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Aus: Ausgabe vom 20.01.2023, Seite 3 / Schwerpunkt
Arbeitskampf

Mehr Angriffslust, bitte!

In der Tarifrunde bei der Deutschen Post fordert Verdi ein Lohnplus von 15 Prozent. Konzernboss nennt das »realitätsfern«
Von Ralf Wurzbacher
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»Schlechtbezahlte Knochenarbeit«: Briefträgerin, die an Verdi-Fahne vorbeirollt

Die Post geht bei der Deutschen Post in diesen Tagen und Wochen nun wahrlich nicht ab. Briefe und Pakete erreichen die Empfänger häufig verspätet, manchmal gar nicht, pro Monat lösen sich Zehntausende Sendungen in Luft auf. Die Zahl der Beschwerden hat im Vorjahr ein nie dagewesenes Niveau erreicht (siehe Text unten). Der Krankenstand in der Belegschaft ist hoch, die Stimmung mies, und dringend benötigtes Personal lässt sich angesichts der schlechtbezahlten Knochenarbeit auch keines auftreiben. Und was fällt Konzernchef Frank Appel zu all dem ein? »Muss tatsächlich jeder Brief, oder mehr als 80 Prozent, am nächsten Tag zugestellt werden?« So abgehoben lebt es sich im Wolkenkuckucksheim – bei einem Jahressalär von über zehn Millionen Euro.

Die »Sorgen« des Topmanagers könnten demnächst noch größer werden. Seit Anfang Januar sind bei der Post AG Tarifauseinandersetzungen im Gange, und die Forderungen der Werktätigen müssen auf einen Vollblutkapitalisten wie Appel geradezu ungeheuerlich wirken. 15 Prozent mehr Lohn für die rund 160.000 Tarifbeschäftigten verlangt die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Außerdem sollen Auszubildende und sogenannte dual Studierende mit jedem Lehrjahr monatlich 200 Euro mehr erhalten sowie die sogenannte Postzulage für die rund 22.000 im Unternehmen tätigen Beamten fortgeschrieben werden. Die offensive Gangart ist angesichts der anhaltenden Rekordinflation buchstäblich aus der Not geboren. »Die Lebensrealität unserer Mitglieder ist, dass sie sonst nicht wissen, wie sie die Preissteigerungen bewältigen können«, äußerte sich die stellvertretende Verdi-Bundesvorsitzende und Verhandlungsführerin Andrea Kocsis.

Gesagt hat sie dies nach der ersten Gesprächsrunde vor zwei Wochen. Die war erwartungsgemäß ohne Annäherung zu Ende gegangen. Allein bei der angepeilten Laufzeit liegen zwischen den Positionen Welten. Die Gewerkschaft möchte das neue Regelwerk auf zwölf Monate begrenzen, die Gegenseite orientiert auf Mitte 2025. Und natürlich nennen die Post-AG-Bosse die 15-Prozent-Ansage »realitätsfern« und auf keinen Fall erfüllbar. Ach wirklich? 1974 hatte die Verdi-Vorgängerorganisation ÖTV unter dem Eindruck der weltweiten Ölkrise ebenfalls für 15 Prozent mehr Lohn und Gehalt gestritten und schlussendlich ein Plus von elf Prozent durchgesetzt. Allerdings waren das Zeiten, in denen die Beschäftigten noch in Massen auf der Straße für ihre Interessen kämpften, zumal im Gefolge von Gewerkschaftsführern, die kämpferischer daherkamen als die weichgespülten Funktionäre von heute.

Außer mit verbalen Spitzen ist Verdi im laufenden Tarifkonflikt bisher nicht mit sichtbarer Angriffslust aufgefallen. Offensiver tritt dagegen die Kommunikationsgewerkschaft DPV (DPVKOM) auf, die als kleiner Fachverband mehr als 20.000 Beschäftigte bei Post, Postbank, Telekom und Callcentern vertritt. Seit Ende der Friedenspflicht bestreikten deren Mitglieder für jeweils zwölf Stunden die Post-Niederlassung in Magdeburg und am zurückliegenden Dienstag die in Karlsruhe. Die DPV fordert zwar nur zwölf Prozent mehr Lohn, setzt sich dafür aber für eine überdurchschnittliche Aufwertung der unteren Entgeltgruppen um 500 Euro und eine Höhergruppierung bestimmter Beschäftigtengruppen ein. Für die Gewerkschaft ist die Deutsche Post DHL Group (unter diesem Namen tritt die AG seit 2015 international auf, jW) ein »Gewinner der Coronapandemie«, mit einem für 2022 prognostizierten Gewinn von 8,4 Milliarden Euro. Mehr hat der Konzern in einem Jahr noch nie gescheffelt.

Möglich gemacht haben das ein rabiater Stellenabbau, ein massiv ausgedünntes Filialnetz, ständige Preiserhöhungen, Abstriche beim Service sowie vor allem unterbezahlte und überlastete Mitarbeiter. In Deutschland verdienten Beschäftigte von Post-, Kurier- und Expressdiensten 2021 im Monatsmittel knapp über 3.000 Euro brutto. Sie lagen damit rund 1.000 Euro unter dem gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt. Das Einstiegsgehalt für Zusteller bei der Deutschen Post AG liegt aktuell bei kümmerlichen 2.400 Euro. Im Rahmen der letzten Tarifrunde erhielten die Post-AG-Beschäftigten 2021 drei Prozent und zum Jahresbeginn 2022 weitere zwei Prozent mehr Einkommen. Bei einer Inflationsrate von fast acht Prozent im Vorjahr bedeutet dies einen erheblichen Reallohnverlust. Auch angesichts dessen und der glänzenden Geschäftszahlen des Konzerns sei ein 15-Prozent-Zuschlag »nicht realitätsfern, sondern notwendig, gerecht und machbar«, erklärte Verdi-Vize Kocsis im Vorfeld der zweiten Verhandlungsrunde, die am Mittwoch und Donnerstag an einem nicht bekanntgegebenen Ort tagte.

Vom Global Player aus Bonn gab es tags zuvor eine Riesenportion Augenwischerei. Das Top Employers Institute, eine Art Ratingagentur in puncto Mitarbeiterführung, habe die Deutsche Post AG als »Top-Arbeitgeber in Europa« ausgezeichnet, teilte die Pressestelle mit. Dabei hätten die Prüfer insbesondere den »außerordentlich hohen Stellenwert« von »Ethik und Integrität (…) in allen Unternehmensbereichen« gewürdigt. Konzernpersonalvorstand Thomas Ogilvie bemerkte ganz entzückt: »In unserem Geschäft sind es die Menschen, die den Unterschied machen.« 2022 kassierte Ogilvie 4,3 Millionen Euro – so viel Unterschied muss sein.

Hintergrund: Deutsche Post und jW

Mach deine Rechnung nie ohne die Post. Für die junge Welt ist die Geldmacherei des gelben Riesen seit Jahren ein arges Geschäftsrisiko. Als einer der größten Einzelkunden des Bonner Konzerns bei den Zeitungszustellungen trifft sie jede Preissteigerung mit voller Härte. Wird die jW als Streifbandzeitung zugestellt, werden dafür seit 1. Januar satte 30 Prozent mehr fällig als im Vorjahr. Für den Next-Day-Service, bei dem die jeweilige Ausgabe am Tag des Erscheinens im Briefkasten landet, sind es binnen zwei Jahren sogar 70 Prozent mehr geworden. In diesem Zeitraum sind die Grundzustellkosten um 8,8 Prozent gestiegen. Dabei geht das unablässige Drehen an der Preisschraube mit dramatischen Verschlechterungen der Lieferung einher. Es existieren zu wenige Zusteller, und die vorhandenen Kräfte haben viel zu viele Sendungen zu bewältigen.

In der Konsequenz kommt die Zeitung häufig nicht rechtzeitig, sondern erst Tage später an. Vermehrt berichten Leser von Fällen, in denen sie zwei oder drei Ausgaben im »Bündel« erreichen. Eine Betroffene aus Meppen im Emsland »freute« sich am Mittwoch über die buchstäblich »erste echte Tageszeitung«, die sie am Tag des Erscheinens in den Händen halten durfte – obwohl sie die jW seit Anfang Dezember bezieht. In ihrem Stadtgebiet liefere die Post nur noch zwei- bis dreimal in der Woche aus; selbst das örtliche Anzeigenblättchen käme nur noch unregelmäßig, der Spiegel meist mit einer halben Woche Verzug, berichtete sie. Die faktische Vertragsbrüchigkeit der Post beschert dem Verlag empfindliche Verluste. Die unpünktliche Auslieferung ist einer der Hauptgründe für Abo-Abbestellungen. (rwu)

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