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Aus: Ausgabe vom 20.01.2023, Seite 8 / Ansichten

Krim als Schlüssel

Waffenlieferung an Ukraine für Offensive
Von Reinhard Lauterbach
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Umkämpfte Halbinsel: Der Anschlag auf die Brücke zwischen der Krim und der Stadt Kertsch im Oktober 2022

Die USA verfolgen im Ukrai­ne-Konflikt eine Strategie, die man moralisch als bösartig und verlogen kennzeichnen kann, auch wenn einen das politisch nicht weiterbringt. Die Washington Post hat die Strategie vor einigen Tagen als »Boiling the frog« beschrieben: die Spannung in kleinen Schritten erhöhen, um den Frosch aus der Metapher – im Klartext: Russland – daran zu hindern, aus dem sich langsam erhitzenden Wasser wieder herauszuspringen und sich zu retten.

Jetzt steht offenbar der nächste Dreh am Hitzeregler bevor. Die New York Times berichtete am Mittwoch unter Berufung auf Insider der US-Regierung, Präsident Joseph Biden sei immer mehr bereit, die Ukraine mit Waffen auszustatten, die ihr auch Angriffe auf die Krim ermöglichten – und damit auf ein Territorium, auf dem sich Russland seit 2014 halbwegs häuslich eingerichtet hat, und das mit breiter Zustimmung der örtlichen Bevölkerung.

Die Logik dahinter ist klar. Die Kontrolle über die Krim ist für Russland der Schlüssel zu seiner Präsenz im Schwarzen und Mittelmeer und seine Machtprojektion im Nahen Osten – etwa bei der Unterstützung der syrischen Regierung. Und für die NATO der Schlüssel, Russland aus dieser Weltregion auf Dauer zu verdrängen. Wenn die Krim unter die Kontrolle der Ukraine und damit der NATO geriete, wäre die russische Schwarzmeerküste blockiert, bevor der erste Schuss fällt. Als nächstes würden irgendwelche Separatismen im multiethnischen Kaukasus aufflammen, die Ukraine erhebt jetzt schon halblaut Ansprüche auf das nordkaukasische Kuban-Gebiet als »Kosakengebiet« – als wären Kosaken zwangsläufig Ukrainer. Auf ukrainischer Seite kämpfen jetzt schon Georgier und Tschetschenen, die die Verhältnisse in ihrer Region zulasten Russlands umkrempeln wollen.

Wenn Wladimir Putin in öffentlichen Auftritten vor der Gefahr einer Aufspaltung Russlands im Falle einer Niederlage im Ukraine-Krieg warnt, dann wird das im Westen allenfalls als Ausdruck von Paranoia und Anzeichen einer »Parallelwelt« kommentiert, in welcher der Präsident sich mental aufhalte. Niemand habe schließlich die Absicht … usw. Man muss nur die Homepage des US-Propagandasenders Radio Liberty aufsuchen und schauen, in welchen Sprachen und für welche Zielgruppen da gesendet wird, um sich vom Gegenteil zu überzeugen.

Russland hat bisher die Aufrüstung der Ukraine mit NATO-Waffen erstaunlich stillschweigend – das heißt, unter lediglich verbaler Kritik hingenommen, aber ohne den Versuch, die Lieferungen faktisch zu unterbinden. Vermutlich in der Erwartung, am Boden Tatsachen geschaffen zu haben, bevor die NATO-Waffen einsatzbereit sein würden. Die geplanten Panzerlieferungen an die Ukraine sollen ihr die nächste Großoffensive ermöglichen, und zwar wahrscheinlich nicht im Donbass, sondern in den Steppengebieten zwischen Saporischschja und dem Asowschen Meer. Und damit in Richtung Krim.

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  • Leserbrief von Fred Buttkewitz aus Ulan - Ude, Russland (20. Januar 2023 um 03:51 Uhr)
    »Wenn die Krim unter die Kontrolle der Ukraine und damit der NATO geriete, wäre die russische Schwarzmeerküste blockiert, bevor der erste Schuss fällt.« Ein guter Artikel, aber das wäre nun wirklich Zauberei. Gemeint ist wohl: ohne einen Schuss der USA. Wenn Russland das alles »spezielle militärische Operation« nennt, dann stimmt dies sicher im Vergleich zu den Kriegen der USA in Vietnam oder im Irak. Der Westen hat zwar ebenfalls keinen seiner Kriege der letzten 25 Jahre Krieg genannt, aber hier handelt es sich tatsächlich seitens Russlands um eine Operation mit bisher angezogener Bremse. Es kann doch kein Zweifel daran bestehen, dass sie in der Lage wären, Kiew oder andere Zentren in kurzer Zeit so in Schutt und Asche zu legen wie die USA Mossul. Dies erfolgte nicht, weil es seitens der russischen Führung nicht gewollt ist. Doch wenn die Krim ernsthaft in Gefahr geriete, könnten bisherige Begrenzungen fallen. Die Ukraine kann die Krim zwar beschießen, jedoch wegen der immer schwächer werdenden Personaldecke der Armee nicht einnehmen oder dauerhaft besetzen. Da müssten Staaten des Westens wie gehabt selbst auf der Krim einmarschieren, dann aber mit dem gleichen – oder noch schlechterem – Ergebnis wie die vergangenen Male. Letzteres ist wahrscheinlicher.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (19. Januar 2023 um 21:45 Uhr)
    Die Google-Suche »@twitter decolonize russia« führt u.a. auf diesen Tweet: https://twitter.com/kevinrothrock/status/1539316262890786816 vom 21.6.2022. Text: »Later this week, a U.S. government commission will host an event titled ›DECOLONIZING RUSSIA: A Moral and Strategic Imperative.‹ The stated premise is that Russia’s ›decolonization‹ is needed ›for it to become a viable stakeholder in European security and stability.‹« Die »U.S. government commission« ist die CSCE. Hier kann man den Ursprung des Zitats finden: https://www.csce.gov/international-impact/press-and-media/press-releases/decolonization-russia-be-discussed-upcoming (von hier aus mehr: https://www.csce.gov/search/site/decolonize%20russia) Die Aussagen aus dieser Ecke lassen an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Weiters ersichtlich: Da ist allerhand Personal beteiligt, die Klitschko-Klone stehen bereit.

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