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Aus: Ausgabe vom 05.01.2023, Seite 8 / Inland
Antifaschistische Aufklärung

»In vielen Stadien gilt Rassismus als normal«

Bundesverband Mobile Beratung legt Handreichung zu Neonazis im deutschen Fußball vor. Ein Gespräch mit Dominik Schumacher
Interview: Kristian Stemmler
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Auch hier? Leere Tribüne des Rudolf-Harbig-Stadions des Fußballvereins Dynamo Dresden (14.1.2022)

In Ihrer neuen Handreichung mit dem Titel »Wichtig ist nicht nur aufm Platz« geht es um die Probleme im deutschen Fußball, zum Beispiel Rassismus im Stadion und Neonazis in den Fanszenen. Welchen Einfluss haben die?

Das ist von Fanszene zu Fanszene unterschiedlich. Manche Fangruppen haben eine starke antirassistische Kultur, dort haben es Neonazis schwerer. In vielen Stadien gilt jedoch Rassismus als unpolitisch und normal. Wenn man versucht, das in der Kurve zu problematisieren, gilt man als zu politisch und als Störenfried. Zudem sind Stadien oft Orte von gewalttätiger Männlichkeit und Patriotismus. Das alles sind Grundlagen, mit denen Neonazis gut arbeiten können – also rekrutieren, netzwerken, sich wohlfühlen. Zahlenmäßige Erhebungen zu einzelnen Städten gibt es bundesweit meines Wissens nicht.

Es heißt, bei Fußballvereinen in Ostdeutschland sei rechter Extremismus unter den Fans ein größeres Problem als im Westen. Ist das so?

Rechtsextremismus ist in Ostdeutschland gesamtgesellschaftlich sowohl qualitativ als auch quantitativ ein größeres Problem. Dies drückt sich auch in der Kurve aus. Für den Westen gilt allerdings ebenfalls: Wenn es in meiner Stadt große rechte Szenen gibt, wird sich das mit hoher Wahrscheinlichkeit auch im Stadion bemerkbar machen.

Gewaltaffine Hooligans seien teilweise aus den Stadien herausgedrängt worden, ist bei Ihnen zu lesen. Wie groß ist das Problem noch, und wo liegen die Unterschiede respektive Verbindungen zu extrem rechten Akteuren?

Das Problem liegt weiterhin und zum Teil auch stärker in der – je nach Region – engen Verbindung zwischen organisierten Neonazis und Hooligans. Der gemeinsame Nenner sind der Lokalpatriotismus und ein gelebtes Konzept von »wehrhafter Männlichkeit«. Verschiedene Ideologien wie Rassismus kommen oft noch hinzu. Getroffen wird sich konkret und vermehrt im Kampfsport. Sowohl Neonazis als auch Hooligans betreiben inzwischen vielfach semiprofessionellen Kampfsport. Der ist für heutige Hooligans eine Mindestvoraussetzung, um sich mit anderen Gruppen messen zu können. Neonazis hingegen betreiben Kampfsport als Teil der neoliberalen Fitnesswelle, aber auch, um politische Gegner anzugreifen. Währenddessen wächst die Kampfsportszene insgesamt, ist jedoch im Turnierbereich weiterhin überschaubar. Da fährt man dann sowohl als Hooligan als auch als Nazi mitunter zu denselben legalen und illegalen Turnieren.

Ihre Handreichung soll vor allem konkrete Handlungsmöglichkeiten aufzeigen. Können Sie einige nennen?

Die progressiven und organisierten Teile der Fanszene zu unterstützen, zeigt große Wirkung. Die personelle Stärkung und Schulung von Fanprojekten ist dabei zentral. Große Unterschiede lassen sich auch bei den Vereinen feststellen, anhand der Frage, ob sie sich deutlich und regelmäßig politisch positionieren. Da, wo Vereine sich öffentlich gegen Rassismus und Rechtsextremismus stellen, sind die Chancen deutlich besser, dass dies auch Teil der Fanidentität wird. Auch wenn dies am häufigsten genannt wird: aufgezählt werden muss auch konsequentes Vorgehen gegen Nazis und Rassisten. Wenn dies von den Vereinen durchgesetzt wird, ist das ein wichtiger Beitrag. Hierzu zählt auch die Schulung von Ordnerinnen und Ordnern: Diese sollten neonazistische Symbole erkennen und die Träger des Stadions verweisen können.

Der Schritt vorher ist, in die eigenen Reihen zu schauen: Ich erinnere mich an eine Schulung, wo die rechtsextreme Marke Thor Steinar bei mehreren Ordnern am Körper zu sehen war. Dieses Beispiel zeigt auch, welche Möglichkeiten solche Orte der Auseinandersetzung mit dem Thema bieten. Erst dann fällt auf, wo noch etwas getan werden muss. Ein guter Schritt sind außerdem Meldestellen, wo ich als Fan zum Beispiel Diskriminierung melden kann.

Dominik Schumacher ist Sprecher des Bundesverbands Mobile Beratung

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