3 Monate jW-digital für 18 Euro
Gegründet 1947 Sa. / So., 4. / 5. Februar 2023, Nr. 30
Die junge Welt wird von 2701 GenossInnen herausgegeben
3 Monate jW-digital für 18 Euro 3 Monate jW-digital für 18 Euro
3 Monate jW-digital für 18 Euro
Aus: Ausgabe vom 07.01.2023, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage
DDR-Nahrungsmittelwirtschaft

»Die kollektive Arbeit war grundlegend anders als im Westen«

Über die Versorgung der DDR-Bevölkerung mit Lebensmitteln und ein Leben als Antifaschist. Ein Gespräch mit Helmut Koch
Interview: Marc Bebenroth, Eberswalde
1.jpg
Mittels Plakaten wie diesem von circa 1965 wurde die Bevölkerung aufgerufen, ihren Beitrag zur Futtermittelversorgung zu leisten. Doch für die industrielle Mast in den Kombinaten dürfte das nicht ausgereicht haben

Sie blicken in Ihrem Alter von über 100 Jahren auf Jahrzehnte als Verantwortlicher für die Versorgung einer ganzen Bevölkerung mit Lebensmitteln zurück. Wie begann Ihre Laufbahn auf diesem Gebiet?

Das begann im Grunde mit der Ankunft der Sowjetarmee in Thüringen, entsprechend dem Potsdamer Abkommen (vom 2. August 1945, jW). Ich bin damals der SPD beigetreten und Mitglied des Kreisvorstandes geworden. Da wurde ein Mensch gesucht, der verantwortlich ist und die Erfassung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse sowie die Versorgung im Kreis Gera organisiert.

Und weshalb hatten Sie sich das zugetraut?

Ich war ein sehr naiver junger Mensch, ich hab’ mir gesagt: »Gut, das muss sein bei der Zeit. Das machst du!« Ich wurde dann verantwortlich für den Kreis Gera mit immerhin 224 Gemeinden und zehn Städten. Es war nicht leicht, in einer Zeit die Versorgung der Menschen zu sichern, in der man für einen Sack Kartoffeln einen Teppich tauschen konnte oder Silbergeschirr. Damals hat sich mir auch das Verhältnis zur Sowjetunion und zu den sowjetischen Menschen eingeprägt.

Weil Sie in Zusammenarbeit mit den sowjetischen Stellen Ihre Aufgabe wahrgenommen haben? Wer stand Ihnen dabei zur Seite?

Ich hatte einen Partner in der Kommandantur, ein sowjetischer Kapitän, mit dem ich vieles gemeinsam organisierte. Im Gebiet um Neustadt hatten wir große Rückstände in der Kartoffellieferung nach Gera. Großbauern und vor allem Nazis hatten ihre zurückgehalten. Nicht nur aus ökonomischen Gründen, sondern weil sie nicht liefern wollten. Wir hatten in diesem Gebiet zusammen mit der Kommandantur 50 Nazis und Großbauern ausgesucht, die große Rückstände hatten. Denen haben wir gesagt: »Ihr kommt solange in Haft, bis ihr eure Kartoffeln für Gera geliefert habt.« Die letzten waren halb verhungert aus der Haft rausgekommen.

An einem Abend waren der Kapitän und ich bei einem Nazi und Großbauern, als es eine Auseinandersetzung gab. Der Mann hatte einen Wutausbruch und sagte: »Na ja, wenn Russland unbedingt Reparationen braucht, dann können Sie ja Holz aus meinem Wald kriegen.« Was der nicht wusste: Die Frau, die Kinder und die Eltern des Kapitäns waren während der Belagerung von Leningrad durch die Deutschen verhungert. Ich bewundere ihn noch heute für seine Ruhe und Bestimmtheit in jenem Moment.

Ihre antifaschistische Überzeugung wurde schon früh geweckt. Wie waren die Verhältnisse in Ihrem sozialdemokratischen Elternhaus?

Ich bin am 30. April 1922 geboren. Mein Vater war Former und Betriebsratsvorsitzender in einem großen Betrieb in Gera. Meine Mutter war Näherin. Beide waren Mitglied der SPD und Funktionäre in der Stadt. An meinem elften Geburtstag kam ein Bote des Betriebes meines Vaters und brachte ihm die fristlose Entlassung. Er hatte an dem Tag die Belegschaftsversammlung einberufen und dazu aufgerufen, nicht an einem Naziaufmarsch teilzunehmen. Er wurde staatsfeindlicher Umtriebe bezichtigt. Mein Vater hat fast vier Jahre lang als Former keine Arbeit bekommen.

Was bedeutete das für Sie und Ihre Mutter?

Meine Mutter war weiter als Näherin tätig. Mein Vater bekam schließlich zwar auch wieder Arbeit, aber das waren schlecht bezahlte Nebentätigkeiten. Nach dem Einmarsch der Sowjetunion wurde er übrigens Direktor von dem Metallbetrieb, aus dem er zuvor entlassen worden war. Ich wollte Abitur machen, hatte aber Probleme mit der Schule wegen meiner Nichtzugehörigkeit zur Hitlerjugend. Ich hatte das »Glück«, einen Klassenlehrer zu haben, der auch Anführer der HJ war. Der hatte nach ’33 die Angewohnheit, jeden Tag zu Beginn des Unterrichts zu sagen: »Wer nicht in der HJ ist: Aufstehen!« Anfangs waren das relativ viele. Fortgesetzt hat er diese Praxis auch noch, als nur noch ich aufstand. Letztlich war ich gezwungen, mich neben meinem kaufmännischen Beruf im Fernunterricht auf das Abitur vorzubereiten.

Sie wurden schließlich einberufen. Wie und wo haben Sie den Zweiten Weltkrieg erlebt?

Bei der 20. Panzerdivision. Fast ausschließlich in Russland. Damals waren die Nachbarregimenter im Mitteabschnitt übrigens Naziregimenter von Ukrainern, die gegen die Sowjetunion gekämpft haben. Ich habe in dieser Zeit gelernt, Wettrüsten und Krieg zu hassen, besonders in der Zeit der Rückzüge und der Strategie der verbrannten Erde. Bei minus 30 Grad Kälte im Winter wurden alle Dörfer niedergebrannt. Frauen und Kinder wurden aus den Häusern getrieben. Alte sind meistens erfroren. Das war der Krieg mit seinem grausamen Gesicht, das ich nicht vergessen werde. Ich hatte drei Freunde. Sie sind alle gefallen. Aus meinem Jahrgang sind von zehn Männern sieben gefallen.

Sie überlebten.

Ich hatte das Glück, 1945 im Frühjahr in meiner Heimat in Thüringen zu sein. Das habe ich genutzt und desertierte. Ein paar Tage war ich zwischen den Fronten, zwischen den Amerikanern und der SS. Meine Großeltern wohnten in einem Dorf. Als die Amerikaner auf der Dorfstraße waren, war der Krieg für mich beendet.

Schon bald nach Kriegsende waren Sie für mehr als nur die Kartoffelversorgung von Gera zuständig. Über welche Stationen führte Ihr Weg bis in höchste Regierungskreise?

1949 bin ich berufen worden, für ganz Thüringen die gleiche Funktion wie im Kreis Gera auszuüben. Ich hatte auch die »Ehre«, den Prozess der Umgestaltung vom privaten Handel zum volkseigenen zu organisieren. Da saß dann manchmal in den Kontoren der neuen Volkseigenen Erfassungs- und Aufkaufbetriebe plötzlich ein Teil jener ehemaligen privaten Großhändler drin, die wir vorher rausgeschmissen hatten. 1952 bin ich nach Berlin berufen worden. 24 Jahre lang war ich dort in verantwortlicher Position, anfangs als Hauptabteilungsleiter und stellvertretender Staatssekretär im Staatssekretatriat für Erfassung und Aufkauf, ab 1958 dann als Staatssekretär. In dieser Funktion war ich auch Mitglied des Ministerrates zeitweilig unter Ministerpräsident Otto Grotewohl.

Wofür waren Sie zuständig?

Im Staatssekretariat hatten wir die Erfassung und den Aufkauf landwirtschaftlicher Erzeugnisse gebündelt: Milchindustrie, Fleischindustrie, Getreidewirtschaft, Mischfutterindustrie, dazu gehörten die volkseigenen Güter sowie später die staatlichen Kombinate für die industrielle Mast.

Über die DDR werden bis heute Geschichten von Mangelwirtschaft verbreitet. Wie stellte sich die Situation für die Landwirtschaft dar?

Teilweise ist die Berichterstattung bis heute sehr einseitig. So brachte die Märkische Oderzeitung erst 2022 wieder einen ganzseitigen Artikel über die Landwirtschaft mit der Behauptung, dass massenhaft die Tiere verhungert sind und ähnliches. Ich hab noch die Zahlen der Jahre 1952 bis 1964, in denen hauptsächlich auch die Umgestaltungsprozesse gelaufen sind. Die Geflügelproduktion ist von 787.000 Tonnen auf 1.248.000 Tonnen gestiegen. Bei Milch ist sie von 2,7 Millionen Tonnen auf fünf Millionen Tonnen gewachsen. Und bei Eiern von 761 Millionen auf 2,6 Milliarden Stück. Das ist das konkrete Ergebnis der »maroden« Landwirtschaft, in der »die Tiere verhungerten«.

Wie blicken Sie heute zurück auf die Phase der Umgestaltung der Landwirtschaft?

Der Weg zur Genossenschaft und zu neuen Produktionsverhältnissen wurde teilweise mit Druck und Zwang ausgeübt. Es wäre Blödsinn, das zu bestreiten. Es ist aber auch Unsinn, zu bestreiten, dass ein großer Teil der Einzelbauern, die Widerstand geleistet haben und Probleme hatten – teils Gegner der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften waren –, gute Genossenschaftsbauern geworden sind. Sonst hätten sie diese Ergebnisse nicht erzielen können. Denn was wenig erwähnt wird: Eine verschwindend geringe Zahl von Einzelbauern ist nach der »Wende« wieder zu Einzelbauern geworden. 95 Prozent sind Genossenschaftsbauern oder Bauern genossenschaftlicher Betriebe geblieben.

In welchem Ausmaß hatte es die bis heute behaupteten schlimmen Versorgungsmängel tatsächlich gegeben?

Mängel hat’s gegeben, aber die waren nur teilweise sichtbar für die Bevölkerung. Es gab im Zentralkomitee der SED den Abteilungsleiter für Landwirtschaft, Bruno Kiesler (1959–1981, jW), der zwar beteiligt war an den Erfolgen. Er neigte aber ebenso zu Übertreibungen und Fehlentscheidungen, die zu schweren Schäden in der Landwirtschaft führten. Für ein zweites Problem war Kiesler aber nicht verantwortlich: die katastrophale Ersatzteilversorgung in der Land- und Nahrungsmittelwirtschaft. Politisch verantwortlich war dafür Günter Mittag (bis 1973 Sekretär des ZK der SED für Wirtschaftsfragen, ab 1976 Sekretär des ZK für Wirtschaft, jW). Der hat es ausgezeichnet verstanden, zum Bauerntag in Leipzig oder zu irgendwelchen Anlässen, das schön zu verkleistern oder zu verheimlichen. Aber jeder, der in der Praxis gearbeitet hat, wusste, dass diese Ersatzteilmängel zu riesigen Verlusten in der Produktivität und der Produktion geführt haben. Das war ein latentes Problem bis zum Ende der DDR. Es gab teilweise auch örtliche Logistikprobleme. Dadurch traten sowohl im Sortiment als auch in der Menge Probleme auf. Aber das trifft eher für die 50er Jahre zu. Danach hatten die Leute ausreichend zu essen, übrigens auch Fleischerzeugnisse.

Aber viele dürften sich noch erinnern an die Mängel bei der Fleisch- und Wurstversorgung in den 1980er Jahren.

Die Preisgestaltung für Lebensmittel war in der DDR bei pflanzlichen Erzeugnissen dadurch gekennzeichnet, dass das billigste Futtermittel für die Schweine das Brot war. Und bei tierischen Erzeugnissen haben die hochwertigen fast das gleiche gekostet wie normale Erzeugnisse. So waren die hochwertigen Waren im Laden überhaupt nicht sichtbar, sondern wurden unterm Ladentisch verkauft.

Wie sind Sie dieses Problem angegangen?

Wir hatten den Vorschlag gemacht, dass wir im Fall von Preiserhöhungen zum Beispiel bei Brot – die es teils geben musste, um vernünftige Verhältnisse darzustellen –, diese Anhebungen mehr als ausgleichen über höhere Löhne in den unteren Lohngruppen. Eine vernünftige Preisökonomie hätte sogar verbunden werden können mit sozialen Maßnahmen. Leider ist das nie Wirklichkeit geworden. Wir fanden Teillösungen. So richteten wir in Berlin am Alexanderplatz einen Spezialladen für Fleisch und für Milcherzeugnisse ein. Dort haben wir neue Preise gemacht. Oder bei den Broilern: Da hatten wir zunächst niedrige Preise festgesetzt, bis wir nach kurzer Zeit feststellten, wie alles derartig überlaufen war, dass das kaum noch zu bewältigen war. Aber da an den Preisen in der DDR schwer etwas zu ändern war, haben wir auch wieder einen kleinen Trick probiert: Wir haben die Portion verringert.

Was wurde alles zur Lebensmittelproduktion in der DDR neu aufgebaut?

Als ich verantwortlich war, wurden 16 Kombinate für industrielle Mast aufgebaut. Die Kombinate haben immerhin über 600.000 Tonnen Fleisch bis zur »Wende« produziert, mit hoher Produktivität. Wobei wir da nicht das Rad neu erfinden wollten, sondern wir haben eigene wissenschaftliche Erkenntnisse verbunden mit internationaler Erfahrung. Dann errichteten wir Kombinate, die jährlich Tausende von Mastbullen aufgezogen haben. Vor allem aber haben wir große Kombinate für Geflügel und Eier aufgebaut. Dort wurde die lästige Versorgung mit Eiern aus Kühlhäusern im Winter abgelöst durch die Frischeierproduktion. Unsere Kombinate produzierten auch jährlich 55 Millionen Broiler bzw. Goldbroiler.

Aß man in der DDR denn mehr oder weniger Fleisch als in der BRD?

Der Fleischverbrauch insgesamt lag 1964 bei 58 Kilogramm je DDR-Bürger, fast der gleiche wie in Westdeutschland. Dort war, zugegeben, die Verarbeitung – vor allem die Verpackung – in einigen Dingen besser.

Die DDR betrieb zudem Außenhandel mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Auch mit dem kapitalistischen Ausland?

Ja, wir haben nicht nur mit der Sowjetunion, sondern auch mit kapitalistischen Staaten mit Nahrungsgütern gehandelt. So kriegte ich als erstes Mitglied des Ministerrates 1972 den Auftrag, nach Australien zu fliegen. Ich sollte eine Million Tonnen billiges Futtergetreide aus Überschüssen zukaufen. Und ich sollte die Wirtschaftsbeziehungen nutzen, um auf andere Politikfelder zu wirken. Das Geschäft kam zustande, und wir haben mit diesem Futtergetreide 300.000 Tonnen Fleisch produziert. Davon exportierten wir 100.000 Tonnen – nicht edle Erzeugnisse, sondern Lebendvieh und Hälften –, um das Getreide zu bezahlen. 200.000 Tonnen nahmen wir, um den steigenden Verbrauch der DDR zu decken. Oder nehmen Sie Sachsen-Anhalts hochwertige Braugerste. Davon haben wir jedes Jahr mehrere hunderttausend Tonnen ins kapitalistische Ausland exportiert. Aus Südamerika importierten wir wiederum Soja und Fische als Eiweiß für die Mischviehindustrie.

In den 1960er Jahren hatte sich die sow­jetische Regierung an die DDR gewandt mit der Bitte, 300.000 Tonnen Kartoffeln nach Leningrad zu liefern. Das wurde mein Sonderauftrag. Im Herbst schafften wir es, innerhalb von sechs Wochen 600.000 Tonnen Kartoffeln zu liefern. Fast 100 Schiffe konnten wir organisieren. Dies war nicht nur ein ökonomischer Erfolg, sondern auch ein ganz kleiner Beitrag zur Wiedergutmachung dafür, dass in der Blockade Leningrads im Zweiten Weltkrieg eine Million Menschen verhungert sind.

Sie sollten schließlich Berlin verlassen und – wie einst Ihr Vater – Direktor eines Betriebes werden, dem neuen Schlacht- und Verarbeitungskombinat Eberswalde, kurz SVKE. Wie kam es dazu?

Ich hatte zuvor persönliche Auseinandersetzungen mit Bruno Kiesler. Er sagte mit Verweis auf erste Anlagen: »Das, was du in Eberswalde gebaut hast, das sind vergrößerte einzelbäuerliche Hundehütten! Man muss in der Schweinemast endlich übergehen zur Automatisierung und zur Käfighaltung!« Das war nicht nur technologisch völliger Unsinn, sondern auch aus der Sicht der Tierhaltung eine unerträgliche Forderung. Glücklicherweise ist es dann bei einer kleinen Pilotanlage geblieben, und wir konnten verhindern, so etwas in der Landwirtschaft zu etablieren. Jene Auseinandersetzung war mit Ursache dafür, dass ich später nach Eberswalde delegiert wurde.

Dort waren Sie ab 1976 Aufbauleiter und schließlich Generaldirektor für die Produktion bis 1987.

Wir hatten – und das sagten auch Institute im Westen – das modernste Kombinat dieser Art in Europa aufgebaut. Es war nicht einfach. 6,5 Millionen schwere Investitionen mussten realisiert werden innerhalb von 18 Monaten. Wir haben pünktlich die Gesamtproduktion geschafft von einer Milliarde Mark DDR-Versorgung jährlich mit 3.000 Mann Belegschaft, aus der ganzen DDR zusammengesammelt, die eine moderne Technik – bis zur Anwendung der EDV in der Produktion – beherrscht haben. Wir haben dann für die Stadt Eberswalde auch ein Schwimmbad gebaut, außerdem 2.000 Neubauwohnungen, dazu 200 Einfamilienhäuser des Stralsunder Typs für die Belegschaftsangehörigen sowie ein Kulturhaus. Und wir haben für 300 Lehrlinge eine Schule mit Unterkünften gebaut.

Wie unterschied sich das Leiten des Schlachtkombinats zu kapitalistischen Betrieben?

Es herrschte technische Gleichwertigkeit zum Westen. Wir hatten im SVKE eine Teilautomatisierung. Die Technik dafür stammte aus dem kapitalistischen Ausland, die Ausbildung dafür erfolgte in der Schweiz. Nicht gleichwertig waren die Arbeits- und Lebensbedingungen! Man wollte ja 3.000 Leute aus der Republik gewinnen. Die haben also ordentlich verdient. Ehemalige Beschäftigte begrüßen mich immer noch freundlich mit der Randbemerkung: Das waren schöne Zeiten des Zusammenhalts im SVKE. Die Bedingungen waren ganz anders als in kapitalistischen Betrieben im Westen und als heute. Das waren noch Kollektive, die zusammen gelebt, gefeiert und gearbeitet haben. Gegenüber den jetzigen Verhältnissen war das grundlegend anders.

Was bedeutete der Anschluss der DDR an die Bundesrepublik für die Kombinate nahe Eberswalde?

Das moderne Schweinezucht- und -mastkombinat, das SZME, wurde für 30 Millionen Euro abgerissen, für 30 Millionen wurde ein neuer Gewerbebau errichtet, der bis heute zu etwa zwei Dritteln noch leer steht. Das SVKE wurde an mehrere westliche Spekulanten verkauft und erheblich verkleinert. Nachdem eine DDR-Familie, die des ehemaligen Direktors eines westlich von Berlin gelegenen Walzwerks, das übernommen hat, ist es ein relativ solider Familienbetrieb geworden. Die Mischfuttersilos waren wohl zu schwer zum Abreißen. Die stehen noch heute sichtbar.

Helmut Koch …… wurde 1922 in Gera geboren und ist dort aufgewachsen, nach dem Zweiten Weltkrieg war er zunächst in seiner Heimatstadt und wenig später in der Regierung der DDR für die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung verantwortlich. Bis zur Verrentung 1987 war er schließlich Aufbau- und Generaldirektor des VEB Schlacht- und Verarbeitungskombinats Eberswalde/Britz

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

Ähnliche:

  • Ohnmächtiger Protest: Besetzung der Treuhand-Niederlassung in Su...
    17.10.2022

    Lustlose Westdeutsche

    »Sie kannten Frauen in technischen Berufen nicht«: Eine Broschüre über die DDR-Geschichte und das Treuhand-Schicksal des Möbelwerks Eisenberg
  • Hier besteht Landesinteresse, die Instandhaltung ist geplant: Kl...
    18.08.2022

    Auferstanden aus Ruinen

    DDR-Wasserspeicher als Zukunftsmodell für Landwirtschaft. Eindrücke aus der Thüringer Fernwasserversorgung

Mehr aus: Wochenendbeilage

Startseite Probeabo