanische Drogen getauscht.

Dass die offiziellen Landesgrenzen zwischen beiden Staaten bald wieder geschlossen wurden, entsprang allerdings der Sorge vor einem Übergreifen des 1992 in Fahrt gekommenen algerischen Bürgerkriegs, der ein weiterer Grund für das faktische Scheitern der UAM war. Vor dem Hintergrund einer sozialen Krise lösten von den Golfstaaten und vom Westen unterstützte Islamisten den Krieg aus, um die sozialistisch-antiimperialistische Politik zu untergraben, die Algerien seit seiner Unabhängigkeit verfolgt hatte. Marokko spielte dabei eine ambivalente Rolle: Selbstverständlich wollte auch Hassan II. die Macht nicht an Islamisten verlieren, die auch in seinem Land, in dem große Teile der Bevölkerung chronisch arm sind, an Einfluss gewonnen hatten. Der nach dem Abbruch der 1991 von Islamisten gewonnenen algerischen Parlamentswahl gebildete Nationale Konsultativrat durfte geheime Verhandlungen mit dem seit fast drei Jahrzehnten in Marokko lebenden ehemaligen »Dissidenten« Mohamed Boudiaf führen und ihn im Januar 1992 als künftigen Interimspräsidenten nach Algier eskortieren.⁸ So half der König, das Abgleiten Algeriens in einen Islamischen Staat zu verhindern. Andererseits offenbarte 1993 der damals einflussreichste Emir der bewaffneten islamistischen Gruppen, Abdelhak Layada, der sich illegal wegen Waffenkäufen in Marokko aufgehalten hatte, nach seiner Auslieferung an algerische Sicherheitskräfte, dass marokkanische Geheimdienste versucht hatten, ihn zur Aufstellung einer Liste von algerischen Intellektuellen und Politikern zu bewegen, deren Eliminierung im gemeinsamen Interesse liege.⁹

Während Algerien und Tunesien bei der Bekämpfung der Islamisten zusammenarbeiteten, weshalb die Grenzübergänge offen bleiben konnten,¹⁰ gestaltete sich das Verhältnis der Länder der UAM zu Libyen komplizierter. Ghaddafi zielte auf rasche staatliche Fusionen, insbesondere mit Algerien, dessen Staatsfeiertage er eine Zeitlang übernahm. Aber sein eigenwilliges Revolutionskonzept sowie erratisches Handeln bezüglich der islamistischen Bedrohungen erzeugten bei den Nachbarländern kein Vertrauen. Er bekämpfte Islamisten zwar im eigenen Land, bot sich aber auch als Vermittler zwischen den anderen Regierungen und den Islamisten an, die sich in Europa und den USA praktisch als Exilregierungen etabliert hatten. Ghaddafis Verhältnis zum Westen wurde nun auch durch einen lange schwelenden Streit um die Urheberschaft des Lockerbie-Anschlags endgültig zerrüttet. Das erschwerte auch die Zusammenarbeit mit den Nachbarstaaten.

Dass die Anrufung einer Union des Arabischen Maghreb spätestens seit Beginn des neuen Jahrtausends immer anachronistischer anmutete und nur noch vom »Großen Maghreb« gesprochen wird, lag an den parallel zur islamistischen Herausforderung der neunziger Jahre verlaufenden, erfolgreichen Emanzipationskämpfen der Berber in Marokko und Algerien, wo noch etwa bei 50 beziehungsweise 30 Prozent der Bevölkerung die Berbersprachen den Alltag prägen. Obgleich es in Algerien zu taktischen Bündnissen zwischen Islamisten und einer Berberpartei gekommen war, zum Beispiel 1994 bei einem gleichzeitig ausgerufenen Schulstreik, lagen doch unterschiedliche, sogar gegensätzliche Ziele vor. Die Islamisten hatten die Eltern aufgerufen, die Kinder nicht in die Schule zu schicken, solange noch Französisch und Musik gelehrt werde, Mädchen am Sportunterricht teilnähmen und Mädchen- und Frauenschleier nicht vollständig durchgesetzt seien. Der Front des Forces Socialistes hatte dagegen gefordert, die Schulen so lange zu boykottieren, bis dort auch die Berbersprachen unterrichtet würden – was ein genuin demokratisches Anliegen war. Der Aufruf der Islamisten wurde in den arabophonen Gebieten kaum befolgt, weil sich damals bereits viele Algerier, die sie gewählt hatten, von ihnen abwandten und die Bildung ihrer Kinder nicht aufs Spiel setzen wollten. Der von den Berberbewegungen organisierte Schulstreik führte jedoch zum überfälligen Einlenken der Regierung, die nun begann, das Berberische in den Schulen zu fördern und auch eine entsprechende Forschungsakademie zu ermöglichen. Es wurde 2002 zur zweiten Nationalsprache und 2016 zur zweiten Amtssprache erklärt. In Marokko wurde Berberisch ab 2001 im Bildungswesen erlaubt und erhielt 2015 den Status einer zweiten Amtssprache.¹¹

In den anderen Maghrebstaaten sprechen jeweils nur noch sehr kleine Minderheiten Berberdialekte, weshalb sich die Frage ihres nationalen Status kaum stellt. Allerdings ist auch dort das Bewusstsein der berberischen Wurzeln der eigenen Kultur gewachsen, was sich an bewusster Ausübung berberischer Riten bei Feiern und auf speziell ausgerichteten Märkten zeigt. In Algerien ist seit 2019 Yennayer, der am 12. Januar gefeierte Tag des berberischen Neujahrsfestes, arbeitsfrei, auch in den arabophonen Regionen.¹² Im Westen wird kaum zur Kenntnis genommen, dass die Anerkennung und Förderung der Berberkultur einen bedeutenden Demokratisierungsschub für die Region darstellt. Sie stellt auch ein Gegengewicht zur islamistischen Ideologie dar, die jede nichtislamische Zivilisation negiert und – wo sie sich manifestiert – auch bekämpft.

Spielball der Weltpolitik

Außer in Libyen scheinen die islamistischen Bewegungen im Maghreb mittlerweile parlamentarisch eingehegt zu sein. Dass man nicht mehr vom Arabischen Maghreb, sondern vom Großen Maghreb spricht, hängt mit der Anerkennung der Berberkulturen zusammen. Aber warum kommt es zu keinem neuen Versuch, ihn als Staatengemeinschaft vertraglich zu etablieren, etwa nach dem Beispiel der Westafrikanischen Wirtschaftsorganisation? Das hängt zweifellos wieder mit den Hegemoniekämpfen zusammen, die sich für den Westen durch das Erstarken des Einflusses von China und Russland in Afrika ergeben haben. Medial noch wenig beachtet, stellt die Westsahara erneut einen der wichtigsten Brennpunkte dar. Weder die Afrikanische Union noch die UNO haben ihre Resolutionen geändert, wonach sie eine unabhängige Republik werden solle. Aber Marokko, das die Rohstoffe der Westsahara intensiv ausbeutet und die Region auch landwirtschaftlich erschließt, will dem von der UNO seit Jahrzehnten verordneten Referendum nur zustimmen, wenn auch die inzwischen dorthin umgesiedelten Marokkaner einbezogen werden. Donald Trump vermittelte 2020 die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Marokko und Israel und verkündete, im Gegenzug die Annexion der Westsahara anzuerkennen, wozu er auch etliche Golfländer und Jordanien aufforderte. Allerdings machte die Biden-Administration einen Rückzieher, indem sie das in der Westsahara geplante Konsulat nicht errichtete. Sie erwog sogar, das – entgegen den Bestimmungen des 1989 von Marokko mit den anderen Maghrebstaaten unterzeichnetem Vertrags – alljährlich auch auf westsaharischen Territorien stattfindende Großmanöver »African Lion«, an dem sieben afrikanische Länder teilnehmen, an einen anderen Ort zu verlegen. Im Sommer 2022 fand es dennoch statt. Als Reaktion darauf führte Algerien mit Russland ein Manöver in der westlichen Region um Bechar durch.

Die algerisch-marokkanischen Beziehungen sind stärker vergiftet denn je. Marokko verbreitete in der UNO eine Denkschrift, in der die Unabhängigkeit der größten Berberregion des Nachbarlands, der Kabylei gefordert wird. Algerien beschuldigte Marokko, die Autonomiebewegung der Kabylei infiltriert zu haben und mitverantwortlich für die 2021 dort ausgebrochenen Großbrände zu sein. Seitdem fließt kein Gas mehr durch die über Jahrzehnte funktionierende Maghreb-Pipeline nach Marokko. Auch Spanien gefährdete den Bezug von algerischem Gas, weil der Sozialistische Premier Pedro Sanchez 2021 einen Vorstoß unternahm, die marokkanische Annexion der Westsahara anzuerkennen. Das wurde allerdings vom spanischen Parlament abgeschmettert.

Die Einladung zu einem Anfang November 2022 in Algier stattfindenden Gipfeltreffen der Arabischen Liga lehnte König Mohamed VI. mit der Begründung ab, dass er dort womöglich auf die provisorische Regierung der Westsahara treffen könnte.¹³ Der Gipfel bestätigte die Forderung nach deren Unabhängigkeit.

Anmerkungen

1 Das Foto illustriert die acht Monate später entstandene Reportage über die Vertragsunterzeichnung zum Arabischen Maghreb in Marokko: Fatiha Akeb: Sommet Maghrebin. Le temps des certitudes, Algérie Actualité v. 16.-22. 2. 1989, S. 16

2 Abed Charef: Octobre. Algérie ´88. Un chahut de gamine...?, Algier 1990, S. 269

3 Die im Nahen Osten liegenden arabischen Staaten sind der ­»Maschrek« – »Wo die Sonne aufgeht«.

4 Seit 1973 kämpfte der Frente Polisario gegen Spanien, seit 1975 bis heute kämpft er gegen Marokko für die Unabhängigkeit der Westsahara.

5 Fatiha Akeb: Sommet Maghrebin. Le temps des certitudes, a. a. O.

6 Fatiha Akeb: Le Magreb, une utopie possible. Entretien avec ­Fathallah Oualalou, Algérie Actualité v. 16.-22. 2. 1989, S. 17

7 Fatiha Akeb: Somet Maghrebin. Enfin, il est là, Algérie Actualité v. 23. 2. – 1. 3. 1989-1.3.1989, S. 16f.

8 Boudiaf war womöglich der einzige Politiker, der in der Lage war, den Westsahara-Konflikt zu lösen. Kurz vor seiner Ermordung war er nach Marokko gereist. Über die dort geführten Gespräche wurde nie etwas bekannt. Sie könnten ein Grund seiner Ermordung gewesen sein.

9 Layada hatte auch versucht, in grenznahen marokkanischen Gebieten bewaffnete Gruppen aufzubauen. In Algerien wurde er u. a. wegen der Vorbereitung der Ermordung des bekannten Autors und Journalisten Tahar Djaout zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde in eine Freiheitsstrafe umgewandelt.

10 Wegen Namensgleichheit mit dem in der Bundesrepublik als offizieller Vertreter der islamistischen Opposition lebenden Rabah Kebir wurde mein Mann, Saddek Kebir, dessen Pass eine deutsche Aufenthaltsgenehmigung enthielt, einmal stundenlang an der algerisch-tunesischen Grenze festgehalten.

11 Die von Frankreich stark unterstützte algerische Berberbewegung schrieb noch bis 2016 meist mit lateinischen Lettern. Seit der Offizialisierung wird das altphönizische Alphabet genutzt, das nur noch bei den Tuareg in Gebrauch war. Auf in arabischer Schrift abgefasste alte berberische Quellen verweisend, wird Berberisch in Marokko mit arabischen Lettern geschrieben.

12 Der berberische Kalender fußt auf der 950 v. u. Z. erfolgten Thronbesteigung des in der Bibel erwähnten Pharaos Shishaq, der berberischen Ursprungs war. Danach ist 2023 das berberische Jahr 2973.

13 Das war vorgeschoben, denn die Westsahara ist kein Mitglied der Arabischen Liga.

Sabine Kebir schrieb an dieser Stelle zuletzt am 4. Juli 2022 über die journalistische Tätigkeit der sowjetischen Agentin Ilse Stöbe.

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