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Aus: Ausgabe vom 16.01.2023, Seite 1 / Titel
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Unter roten Fahnen

Großdemonstration zum Gedenken an Luxemburg, Liebknecht und Lenin im Zeichen des Ukraine-Krieges
Von Nick Brauns
Die drei »L« bleiben Wegweiser im Kampf gegen Imperialismus und Krieg (Berlin, 15.1.2022)
Die Spitze des Demonstrationszuges vom Frankfurter Tor zum Sozialistenfriedhof (Berlin, 15.1.2023)
Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde mit den Gräbern von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg (15.1.2023)
Nelken und Kränze an den Gräbern der Sozialistinnen und Sozialisten (Berlin, 15.1.2023)

Es war ein kilometerlanger Strom, der am Sonntag unter roten Fahnen durch Berlin zum Friedhof der Sozialisten zog. Wie jedes Jahr im Januar wurde Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs gedacht. Die beiden Mitbegründer der kommunistischen Partei waren am 15. Januar vor 104 Jahren von faschistoiden Freikorps mit Billigung des sozialdemokratischen Kriegsministers Gustav Noske ermordet worden. Heute unterstützt eine sozialdemokratisch geführte Bundesregierung mit Waffenlieferungen den mit ukrainischem Blut geführten NATO-Stellvertreterkrieg gegen Russland, während sie im eigenen Land eine gigantische Hochrüstung vorantreibt.

Die daran deutlich gewordene Aktualität von Liebknechts und Luxemburgs Einsatz gegen Militarismus und für den Sozialismus mobilisierte mehr Menschen als im Vorjahr. Zwischen 12.000 und 13.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer seien es gewesen, ein sehr geschlossener Zug mit viel Jugend und vielen Fahnen, zeigte sich ein Vertreter der Demonstrationsleitung gegenüber jW zufrieden mit dem Verlauf. Die Polizei hielt sich in diesem mit Repressionsmaßnahmen zurück.

»Karl Liebknecht hat es schon gesagt: Der Hauptfeind steht im eigenen Land«, wurde aus einem Block von meist jungen Aktivisten skandiert. Derweil forderte der Vorsitzende der DKP, Patrik Köbele, auf einem Lautsprecherwagen Frieden mit Russland und China sowie ein Ende des Wirtschaftskrieges gegen Moskau, dessen Folgen auch in Deutschland in Form von stark angestiegenen Lebensmittel- und Energiepreisen zu spüren sind. Krieg sei ein Mittel der Herrschenden, um auch der eigenen Bevölkerung neue Lasten aufzubürden, betonte Thomas Winkler, der mit der »Initiative für Frieden und Abrüstung Dahme-Spreewald« aus Brandenburg zur Demonstration gekommen war, gegenüber jW die Notwendigkeit, die Kämpfe für den Frieden und gegen Verarmung zusammenzuführen.

Neben Bildern von Liebknecht und Luxemburg waren auch zahlreiche Bilder von Lenin zu sehen. »Lenin hat aufgezeigt: Imperialismus bedeutet Krieg«, begründet Süleyman Gürcan, Kovorsitzender der Konföderation der Arbeiter aus der Türkei in Europa (ATIK), gegenüber jW, warum der russische Revolutionsführer gerade heute ein »Wegweiser für die Linke« sein müsse.

Zahlreiche kommunistische Vereinigungen aus der Türkei und Kurdistan machten wie schon in den vergangenen Jahren mindestens ein Drittel des Demonstrationszuges aus. Insbesondere hier war zu sehen, dass der Tod von Kommunisten im Kampf für ihre Ideale keineswegs eine Sache der fernen Vergangenheit ist. So trugen Jugendliche mit roten Tüchern vor dem Gesicht hinter einem großen Blumengebinde Bilder von Özgür Namoglu und Zeki Gürbüz. Die zwei aus der Türkei stammenden Kommandanten einer an der Seite der Kurden in Nordsyrien kämpfenden kommunistischen Einheit wurden am 3. Januar bei einem Drohnenangriff der türkischen Armee getötet, berichtete eine junge Aktivistin namens Sara. »Sie sind für die gleichen Ziele wie Karl und Rosa gefallen«, ergänzte ihr Genosse.

An der Gedenkstätte der Sozialisten hatten sich bereits ab neun Uhr morgens Tausende mit roten Nelken zum traditionellen stillen Gedenken eingefunden. Auch Spitzen von Fraktion und Partei Die Linke legten Kränze an den Gräbern nieder. Von der Parteibasis sei dort vielfach die Forderung an sie herangetragen worden, dass Die Linke zu einer deutlicher vernehmbaren Stimme gegen Krieg werden müsse, berichtete die Bundestagsabgeordnete Gesine Lötzsch gegenüber jW.

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  • Leserbrief von Joachim Seider (17. Januar 2023 um 11:28 Uhr)
    RLK und Liebknecht-Luxemburg-Demonstration 2023 waren zweifellos eine Wohltat für die Seele. Haben doch beide nicht nur den unmittelbaren Teilnehmern gezeigt: »Wir sind nicht allein!« Ganz nüchtern müssen wir allerdings auch feststellen, dass wir immer noch ein relativ kleines Häufchen sind, vor dessen politischem Gewicht das Kapital keineswegs erschrecken muss. Zudem lähmt uns die erkennbare Zersplitterung der Kräfte außerordentlich, in der viel zu viele Ressourcen in gegenseitige Abgrenzung statt in realen Kampf investiert werden müssen. Wie wäre es, die alte Erkenntnis der Arbeiterbewegung wieder zutage zu fördern, dass wir nur gemeinsam stark sind? Deren Umkehrung bedeutet nämlich, dass wir vereinzelt immer zu schwach bleiben, um wirklich Bedeutsames bewirken zu können. Gemeinsamkeiten suchen und Trennendes beiseiteschieben – nicht nur im Kampf um den Frieden ist das das richtige Rezept. Und drittens ist der Kampf immer eine sehr konkrete Angelegenheit. Stapel von Argumentationen sind gewiss nicht unwichtig. Aber sie bleiben einfach nur bedrucktes Papier, wenn wir es nicht schaffen, die Masse der Menschen dort abzuholen, wo sie bereit sind, um Veränderungen zu kämpfen. Es sind nicht die markigen Worte, die großen Losungen, Plakate und Fahnen, die uns Achtung verschaffen. Es ist unser konkretes Tun. Bei dem wir übrigens auch lernen, die Menschen so zu nehmen, wie sie sind. Und ein feines Gespür dafür bekommen, was man tun kann, damit sie nicht immer so bleiben müssen, wie sie gerade sind. Besser als immer wieder über die Lethargie der Massen zu spötteln und sich als ihr Vorkämpfer zu inszenieren, statt es wirklich zu sein, wäre das allemal.

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