3 Monate jW-digital für 18 Euro
Gegründet 1947 Donnerstag, 2. Februar 2023, Nr. 28
Die junge Welt wird von 2701 GenossInnen herausgegeben
3 Monate jW-digital für 18 Euro 3 Monate jW-digital für 18 Euro
3 Monate jW-digital für 18 Euro
Aus: Ausgabe vom 18.01.2023, Seite 12 / Thema
Monopole

Wirtschaft im Krieg

Die »Zeitenwende« hat für Bayer und die anderen großen deutschen Konzerne einige Veränderungen mit sich gebracht. Auf die Ertragslage wirkte sich dies bisher allerdings nicht aus
Von Jan Pehrke
12-13web.jpg
Schöner schaukeln. Wirtschaftsminister Robert Habeck war im März 2022 zusammen mit den Repräsentanten der wichtigsten deutschen Konzerne auf Shoppingtour auf der Arabischen Halbinsel

Von dem, was in der Ukraine bevorstehen würde, haben die deutschen Konzernbosse bereits etwas früher erfahren als andere. Ein paar Tage vor dem 24. Februar nahm der republikanische US-Senator Lindsey Graham die Herren am Rande der Münchner »Sicherheitskonferenz« beiseite und informierte sie über den bevorstehenden russischen Angriff. Er machte auch schon mal eine Rechnung auf: »Ihr werdet den Preis zahlen.« Und möglicherweise würde China im Zuge des Vorstoßes Taiwan attackieren, fügte Graham hinzu.

Das Manager-Magazin eröffnete in seiner Maiausgabe mit diesem Treffen seinen ausladenden Artikel zum Schwerpunktthema »Kriegswirtschaft«. »Rohstoffmangel, Staatseingriffe, China-Risiko – Wie die deutsche Industrie ihr bedrohtes Geschäftsmodell sichern will«, lautete der Untertitel auf dem Cover.

Der BMW-Chef Oliver Zipse berief gleich nach seiner Rückkehr von der Konferenz eine Sondersitzung des Vorstandes ein. Dort gab er die Devise aus, künftig alle Entscheidungen »unter klarer Berücksichtigung der geostrategischen Lage« zu treffen. Und bald darauf schon kam es »alle drei bis vier Tage«, wie das Manager-Magazin zu berichten wusste, zu einem regelmäßigen Austausch von Zipse und seinen Dax-Kollegen mit Wirtschaftsminister Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen). Das Kanzleramt hielt derweil Kontakt zu Martin Brudermüller von BASF, Christian Sewing von der Deutschen Bank, den Autobossen und anderen Granden. Auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) kann sich über mangelhafte Kommunikation nicht beklagen. »Fast bei jedem Problem ruft der Wirtschaftsminister bei uns an«, lobte ein BDI-Mitarbeiter.

Unterhaken

Kontakte mit Bayer bleiben da nicht aus. Habeck habe sich vom Vorstandsvorsitzenden Werner Baumann darüber in Kenntnis setzen lassen, welche Auswirkungen ein sofortiger Boykott russischer Öl- und Gaslieferungen auf die Industrie haben würde, berichtete der Focus-Journalist Jan Fleischhauer im »Presseclub«. Die Haltung des Unternehmenschefs zu einem solchen Stopp war eindeutig. In einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung formulierte er sie so: »Ich habe große Sympathie für Leute mit dieser Maximalposition, weil sie aus tiefster Überzeugung sagen, hier passiere ein himmelschreiendes Unrecht (…). Die Lage ist aber viel komplexer. Wenn es Energieengpässe in Deutschland gäbe, würde wie beschrieben ein großer Teil der Wirtschaft stillstehen. Die Größenordnung der sich daraus ergebenden volkswirtschaftlichen Verwerfungen ist vielen Menschen nicht bewusst.« Habeck wurde sie Fleischhauer zufolge nach dem Gespräch bewusst; anschließend habe der Minister allen medialen Gegenwinds zum Trotz die Position vertreten, ein Verzicht auf Importe aus Russland sei für die Wirtschaft nicht zu schultern. Statt dessen ging der Grünen-Politiker daran, andere möglichst billige Energiequellen aufzutun.

Als Shopping Guide bei der Einkaufstour nach Kanada durfte Baumann natürlich ebensowenig fehlen wie die Chefs von Siemens, Volkswagen und Uniper. Und nebst seinen Kollegen von BASF, Evonik, SAP, Thyssen-Krupp und anderen war der Bayer-Manager auch bei Habecks Visite in Katar mit von der Partie. Sicherheitshalber brachte sich der Leverkusener Multi aber auch schon mal für den Fall in Stellung, dass es einmal knapp werden könnte mit dem Gas. Als Konzern, der in den Bereichen »Gesundheit« und »Landwirtschaft« operiert, beanspruchte er Systemrelevanz für sich. Dabei hält seine Pharmaproduktpalette kaum unbedingt benötigte Medikamente bereit, und seine Genpflanzen-Pestizid-Kombipacks finden hauptsächlich zum Gedeih von Ackerfrüchten, die in den Trögen der Tierfabriken landen, Absatz. Nichtsdestotrotz will der Global Player dabei sein, »wenn es darum geht, sehr kritische Produktion im Verhältnis zu weniger kritischen Produktionen zu privilegieren«, wie es Baumann in einem Interview mit dem Podcast »The Pioneer Briefing« formulierte.

Eine Priorisierung gegenüber den mittelständischen Betrieben konnten Bayer und Co. bereits durchsetzen. Bei einer Gasmangellage sieht der Notfallplan der Bundesregierung zunächst Einschränkungen »nach der Rasenmähermethode« (FAZ) bei den 40.000 kleineren Unternehmen vor. Der Klub der 2.500 größeren bleibt dagegen erst einmal verschont und darf bei einer weiteren Verschärfung der Lage auf Einzelfallbehandlung nach dem Kriterium der Wichtigkeit der Produktion hoffen. Das hält den Verband der Chemischen Industrie (VCI) jedoch nicht davon ab, seine Juristen schon mal vorab prüfen zu lassen, ob bei einer Kappung der Energiezufuhr eventuell Schadensersatzansprüche bestehen.

Auch bei der Gaspreisbremse, die Ausgaben für 70 Prozent des Verbrauchs deckelt, erhalten die Konzerne Vorfahrt. Bei ihnen übernimmt der Staat schon ab Januar 2023 die Mehrkosten, bei den Privathaushalten, kleineren und mittleren Betrieben erst zwei Monate später. So wollte es die Expertenkommission, in der neben Industrievertretern auch Michael Vassiliadis von der IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) saß. Als Vorsitzender einer Gewerkschaft, die sich der Branche gerne als Komanagerin andient, weiß Vassiliadis, was die Vorstandsetagen wünschen. Die Verträge der Multis seien »präziser und schneller umzustellen«, überdies handele es sich um eine leichter zu überschauende Zielgruppe als »20 Millionen Gaskunden«, sagte Vassiliadis zur Begründung. Und Christian Kullmann vom VCI zäumte das Pferd von hinten auf: »Die Sicherung der Arbeitsplätze und damit das Einkommen für die Familien ist sehr wichtig. Sie steht für die Gesellschaft höher als die vollständige Sicherstellung der privaten Gasversorgung. Was nützt es, wenn die Haushalte weiter Gas bekämen, es aber nicht bezahlen könnten?« fragte er rhetorisch.

Deglobalisierung

Die Chemiebranche zählt zu den Großabnehmern von Erdgas. Ihr Anteil am Gesamtverbrauch beträgt nach Angaben des VCI rund 15 Prozent. Bei den Kosten für eine Abkoppelung von russischen Lieferungen, welche die Bundesregierung auf ungefähr 46 Milliarden Euro beziffert, machten sich die Bayer-Aktionäre auf der Hauptversammlung des Konzerns Ende April 2022 deshalb Sorgen um ihre Einkünfte. Aber Werner Baumann versuchte sie zu beruhigen. »Bayer hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Lifescience-Unternehmen entwickelt. Das Thema ›Energiekosten‹ hat für uns daher nicht mehr die Bedeutung, die es einmal hatte«, sagte er mit Verweis auf die bereits vor längerer Zeit erfolgte Trennung vom Kunststoff- und Chemiegeschäft. Aber ganz ohne Gas und Co. geht es auch nicht: »Dennoch brauchen auch wir zuverlässigen und bezahlbaren Zugang zu verschiedenen Energieträgern (…). Wir arbeiten intensiv an der Sicherstellung der Versorgung unserer Standorte.« Dazu nimmt das Unternehmen natürlich auch Einfluss auf die Bundesregierung. Aber Lobbyismus heißt das bei Baumann nicht, er spricht lieber von »Beiträgen zu Analysen für die Entscheidungsträger im regulatorischen und auch politischen Raum«.

Auch zu den Lieferketten im allgemeinen bestand Informationsbedarf. So wollten die Aktionäre etwa wissen, was der Vorstand unternehmen würde, um den Konzern unabhängiger von politisch instabilen Staaten in Osteuropa zu machen. »Im Rahmen unserer Bemühungen um nachhaltige Lieferketten erfassen wir die gesamte Lieferkette für kritische Materialien, um Risiken und Abhängigkeiten zu verringern«, versicherte der Bayer-Chef. Sogar China kam an dem Tag auf die Tagesordnung. »Wir wurden gefragt, was wir mit unseren Anlagen in China machen und welche Aktiva im Risiko stehen würden, wenn ein Krieg wie in der Ukraine in Asien entstehen würde«, referierte Baumann. Das hänge von der konkreten Ausprägung des Konfliktes ab, antwortete er und mochte darüber hinaus keine weiteren Spekulationen anstellen. »Unabhängig davon arbeiten wir selbstverständlich daran, unser Produktionsnetzwerk angesichts steigender geopolitischer Spannungen und sich teilweise verändernder gesetzlicher Vorgaben resilienter aufzustellen«, hielt er fest und erklärte in diesem Zusammenhang die Geschäftsfelder »Gesundheit« und »Landwirtschaft« zu »Kernaufgaben nationaler Sicherheit«. Zum »Primat der Politik« hatte der Vorstandsvorsitzende sich bereits auf der Bilanzpressekonferenz am 1. März des Jahres bekannt, und was »Zeitenwende« generell für den Multi bedeutet, fasste er auf der Hauptversammlung in dem Satz zusammen: »Wir müssen leider davon ausgehen, dass die implizite Grundannahme eines freien Welthandels, die eher eine Optimierung nach rein ökonomischen Effizienzgesichtspunkten erlaubt, nicht uneingeschränkt gilt.«

In dem am Tag der Hauptversammlung in der FAZ erschienenen Artikel »Chemie im Krieg« wurde das ähnlich gesehen. »Jedem (…) sollte klar sein, dass diese Zeitenwende, das Ende der Globalisierung, auch das Geschäftsmodell von Deutschland erschüttert (…). Die Chemieindustrie war nicht blauäugiger als der Rest und auch nicht unverfrorener. Sie steht nur am Anfang der Wertschöpfungskette. Kunden, Aktionäre, Beschäftigte, alle haben davon profitiert. Und alle wird es nun treffen«, prophezeite das Blatt.

Die Deglobalisierung setzte allerdings nicht erst mit dem Ukraine-Krieg und der Coronakrise ein. Und auch nicht erst mit Donald Trump und dessen »America first«. Die USA hatten nämlich schon vorher einen Kurswechsel eingeleitet. Zum einen machte das Fracking das Land von Energieimporten unabhängig, womit es an freien Warenströmen rund um den Globus merklich das Interesse verlor. Und zum anderen war das mit der Globalisierung verbundene Kalkül der Vereinigten Staaten nicht aufgegangen, China durch die Einbindung in den Welthandel, der sich mit dem WTO-Beitritt des Staates im Jahr 2001 vollzog, einhegen zu können.

»Friendshoring«

Der Ausbruch der Pandemie und besonders der Ukraine-Krieg veränderten aber doch etwas. Der Sicherheitsaspekt fand Eintritt in das Wirtschaftsleben. »Deutschland braucht eine Wirtschaftssicherheitspolitik«, sagt Robert Habecks parlamentarische Staatssekretärin Franziska Brandtner. Und der Ökonom Rüdiger Bachmann bezeichnet es mit Blick auf die billigen Gaslieferungen aus Russland als einen Fehler, die Kosten der Abhängigkeit nicht mit in die Rechnung einbezogen zu haben. Dies habe die »Preiswahrheit« verzerrt, so der Wirtschaftswissenschaftler.

Die staatlich finanzierte »Stiftung Wissenschaft und Politik« spricht in diesem Zusammenhang von »Interdependenzverwundbarkeit«. Bayer und Co. seien »Opfer ihrer eigenen Entscheidungen geworden, bei denen sie sich nur an Kosteneffizienz orientierten«, heißt es in der Studie »Die neue Geopolitik der Lieferketten«. »Je stärker Lieferketten in den Schatten der Großmachtkonkurrenz geraten, um so schwächer sind ihre ökonomischen Bestimmungsfaktoren ausgeprägt«, hält Autor Günther Maihold fest. Dagegen stehen jetzt »sicherer Handel« und »Lieferkettensouveränität« auf der Tagesordnung. Aber das geht ins Geld. »Just in time« ist weit billiger zu haben als das krisenfestere »Just in case«. Folgerichtig machte Bayer bei der Präsentation der Geschäftszahlen für das dritte Quartal 2022 »Kostensteigerungen bei Inputmaterialien, Energie, Fracht und Lagerhaltung« geltend. Maihold setzt deshalb auch die Lastenverteilung auf die Agenda: »ein Hauptdiskussionspunkt, der zwischen Staat(en) und Unternehmen geklärt werden muss«.

Generell rücken diese beiden Akteure für ihn im Zuge der »Politisierung der Lieferketten« jedoch enger zusammen, vor allem bei der Entscheidung darüber, »an welchen Orten Produktionsanlagen künftig sicher und berechenbar betrieben werden können und sollen«. Aber auch die Klärung der Frage, ob die jeweils produzierten Güter und Dienstleistungen als strategisch wichtig für die jeweilige Ökonomie gelten können, erfolge gemeinsam. Bei dieser konzertierten Aktion misst Maihold Bayer und Co. als »Lead firms« eine besondere Rolle zu, da sie im Zentrum eines Lieferantennetzwerkes stehen und den Takt vorgeben. »Endpunkt des Bestrebens, ›sichere‹ Lieferketten aufzubauen, wäre dann eine geopolitische Neuordnung der Welt«, resümiert er.

Statt »Offshoring« ist dazu »Reshoring« – also die Rückverlagerung von Produktionskapazitäten an den Stammsitz – oder »Friendshoring« – in den Worten der Ampelkoalition der Handel mit solchen Ländern, »mit denen wir unsere Werte teilen« – angesagt. Dementsprechend werden alte Bekanntschaften aufgefrischt und ergehen neue Freundschaftsanfragen seitens der Europäischen Union. So hat die EU ein Handelsabkommen mit Neuseeland unterzeichnet, das mit Chile schon vor einiger Zeit abgeschlossene modernisiert und Verhandlungen über einen Vertrag mit Indien begonnen. Nach der Wahlniederlage von Jair Bolsonaro in Brasilien sieht die EU auch Chancen, den Mercosur-Deal mit den lateinamerikanischen Staaten Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay zum Abschluss zu bringen. Sogar Diskussionen über das TTIP-Vertragswerk mit den USA beginnen wieder. Und im November hat der Bundestag das CETA-Handelsabkommen mit Kanada, das vor allem bei den Grünen lange Zeit sehr umstritten war, abgesegnet. »Verschwende niemals eine gute Krise. Der dem britischen Kriegspremier Winston Churchill zugeschriebene Grundsatz bewährt sich aktuell in der Handelspolitik«, kommentierte die FAZ das Ergebnis der CETA-Abstimmung.

Das China-Syndrom

Aber nur mit guten Geschäften unter Freunden langt es einfach nicht. »Ohne russisches Gas wird es irgendwann gehen, aber ohne den Milliardenmarkt in China nicht«, heißt es in dem »Chemie im Krieg«-Artikel der FAZ. Nach den USA ist das Reich der Mitte der zweitwichtigste Handelspartner Deutschlands. Im Jahr 2021 gingen Ausfuhren im Wert von 103,7 Milliarden Euro dorthin. VW macht rund 40 Prozent seines Umsatzes in China, und Mercedes und BMW setzen in dem Land fast ein Drittel ihrer Autos ab. Auch für Bayer und Co. spielt es eine große Rolle. »2030 wird China bei Chemieprodukten auf rund 50 Prozent Weltmarktanteil kommen. Ein globales Unternehmen wie unseres kann nicht auf die Hälfte des Weltmarktes verzichten«, sagt etwa Martin Brudermüller von BASF und mahnt: »Wir müssen vom China-Bashing runterkommen.«

Bei den Importen nimmt China sogar die Spitzenposition ein; Waren im Wert von 141 Milliarden Euro kommen hierzulande an. Besondere Bedeutung für die hiesige Industrie haben dabei Rohstoffe wie seltene Erden und Batteriekomponenten, ohne die die Fertigung von E-Autos nicht auskommt. Darum lehnt Bundeskanzler Olaf Scholz ein »Decoupling« ab. Er will die deutsche Wirtschaft nicht von der chinesischen entkoppeln, sondern strebt lediglich eine größere Diversifikation der bundesrepublikanischen Handelsbeziehungen an. Dafür riskiert der Sozialdemokrat sogar den Koalitionsstreit mit den Grünen und Verstimmungen im transatlantischen Verhältnis, denn die USA betrachten China als Feind. Scholz legte Washington seine Position leicht diplomatisch verklausuliert in der einflussreichen Zeitschrift Foreign Policy dar. »Chinas Aufstieg ist weder eine Rechtfertigung für die Isolation Pekings noch für eine Einschränkung der Zusammenarbeit. Aber zugleich rechtfertigt Chinas wachsende Macht auch keine Hegemonialansprüche in Asien und darüber hinaus«, schrieb er dort.

Den Worten waren Taten vorausgegangen. Anfang November vergangenen Jahres war Scholz mit einer zwölfköpfigen Wirtschaftsdelegation, darunter unter anderem die Vorstandsvorsitzenden von BMW, Wacker, Adidas, Siemens, Deutsche Bank, BASF und Bayer-Chef Werner Baumann, nach China gereist. Die guten Beziehungen des Leverkusener Multis zu dem Land hob Baumann in seinem Statement zur »China International Import Expo« hervor, auf welcher der Konzern mit einem großen Messestand vertreten war. »Dieses Jahr ist auch das 140jährige Jubiläum unseres Unternehmens in China. In diesen vielen Jahren und Jahrzehnten hat Bayer die Entwicklung und den Fortschritt Chinas miterlebt, und wir sind stolz darauf, ein Teil davon zu sein«, sagte er und pries die Wirtschaftspolitik des Staates. »Wir blicken sehr optimistisch in die Zukunft, da wir von Chinas kontinuierlichen Bemühungen ermutigt werden, ein solides Geschäftsumfeld für ausländische Investoren zu schaffen«, so Baumann. Unter anderem kündigte er die Erweiterung der Pharmaproduktion in Beijing, den Bau einer neuen Pestizidanlage in der Provinz Zhejiang sowie Kooperationen mit Universitäten, Start-Ups und anderen Unternehmen an.

Besonders große Hoffnung setzt der Leverkusener Multi auf den Landwirtschaftsbereich. China plant auf diesem Gebiet nämlich Modernisierungen, weg von der kleinbäuerlichen Bewirtschaftung der Felder, hin zu größeren Einheiten. Und an dieser agroindustriellen Entwicklung will der Global Player mitverdienen. »Unser oberstes Ziel ist es, die Transformation und Modernisierung der chinesischen Landwirtschaft zu unterstützen«, erklärte der Bayer-Manager Alfonso Alba zur »China International Import Expo«. Und die BASF wittert ebenfalls größere Marktchancen. So beabsichtigt das Unternehmen, im Jahr 2023 seine Plattform für digitale Landwirtschaft einzuführen. »Technologie wird im nächsten Jahrzehnt ein noch wichtigerer Motor für die landwirtschaftliche Inputindustrie in China werden«, prophezeit die Aktiengesellschaft.

Die Nahrungsmittelkrise

Generell rückte der Landwirtschaftssektor durch den Krieg in das Zentrum der Aufmerksamkeit, denn der Waffengang beschwor eine Nahrungsmittelkrise herauf. Russland ist nämlich der größte Weizenexporteur der Welt und die Ukraine die Nummer fünf. Besonders die Länder des globalen Südens hängen von den Lieferungen ab, die nach dem 24. Februar ins Stocken kamen. Die Ukraine hinderten die Bombardements daran, die Märkte ausreichend mit Weizen und anderen Ackerfrüchten zu versorgen. Die russische Armee zerstörte Getreidespeicher und warf Minen über Feldern ab. Millionen Hektar Anbaufläche gingen so verloren.

Russland stoppte seine Ausfuhren Ende März mit Verweis auf die Sanktionen. Das Land trieben jedoch auch andere Motive, worauf Eva Gelinsky in ihrem in Analyse & Kritik erschienenen Artikel »Druck durch Hunger« hinwies. Sie zitierte einen Post des ehemaligen Präsidenten Dmitri Medwedew auf Telegram, mit dem der Politiker die Nahrungsmittelversorgung als Kriegseinsatz ins Spiel brachte. Er verwies dort darauf, dass »viele Länder für ihre Ernährungssicherheit auf unsere Lieferungen angewiesen sind. Es stellt sich heraus, dass unsere Agrargüter unsere heimliche Waffe sind. Unauffällig, aber mächtig.«

Ein Alleinstellungsmerkmal kann er damit Gelinsky zufolge aber nicht beanspruchen. Auch im Jemen-Krieg und im äthiopischen Bürgerkrieg bedienten sich die Kontrahenten dieses Mittels. Die USA wissen ebenfalls damit umzugehen, konstatiert die Autorin und belegt das mit einer Äußerung des früheren Senators Hubert Humphrey. »Nahrungsmittel verleihen Macht. In einem sehr realen Sinne sind sie unser besonderer Maßstab für Macht«, sagte der Politiker einst. Und auch Anton Hofreiter kennt die Wirksamkeit dieses Instruments. So stand in der Berliner Zeitung zu lesen: »Ohne China beim Namen zu nennen, erörterte er folgendes Szenario: ›Wenn uns ein Land seltene Erden vorenthalten würde, könnten wir entgegnen: Was wollt ihr eigentlich essen?‹«

Schon drei Wochen nach Beginn des Krieges erhöhten sich die Preise für einige Weizensorten um 50 Prozent. Allerdings hatten sie bereits in den zwei Jahren davor um 40 Prozent zugelegt, weshalb die Initiative FIAN den Konflikt als Verstärker, aber nicht als Ursache der Nahrungsmittelkrise bezeichnet. Als das grundsätzliche Problem erachtet die Organisation die Importabhängigkeit zum Beispiel der Länder Afrikas durch ihre Einbindung in den globalen Agrarmarkt und den damit verbundenen Rückgang der heimischen Nahrungsmittelproduktion. Zudem bilden die Preise nicht nur Angebot und Nachfrage ab. »Vielmehr scheinen die Unternehmen in einigen Wirtschaftszweigen die Preissteigerungen dazu genutzt zu haben, ihre Gewinne auszuweiten – das gilt vor allem für den Handel, die Landwirtschaft und den Bau«, halten die Verfasser einer Studie des Ifo-Instituts fest und sprechen von »Gewinninflation«. Und die Finanzmärkte hatten ebenfalls ihre Hände im Spiel: Eine Reihe von Banken riet Anlegern nämlich gleich nach Beginn der Kampfhandlungen dazu, auf eine Verteuerung der Lebensmittelgrundstoffe zu setzen.

Die UNO konnte dann für eine leichte Entspannung der Situation sorgen. Sie erreichte in Verhandlungen mit Russland unter Vermittlung der Türkei, dass auch unter dem Sanktionsregime Getreide der beiden kriegführenden Parteien in Armutsregionen gelangt. Als Bremser erwies sich hierbei allerdings die EU, denn ihre Finanz­restriktionen gegen Oligarchen blockierten lange Zeit Lieferungen, weil die Bestimmungen den für die Abwicklung der Geschäfte nötigen Zahlungsverkehr (Hafengebühren, Frachtversicherungen) verunmöglichten. Erst Mitte Dezember weichte die Europäische Union die Regelungen etwas auf.

Der Branche bescheren solche Mangellagen steigende Gewinne, weil das verknappte Angebot die Nachfrage nach allen landwirtschaftlichen Gütern, Betriebsmitteln und Dienstleistungen erhöht. So strichen Getreidemultis wie Cargill, Landmaschinenhersteller wie John Deere und natürlich Agroriesen wie Bayer saftige Renditen ein. Da lag die Frage der Wochenzeitung Die Zeit an Bayers Agrarchef Rodrigo Santos nahe: »Der Krieg Russlands gegen die Ukraine verschärft die Welternährungskrise. Zugleich ist Bayers Aktienkurs seit der Invasion um 25 Prozent gestiegen und steht so hoch wie seit zwei Jahren nicht mehr. Wie erklären Sie sich das?« – »Einen Zusammenhang zwischen dem Krieg und unserem Aktienkurs sehe ich nicht«, lautete die Antwort. Seinen Churchill hatte Santos jedoch gelesen. »Generell können Krisen aber auch dazu führen, dass mehr Menschen die Notwendigkeit von Innovationen erkennen. Und deshalb müssen wir in Europa nicht nur über digitale Landwirtschaft reden, sondern dringend auch über biologische Pflanzenschutzmittel und über die neuen molekularbiologischen Verfahren wie Genome Editing mit Hilfe von CRISPR/Cas«, meinte er.

Redebedarf meldeten die Industrievertreter auch noch darüber hinaus an. »Wir sind zu behäbig, zu unflexibel, zu teuer geworden. Wir brauchen eine Entfesselungsoffensive bei Regeln und Gesetzen (…). Wir brauchen bezahlbare Energie. Und wir brauchen die Grundrenovierung des Sozialsystems, ähnlich wie sie Gerhard Schröder vor 20 Jahren mutig angepackt hat«, fordert Rainer Dulger, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Auch weniger Unternehmenssteuern und ein Rohstoffministerium hätte er gerne.

Jan Pehrke schrieb an dieser Stelle zuletzt am 12. Dezember 2022 über den Einsatz des Bayer-Herbizids Glyphosat.

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Thomas K. aus Neuss (19. Januar 2023 um 17:41 Uhr)
    Wenn imperialistische Staaten die ganze Welt als Anlage- und Absatzgebiete für sich in Anspruch nehmen, kann die Konfrontation zwischen den weltweit agierenden Kontrahenten nicht ausbleiben. Die energiepolitische Entscheidung, billiges Erdgas aus Russland zu beziehen, war eine Bedingung für den wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands zur Führungsmacht in Europa. Aber zugleich stärkte dieser Deal die mit den USA konkurrierende militärische Großmacht Russland. Das lassen sich die USA nicht bieten, und schon Obama wusste den Russen weltpolitisch lediglich die Rolle der Regionalmacht zuzuweisen, denn zwei (oder sogar drei, denn China darf man nicht vergessen) Weltordnungsmächte kann und darf es nicht geben. Jan Pehrke beschreibt in seinem Aufsatz anschaulich, wie sich unter diesen neuen Bedingungen die großen Konzerne mit staatlicher Unterstützung eingerichtet haben. Denn der Staat weiß die Produktivität seiner kapitalistischen Ökonomie zu schätzen, schließlich ist deren Gewinnproduktion auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung die Grundlage seiner Macht und Herrlichkeit. Und welche Bedeutung hat in diesem Zusammenhang der Ukraine-Krieg? Russland wehrt sich offensiv gegen seine Zurechtstutzung zur – wenn überhaupt – Regionalmacht, und Selenskijs Ukraine nutzt den weltpolitischen Konflikt, um ihr Gewaltmonopol auf das gesamte von ihr beanspruchte Staatsgebiet durchzusetzen. Für diese hehren Ziele sterben täglich hunderte Menschen in der Ukraine, verhungern Millionen weltweit, verarmt die arbeitende Bevölkerung auch in den Staaten der zukünftigen Sieger. Und nicht zuletzt operieren die beteiligten Staaten mit der Drohung eines Atomkrieges, dem sich wohl nur diejenigen entziehen können, die die nötigen Mittel dazu haben.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Einsatz in kolonialem Geiste. Die Bundeswehr versteht ihre Präse...
    18.11.2022

    Kontinuitäten der Unterwerfung

    »Koloniale Vergangenheit – neokoloniale Gegenwart? Internationale Beziehungen im Lichte von Krieg, Sanktionen und Völkerrecht«
  • Auf Kriegskurs. Soldaten der 41. Panzergrenadierbrigade der Bund...
    06.10.2022

    »Permanente Auseinandersetzung«

    Russland ruinieren, China einkreisen, die eigene Bevölkerung ins Elend stürzen. Über die Kriegsziele des Wertewestens und dessen mangelnden Realismus
  • Feierlaune nach der Unterzeichnung von CETA: EU-Ratspräsident Do...
    03.04.2019

    Am längeren Hebel

    Die EU gibt sich als Verteidigerin des globalen Freihandels. Die Wirklichkeit ist etwas komplizierter
Startseite Probeabo