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Aus: Ausgabe vom 31.12.2022, Seite 7 / Ausland
Antikolonialer Befreiungskampf

»Geliebter Krieger«

Von Klassenverrat, revolutionärem Aufbruch und dem ideellen Gesamtterroristen: Ein Nachruf auf José Maria Sison
Von Rainer Werning
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Gedenkmarsch für José Maria Sison in Manila am 19. Dezember

Zu Beginn der 1970er Jahre war »Amado Guerrero« (Geliebter Krieger) für fortschrittliche und linke Sozialaktivisten in den Philippinen zum Inbegriff eines revolutionären Aufbruchs geworden. Es war der Nom de Guerre von José Maria Sison – von seinen Freunden kurz »Ka Joma«, zu deutsch: Genosse Joma genannt –, der am 16. Dezember mit 83 Jahren im niederländischen Exil an Herzversagen verstarb. Am 27. Dezember wurden die sterblichen Überreste eines Mannes in Utrecht eingeäschert, dessen Name über ein halbes Jahrhundert lang eine elektrisierende Wirkung ausübte und für Linke und Revolutionäre weltweit zu einem Markenzeichen wurde. Eines ist bereits heute gewiss: José Maria Sison alias Amado Guerrero wird lange über seinen Tod hinaus einen hohen Bekanntheitsgrad wahren und all jene inspirieren, die sich ungebrochen für Demokratie, Selbstbestimmung, Gerechtigkeit und einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz engagieren.

Für einen Menschen wie Sison, der aus gutem Hause mit chinesischen Wurzeln stammte, bedeutete der erste notwendige Schritt in Richtung Politisierung zuvörderst eins: Klassenverrat. Eine bewusste Entscheidung, die Menschen gleicher Herkunft vor und nach ihm fällten. Wer mit der Geschichte der Philippinen auch nur halbwegs vertraut ist, wird mühelos nachvollziehen können, dass grassierende Armut, Unterdrückung und Ausbeutung in einem Klima staatlicher Gewalt mit einem einzig im Sinne der Herrschenden verfahrenden Justizsystem jeden sensiblen Geist dazu verleitet, klar Position zu beziehen: Ein wie immer geartetes Arrangement mit den gegebenen Verhältnissen oder fortwährender Kampf, um eben diese Verhältnisse im Marxschen Sinne »zum Tanzen« zu bringen.

Sison entschied sich für letztere Option. Von Haus aus begabt und mit reichlich Intelligenz ausgestattet, gelang es ihm schon früh, im Kreise seiner Mitschüler und Kommilitonen herauszuragen und Führungspositionen einzunehmen. Hervorgehoben sei hier seine Rolle als Gründer der Kabataang Makabayan (Nationalistische oder Patriotische Jugend) im Herbst 1964. Als Mitglied der Partido Komunista ng Pilipinas (PKP) eckte er zunehmend mit deren Spitzenkadern an, denen er Verrat vorwarf und sie schließlich des Revisionismus zieh. Nur folgerichtig konstituierte sich die Partei am 26. Dezember 1968 neu – auf maoistischer Grundlage und mit Sison als ihrem Gründungsvorsitzenden. Diese Kommunistische Partei der Philippinen (CPP) führt mit ihrer drei Monate später entstandenen Guerillaorganisation, der Neuen Volksarmee (NPA), mittlerweile einen der weltweit am längsten anhaltenden Befreiungskämpfe.

Anfang der 1970er Jahre erschien aus der Feder von Amado Guerrero das Buch »Philippine Society and Revolution« (Philippinische Gesellschaft und Revolution – kurz: PSR), die philippinische Variante der »Mao-Bibel« aus der Zeit der Kulturrevolution in der VR China. Dieses Werk, das in mehrere Sprachen (darunter auch von diesem Autor 1973 ins Deutsche) übersetzt wurde, politisierte und radikalisierte eine ganze Generation, die aus seinen Analysen Munition gegen das herrschende Regime bezog. Dieses schlug hart zurück: Der damalige Diktator Ferdinand Marcos, Vater des amtierenden Präsidenten, verhängte im September 1972 landesweit das Kriegsrecht über den Inselstaat. Einer der Hauptgründe dafür: Es galt, so Marcos, der »kommunistischen Subversion« einen Riegel vorzuschieben. Doch ausgerechnet während des Kriegsrechts, das de jure bis Anfang 1981 andauerte, avancierte die NPA laut US-Geheimdienstberichten zur weltweit »am schnellsten wachsenden Guerillabewegung«.

Sison war von den Herrschenden seines Landes derweil längst zum Staatsfeind Nummer eins erklärt und später selbst im Ausland (USA und EU) als ideeller Gesamtterrorist gebrandmarkt worden. Eine Stigmatisierung, die wegen seiner Unbeugsamkeit bis zu seinem letzten Atemzug währte – trotz knapp neunjähriger Gefängnishaft (1977 bis Frühjahr 1986) und trotz all der Jahre, die er seit 1987 im niederländischen Exil verbrachte, wo er lediglich einen Duldungsstatus als Asylsuchender in Utrecht genoss. Von dort aus operierte er an der Seite von Julieta de Lima, seiner Kampf- und Lebensgefährtin, als Chefberater der Nationalen Demokratischen Front der Philippinen (NDFP). Die NDFP ist ein seit 1973 bestehendes politisches Untergrundbündnis, dem neben der CPP/NPA über ein Dutzend weitere Organisationen angehören und das offiziell bis 2017 mit den Regierungen in Manila Friedensverhandlungen führte.

Während sich Sprecher der philippinischen Streitkräfte und Nationalpolizei von Sisons Tod eine »endgültige Friedenschance« erhoffen, verkündete das Zentralkomitee der CPP in seiner Erklärung am 26. Dezember anlässlich des 54. Jahrestages der Parteigründung, das Vermächtnis von »Ka Joma« allseits wahren zu wollen. Die »taktischen Offensiven gegen den Feind« würden verstärkt.

Rainer Werning publizierte zusammen mit José Maria Sison die Bücher »Die Philippinische Revolution. Eine Innenansicht« (1993) sowie »Ein Leben im Widerstand« (2019)

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