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Aus: Ausgabe vom 13.01.2023, Seite 12 / Thema
Antisemitismus

Ein flammender Protest

Vor 125 Jahren enthüllte der französische Romancier Émile Zola in seinem massenwirksam verbreiteten Artikel »J’accuse« Ursachen und Dimensionen der sogenannten Dreyfus-Affäre
Von Jürgen Pelzer
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Mit spitzer Feder gegen ein antisemitisches Komplott der französischen Militärs: Émile Zola in einer zeitgenössischen Karikatur

Als der Romanautor Émile Zola am 13. Januar 1898 seinen berühmten Leitartikel in der Zeitung L’Aurore veröffentlichte, griff er in eine seit mehr als drei Jahren schwelende Affäre ein. Was war geschehen? Im September 1894 hatte eine als Informantin des französischen Nachrichtendienstes tätige Putzfrau im Papierkorb des deutschen Militärattachés in Paris ein zerrissenes Schreiben gefunden, das sich als Begleitschreiben zu einer Aufstellung von fünf geheimen militärischen Dokumenten herausstellte. Dieser sogenannte Bordereau sollte fortan eine wichtige Rolle spielen. Die Informationen waren zwar relativ unwichtig, doch es stellte sich die Frage nach dem Spion in den eigenen Reihen, der Kontakt zu den deutschen Stellen hatte und diese eventuell über geheime französische Aufrüstungsmaßnahmen informierte. Der französische Auslandsgeheimdienst trat in Aktion, konnte aber anhand der Handschriften keinen der in Frage kommenden Offiziere identifizieren. Man engte den Kreis der möglichen Täter schließlich ein und ging davon aus, dass es sich um einen Absolventen der École supérieure de guerre handeln müsse. Dabei verfiel man auf einen jüngeren jüdischen Hauptmann, den aus dem deutsch besetzten Alsace-Lorraine stammenden Alfred Dreyfus, obwohl die Details des Bordereau nicht zu dessen Terminplanung passten und sich obendrein keinerlei Motive ausfindig machen ließen. Dreyfus war nach 1871 mit seiner Familie nach Paris übergesiedelt und war der erste und damals einzige Jude im Generalstab, dem er aufgrund hervorragender Abschlussnoten als Praktikant zugeteilt worden war.

Hetze, Verurteilung, Verbannung

Trotz fehlender schlüssiger Beweise wurde Dreyfus am 14. Oktober 1894 festgenommen. Eine treibende Kraft war der Kriegsminister Auguste Mercier, ein gemäßigt katholischer Republikaner. Die weiteren Untersuchungen und die Vorbereitung des Militärgerichtsprozesses wurden von einem Major namens Armand du Paty de Clam geleitet, einer Figur, die Zola im Januar 1898 besonders unter die Lupe nehmen wollte. Man begann mit Schriftproben, lieferte Dreyfus ins Gefängnis ein, durchsuchte sein Haus und setzte die Familie unter Druck. Der weitgehend geheimgehaltene Prozess verstieß gegen nahezu alle Regeln. So bekam Dreyfus den Bordereau erst kurz vorher zu Gesicht, die Schriftsachverständigen lieferten keine übereinstimmende Analyse, angebliche Zeugen traten nicht vor Gericht auf usw. Die rechtsradikale Presse wurde gezielt unterrichtet und heizte die antisemitische Stimmung an, ein Vorgang, der jahrelang die Öffentlichkeit beeinflussen sollte und die spätere faschistische Action française vorbereitete. Generalstab und Kriegsminister, die ebenfalls antisemitisch eingestellt waren, hätten eine Freilassung kaum riskieren können, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen.

Der Fall wurde dem obersten Kriegsgericht übergeben. Während die Chancen auf einen Freispruch von Dreyfus zu steigen schienen, ging die antisemitische Hetze in Blättern wie La Libre Parole, L’Intransigeant, Le Petit Journal oder L’Éclair weiter. So behauptete etwa der führende katholische Antisemit und Verschwörungstheoretiker Édouard Drumont, Dreyfus sei der Armee nur beigetreten, um Frankreich zu verraten. Als Jude und Deutscher hasse er die Franzosen. Eine katholische Zeitung bezeichnete Juden als »schreckliches Krebsgeschwür«, das Frankreich in die Sklaverei führe. Als der abschließende Untersuchungsbericht des Militärgerichts immer noch höchst fadenscheinig war, stellte man schließlich ein Geheimdossier zusammen, um es gegen Dreyfus zu verwenden, ohne dass dieser Einsicht erhielt. Auch diese Geheimdokumente belasteten Dreyfus nicht direkt, eine solche Verbindung wurde erst durch – gefälschte – Zusatzinformationen hergestellt, für die wiederum der besagte Major du Paty zuständig war. Der genaue Inhalt ist übrigens bis heute nicht bekannt.

Der Prozess fand vom 19. bis zum 22. Dezember 1894 statt und schien zunächst immer noch nicht auf das von den Drahtziehern in Politik, Presse und Armeeführung gewünschte Ergebnis hinauszulaufen. Eine Wendung fand dann aufgrund einer zusätzlichen Aussage des Majors Hubert Henry statt, der sich dafür verbürgte, dass Dreyfus eindeutig der gesuchte Verräter sei – eine »ehrenhafte Person« habe dies dem Nachrichtendienst übermittelt. Diese Aussage sowie die Übergabe des Geheimdossiers – beides illegale Verfahrensweisen, da sie geheim vollzogen und weder dem Angeklagten noch dessen Anwalt übermittelt wurden – scheinen den Umschwung bewirkt zu haben. Am 22. Dezember 1894 wurde Dreyfus für schuldig befunden, degradiert und zu lebenslanger Haft und Verbannung verurteilt. Die Beratung der Richter hatte lediglich eine Stunde gedauert. Eine Revision wurde kurz darauf abgelehnt.

Am 5. Januar 1895 erfolgte die öffentliche Degradierung im Hof der École Militaire. Unter dem Gefeixe ehemaliger Kameraden und dem Gejohle einer nationalistischen, antisemitischen Menschenmenge wurden die Epauletten seiner Uniform herabgerissen, sein Säbel zerbrochen. Mit dieser Szene einer öffentlichen Entehrung beginnt übrigens Roman Polanskis jüngster Film »J’accuse« (2019), der sich weniger auf das Opfer und auch nicht auf Zola als vielmehr auf jenen »Whistleblower« konzentriert, der wenig später – und noch vor Zola – Licht in die Machenschaften der politischen und militärischen Führung bringen sollte. Dreyfus wurde anschließend auf die der Küste von Guyana vorgelagerte Teufelsinsel verbannt, wo er von April 1895 bis Juni 1899 in Isolationshaft gefangengehalten werden sollte.

Der wahre Spion

Dreyfus selbst hatte immer wieder seine Unschuld beteuert. Eine Wiederaufnahme des Prozesses schien zunächst aussichtslos. Dennoch bemühten sich vor allem seine Frau Lucile und sein Bruder Mathieu darum. Letzterer gab in den folgenden Jahren sogar seinen Beruf auf, um sich für seinen Bruder einzusetzen. Dies war in den Jahren einer durch zahlreiche Medien aufgeheizten antisemitischen Stimmung und der Überwachung durch den Geheimdienst mit großen Schwierigkeiten verbunden. Zeitweise sah sich Mathieu gezwungen, eine englische Detektei zu beauftragen, die ihn bei seinen Recherchen unterstützte. In Le Monde erschienen zudem erste Berichte über die unmenschlichen Haftbedingungen, denen Dreyfus auf der Teufelsinsel ausgesetzt war.

Der Journalist Bernard Lazare, der schon früh den gesellschaftsschädlichen Einfluss des Antisemitismus herausgestellt hatte, sammelte seinerseits Material und prangerte Ende 1895 in einer Schrift, die nur in Belgien erscheinen konnte, die zahlreichen Verfahrensfehler der Militärgerichtsbarkeit an. Lazare kümmerte sich auch um Kontakte zu Politikern, die als unvoreingenommen gelten konnten, so etwa zu dem Sozialisten und späteren Ministerpräsidenten Léon Blum. Doch eine entscheidende Rolle sollte der neue Chef des Deuxième Bureau, der Nachrichtendienstabteilung, spielen, der zum Oberstleutnant beförderte Marie-Georges Picquart, der seit 1890 zum Generalstab gehörte und Dreyfus daher kannte. Auch er war zwar durchaus antisemitisch eingestellt, bemerkte aber kurz nach seiner Amtsübernahme, dass der Verbindungskanal zum deutschen Nachrichtendienst weiterhin aktiv war. Dabei stieß er sehr schnell auf den wahren Spion, nämlich den französischen Major Ferdinand Walsin-Esterházy, bei dem sich auch leicht ein Motiv für den Verkauf militärischer Geheimnisse ausmachen ließ, nämlich hohe Schulden und ein luxuriöser Lebensstil. Bei der Überprüfung des Bordereau konnte Picquart Esterházy zudem als den wahren Verfasser des berüchtigten Begleitschreibens identifizieren. Doch weder bei der Armeeführung noch beim neuen Kriegsminister Jean-Baptiste Billot bestand ein Interesse daran, den Fall wieder aufzurollen. Der Schutz der eigenen Interessen war wichtiger. Als sich Picquart uneinsichtig zeigte, versuchte man, ihn loszuwerden, indem man ihn auf gefährliche Inspektionsreisen und Außenposten in den afrikanischen Kolonien versetzte.

Die Verhaftung des wahren Spions ließ weiterhin auf sich warten, vielmehr arbeiteten Leute wie Major Henry daran, weitere Belege für die angebliche Schuld von Dreyfus beizubringen. Picquart selbst schwieg, legte aber seine Erkenntnisse schriftlich nieder, so dass sie im Falle seines Todes vom Präsidenten der Republik eingesehen werden konnten. Versuche zur Einsichtnahme in das Geheimdokument vom Dezember wurden weiterhin abgeblockt. Zwar statuierten die Regierungsvertreter immer wieder öffentlich: »Es gibt keine Dreyfus-Affäre«, doch dank der Bemühungen des Vizepräsidenten des Senats, des aus Alsace-Lorraine stammenden Auguste Scheurer-Kestner sowie des Radikalsozialisten Georges Clemenceau schwelte die Affäre auch in politischen Kreisen weiter. Scheurer-Kestner versprach, sich für eine Wiederaufnahme des Gerichtsverfahrens einzusetzen, und erklärte öffentlich, dass er Dreyfus für unschuldig halte, beließ es aber bei einem vorsichtigen Taktieren, um sich nicht in die Blockbildung zwischen Nationalisten und Antisemiten einerseits und progressiven Republikanern andererseits hineinziehen zu lassen. Kriegsminister, Regierung und Armeeführung blockierten jedoch weiterhin. Ja, sie unternahmen alles, um den tatsächlichen Spion zu schützen, um so dem »Syndikat der Juden« entgegenzuwirken. Der mutmaßliche Spion Esterházy stellte sich schließlich selbst einem Prozess, in dem er am 11. Januar 1898 freigesprochen wurde, da sich Picquarts Anschuldigungen als falsch erwiesen hätten.

In diesem Moment platzte Émile Zola schließlich der Kragen. Er verfasste einen mehrspaltigen Artikel, um Licht in das Labyrinth der Winkelzüge, Fälschungen, Irreführungen und Vertuschungen zu bringen, die dafür sorgten, dass ein offensichtlich Unschuldiger weiterhin gefangengehalten wurde. Am 13. Januar 1898 erschien Zolas Artikel in L‘Aurore, der »wie eine Bombe einschlug«. Er schuf die breite Publizität, an der es bislang gemangelt hatte, und lieferte vor allem eine zusammenhängende Darstellung der Ereignisse der letzten drei Jahre. Am gleichen Tag wurde übrigens Picquart verhaftet. Ihm wurden diverse Dienstvergehen vorgeworfen, es drohte eine einjährige Haftstrafe und die Entlassung aus der Armee.

Zolas Intervention

Zola hatte längere Zeit gezögert, in die Affäre einzugreifen. Von einem Augenzeugen hatte er von der öffentlichen Entehrung von Dreyfuss im Januar 1895 erfahren. Bernard Lazare wollte ihn 1896 zum Eingreifen bewegen, zunächst ohne Erfolg, da Zola sich auf seine schriftstellerische Arbeit beschränken wollte. Die sich häufenden Manifestationen eines rabiaten Antisemitismus dürften für eine Meinungsänderung gesorgt haben, wie sich etwa an seinem Artikel »Pour les Juifs« ablesen lässt, der im März 1896 erschien, ohne allerdings auf den Fall Dreyfus einzugehen. Eine Rolle dürfte vor allem die Position von Auguste Scheurer-Kestner gespielt haben, dem es darum ging, einen »Justizirrtum« zu bereinigen, ohne dass dadurch das Ansehen der Armee geschmälert würde. In Artikeln, die er in Le Figaro publizierte, demontierte Zola vor allem den Mythos eines angeblichen jüdischen Syndikats, das die Freilassung eines jüdischen Hochverräters mit diabolischen Tricks betreibe. Zola pochte auf das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit, das in einer Republik für alle Franzosen gelte. Er setzte seine Hoffnungen in einen Prozess gegen Esterházy, um so die Nation zu versöhnen und gleichzeitig dem »barbarischen, dem Mittelalter entstammenden Antisemitismus« ein Ende zu setzen.

Doch zu einer Verurteilung Esterházys kam es bekanntlich nicht. Ja, Le Figaro kündigte die Zusammenarbeit mit Zola auf, so dass der gezwungen war, seine Schriften als Broschüren herauszubringen. Ein breites Echo ergab sich erst durch die Zusammenarbeit mit Georges Clemenceau und dessen neu gegründeter Literaturzeitschrift L’Aurore. Es war übrigens Clemenceau, der den aufrüttelnden und höchst wirksamen Titel für Zolas Artikel fand. Der Text begünstigte freilich die Frontenbildung. Es kam überall im Land zu Ausschreitungen und pogromartigen Szenen, selbst im entfernten Algerien, wo viele sephardische Juden lebten. Der Artikel verschärfte die Front zwischen Dreyfusards und jenen Antidreyfusards, die dogmatisch von der Schuld des »dreckigen Juden« ausgingen und diese Sicht trotz aller Beweise nicht aufgaben. Obendrein galt der Hass der Rechten und Antisemiten jetzt auch den sogenannten Intellektuellen, die – ebenso wie die jüdische Bevölkerung – als unpatriotisch hingestellt wurden, als Fremdkörper, die den nationalen Konsens untergrüben. Erst im nachhinein sollte sich zeigen, dass die Frontenbildung dieser Jahre letztlich zur Stärkung der republikanischen Linken und schließlich sogar zur Etablierung neuer linker Arbeiterparteien führen sollte. Dazu sollte es allerdings erst nach 1902 kommen.

Zola trat in seiner Schrift wie ein Staatsanwalt auf, entschlossen, die Machenschaften der Tatverdächtigen unnachsichtig zu enthüllen. Dabei schreckte er auch nicht vor Zuspitzungen und moralischen Bewertungen zurück. Nach einigen höflichen Worten, die er an den Staatspräsidenten Félix Faure richtete, ging er daran, die Wahrheit über den Prozess von Dezember 1894 und die Hintergründe über das gefällte Urteil auszubreiten. Er strich vor allem die Rolle des Hauptmanns du Paty de Clam heraus, der für die Verhaftung von Dreyfus zuständig war, die Verhöre leitete und den Prozess vorbereitete. Zola bezeichnet ihn als »unheilvollen Menschen« (»un homme néfaste«), der für fast alle Intrigen und Fälschungen verantwortlich war und besonders in der ersten Phase – bei der Schriftprobe, den Überwachungsmaßnahmen, der Terrorisierung von Dreyfus’ Ehefrau – eine schmähliche Rolle spielte. »Er ist die ganze Affäre Dreyfus«, schrieb Zola. Ihm falle die Verantwortung für den berüchtigten Bordereau, dieses »kindische Beweisstück« zu. Du Paty habe es verstanden, seine Vorgesetzten in diesen Fall hineinzuziehen. Dabei hätten natürlich auch die üblichen Vorurteile, das heißt: der latente Antisemitismus, eine Rolle gespielt. Das Kriegsgericht sei der Öffentlichkeit entzogen geblieben. Die Anklageschrift selbst sei ein »Dokument der Inhaltslosigkeit«. Auf dieser Grundlage hätte niemand verurteilt werden dürfen. Und Zola listet all dies auf, was trotz der weitgehenden Geheimhaltung bekanntgeworden ist. Im Kern bleibe nur das Begleitschreiben, dessen Urheber unbekannt sei und aus dem sich kein Hinweis auf Dreyfus ergebe. Kurz: Der Prozess vom Dezember 1894 basiere auf Lügen, haltlosen Behauptungen und fadenscheinigen Dokumenten.

Zola widmet sich dann der Affäre Esterházy, deren Aufdeckung dem Hauptmann Picquart zu verdanken sei. Dieser habe seine Pflicht getan, als rechtschaffener Mann und guter Offizier, sei aber bei seinen Vorgesetzten nicht durchgedrungen, als er auf eine Verhaftung des wirklichen Spions gedrängt habe. Denn genau dies habe man verhindern wollen, da es eine Revision des Dreyfus-Urteils nach sich gezogen hätte. Picquart sei daraufhin, obwohl allseits geschätzt, in Ungnade gefallen. Man habe ihm nicht verzeihen können, dass er »hinter gewisse Geheimnisse gekommen sei«.

Zola stellt klar heraus, dass Esterházy der wahre Verräter ist, der Verfasser des Bordereau. Doch dieser Schuldige sollte gerade jetzt von einem zweiten Kriegsgericht freigesprochen werden. Als ob – wie Zola höhnisch ausrief – dieses Kriegsgericht zunichte machen würde, was das erste angerichtet hat! Zola war in seinem Urteil unerbittlich: Vielleicht sei das erste Kriegsgericht nur töricht gewesen, das zweite aber sei verbrecherisch, da es Lügen und Vertuschungen bewusst sanktioniert und sich dabei auf die Ehre der Armee als einer nationalen Institution berufen habe. Doch diese Ehre dürfe sich nicht auf offensichtliche Lügen stützen. Die Würde der Armee müsse mit den Prinzipien der Gerechtigkeit vereinbar sein. Ansonsten werde Verbrechen auf Verbrechen gehäuft, und die Gesellschaft nachhaltig geschädigt. Zu diesen Verbrechen gehöre, dass man sich beim Urteil auf die Schmutzpresse gestützt und weite Bevölkerungskreise mit den »Leidenschaften der Reaktion und der Intoleranz zum äußersten gebracht« habe. Diese Intoleranz zeige sich vor allem an einem »schändlichen Antisemitismus«, der dafür sorge, dass »das große, liberale Frankreich der Menschenrechte sterbe«, wenn es nicht von diesen Wahnvorstellungen geheilt werde. Ein Verbrechen sei es schließlich, »den Säbel zum Gott« zu machen. Das moderne Frankreich sei statt dessen auf Wissenschaft, Wahrheit und Gerechtigkeit gegründet.

Um deutlich zu machen, dass das Verbrechen »Name und Adresse« hat, listete Zola abschließend noch einmal all jene auf, die für den fortgesetzten Justizmord verantwortlich waren – angefangen von du Paty bis zu den führenden Generalen, dem Kriegsminister sowie den Vorsitzenden des zweiten Kriegsgerichts. In seiner »flammenden Protestation« klagte er sie alle an: Sie seien verantwortlich für die unrechtmäßige Verurteilung eines jüdischen Offiziers und für die Beschmutzung höchster republikanischer Ideale. Gleichzeitig hat man den Eindruck, Zola habe es auf Verleumdungsklagen geradezu angelegt, vermutlich um so für eine fortgesetzte Publizität der Dreyfus-Affäre zu sorgen, die auch im Ausland verfolgt wurde.
Und zu diesen Verleumdungsklagen sollte es tatsächlich kommen – wobei man zunächst peinlich darauf bedacht war, den Namen Dreyfus nicht einmal zu erwähnen. Im zweiten Verfahren wurde Zola schließlich verurteilt und sah sich gezwungen, ins Exil nach England zu gehen. Nach der Überführung von Hubert Henry, dem einzigen Militär, der in dieser Affäre inhaftiert wurde, wurde Dreyfus im Sommer 1898 ein zweiter Prozess gewährt, der aber nur wegen »mildernder Umstände« zu einer reduzierten Gefängnisstrafe führte. Der neue französische Präsident bot schließlich eine Begnadigung an, die aber für Dreyfus immer noch ein Schuldeingeständnis impliziert hätte. Es dauerte bis 1906, bis er vollständig rehabilitiert und darauf in die Ehrenlegion aufgenommen wurde. Zola hat dies nicht mehr erlebt, er starb im September 1902 unter mysteriösen Umständen an einer Kohlenmonoxidvergiftung.

Internationale Ausstrahlung

Zolas Engagement hatte ein wichtiges Zeichen gesetzt, das auch in die Nachbarländer ausstrahlte. 1915 schrieb Heinrich Mann einen langen Essay, in dem er das Leben und die schriftstellerische Karriere Zolas nachzeichnete: Er habe die französische Gesellschaft unter der Monarchie Napoleons III. bis zur Niederlage gegen Preußen-Deutschland und dem Beginn der Dritten Republik systematisch und umfassend analysiert. Dabei sei er gleichzeitig für den Fortschritt einer republikanischen Ausrichtung eingetreten, die auf Wissenschaft und Rationalität basiere. Am Ende seines Lebens habe Zola unter Beweis gestellt, dass auf den »Geist« – die Ausformulierung von Ideen und Idealen – die »Tat« und somit deren Realisierung folgen könne. Der offene Protestbrief »J’accuse!« sei somit die Krönung, der würdige Abschluss eines großen literarischen Werkes gewesen.

Heinrich Mann schrieb diesen Essay für die pazifistischen Weißen Blätter noch während des ersten Kriegsjahres, als er gleichzeitig sein eigenes Großprojekt einer kritischen Durchleuchtung der Wilhelminischen Monarchie vorbereitete. Auch bei Mann sollte auf die Monarchie, den die Gesellschaft durchsetzenden und zersetzenden Militarismus und die zu erwartende Niederlage letztlich eine demokratische Republik folgen. Mann selbst löste sich zudem rigoros vom eigenen recht rabiaten Antisemitismus, der seine frühen Arbeiten und seine journalistische Tätigkeit (als Redakteur der Zeitschrift Das Zwanzigste Jahrhundert) durchzogen hatte. Zolas ethisches Engagement sollte sich in der Folge, angeregt namentlich durch Heinrich Mann, auch auf die Ansätze zu einer demokratischen literarischen Kultur während der Weimarer Republik auswirken. Ausgedient hat ein solches Ethos keineswegs, auch wenn dies viele Rechte, denen kritische Interventionen von Schriftstellerinnen und Schriftstellern stets ein Dorn im Auge waren, immer wieder gern als Sakrileg anprangern.

Jürgen Pelzer schrieb an dieser Stelle zuletzt am 13. Dezember 2022 zur politischen Ästhetik Heinrich Heines.

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