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Aus: Ausgabe vom 30.12.2022, Seite 6 / Ausland
Jahresrückblick

Der Sieg blieb aus

Jahresrückblick 2022. Heute: Russland und Ukraine. Wesentliche Kriegsziele verfehlt. Antirussische Mobilisierung erfolgreich
Von Reinhard Lauterbach
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Weltkriegsmonument in der nordukrainischen Stadt Trostjanez in der Region Sumy (28.3.2022)

Mitte Dezember 2021 forderte Russland die NATO und die USA in ultimativer Weise auf, die Nichtaufnahme Kiews in das westliche Militärbündnis zu garantieren und Verhandlungen über eine Neukonstruktion der europäischen Sicherheitsordnung aufzunehmen. Der Westen hat, mit diesem Ansinnen konfrontiert, nie vorgehabt, darauf inhaltlich einzugehen. Hätte es doch geheißen, das Ergebnis von 30 Jahren Einkreisung ohne Not aufzugeben. Aber geahnt, dass es jetzt ernst werden würde, hat man wohl schon. In der Zeit »zwischen den Jahren« vor einem Jahr, die Russland seinen »Partnern« als Bedenkzeit gegeben hatte, passierte das schiere Gegenteil: Man schwor sich gegenseitig darauf ein, »Geschlossenheit« zu wahren. Das hat bisher auch funktioniert, wenigstens in dem Sinne, dass niemand der erste sein will, der angesichts der Schwierigkeiten, die diese »westliche Geschlossenheit« auch für das eigene Land mit sich bringt, aus der Reihe tanzt. Knirschen im Gebälk unbenommen.

Fest im Sattel

Vor diesem Hintergrund wirkte eine Aktion des ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenskij Anfang Februar 2022 auf der »Münchner Sicherheitskonferenz« sehr merkwürdig: Selenskij erklärte, sein Land müsse sich überlegen, ob es nicht seinen 1994 ausgesprochenen Verzicht auf Atomwaffen zurücknehmen solle.

Merkwürdig war diese Äußerung vor allem in dem Sinne, dass eine politische Führung, die vorhat, sich Atomwaffen zu verschaffen, darüber nicht auf offener Bühne herumräsoniert, sondern im Stillen Fakten schafft. Ganz abgesehen davon, dass ihr dann die USA eigentlich sofort lautstark auf die Finger hätten klopfen müssen. Das war aber nicht der Fall. Von daher liegt die Vermutung nahe, dass Selenskijs Äußerung eine mit Washington abgesprochene Provokation war. Mit dem Ziel, Russlands Führung nervös zu machen. Parallel intensivierte die ukrainische Armee ihren Artilleriebeschuss gegen die »Volksrepubliken« Donezk und Lugansk deutlich – nach Angaben der damals noch entlang der »Kontaktlinie« tätigen OSZE-Mission um das Vierfache. Das sollte den Eindruck wecken, eine Bodenoffensive stehe unmittelbar bevor. Vielleicht stand sie das ja auch; wir werden es in nächster Zeit nicht erfahren.

Von da an überschlugen sich die Ereignisse. Innerhalb weniger Tage beschloss die russische Staatsduma die diplomatische Anerkennung der beiden Republiken – ein Schritt, den die russische Führung aus gutem Grund über Jahre vermieden hatte. Weil er nämlich der Bruch mit dem Minsker Abkommen (»Minsk II«) gewesen wäre, auf das sich Russland mit dem Ziel eingelassen hatte, die Ukraine zu einem Kompromiss mit ihren an Russland orientierten Bürgern zurückzuzwingen. Einen solchen Kompromiss hatte die Maidan-Führung zuvor aufgekündigt, einen solchen Kompromiss hatte die Ukraine auch später nie vor; und die EU-Führer ließen es ihr durchgehen. Weil, wie Angela Merkel Anfang Dezember offen erklärte, Minsk II eingefädelt worden sei, um Russland zu täuschen und der Ukraine Zeit zu verschaffen, sich militärisch zu stärken.

Als Wladimir Putin am 24. Februar 2022 die Panzer über die ukrai­nische Grenze rollen ließ, verkündete er drei wesentliche Kriegsziele: die »Entnazifizierung« der Ukraine, gemeint war ein Regimewechsel zugunsten einer zur Zusammenarbeit mit Russland bereiten Führung; die »Entmilitarisierung« der Ukraine, die etwas später ausformuliert wurde zu der Forderung, die ukrainischen Streitkräfte auf 100.000 Mann ohne Angriffswaffen zu reduzieren. Ob Zufall oder nicht, diese Bedingungen waren fast deckungsgleich mit jenen Bedingungen, die die Siegermächte des Ersten Weltkriegs dem besiegten Deutschen Reich für seine Reichswehr diktiert hatten. Und drittens ein »Ende des Genozids« an den Bewohnern der Donbass-Republiken.

Zehn Monate danach ist nichts davon eingetreten. Das Selenskij-Regime sitzt fester im Sattel als zuvor, auch deshalb, weil alle politischen Optionen, die als »prorussisch« oder wenigstens kompromissbereit eingestuft wurden, in den ersten Wochen des Krieges verboten und ihre Aktivisten auch persönlich verfolgt wurden. Die ukrainische Armee ist stärker als vorher und hat vor allem im Zuge des Krieges eine durchgreifende Modernisierung erfahren: an die Stelle des sowjetischen Altmaterials, das im Zuge der Kämpfe zerstört wurde, ist moderne Ausrüstung aus den Arsenalen der NATO getreten. Für Kiew zwar immer »zu wenig«, aber für die NATO so viel, dass die Militärlogistiker in Berlin und Washington inzwischen Alarm schlagen, es werde schwierig, all das kurzfristig nachzuliefern, was man in den ersten Kriegsmonaten an Kiew abgegeben habe. Und was den »Genozid« an den Bewohnern der Donbass-Republiken angeht, so geht das, was man auf russischer Seite als solchen bezeichnet – der praktisch tägliche Beschuss der Städte und Gemeinden mit Artillerie und Raketen – ohne erkennbare Einschränkung weiter.

Gebietsgewinne und -verluste

Statt dessen hat Russland etwas erreicht, was es als Ziel zumindest nicht offen formuliert hat, als es den Angriff auf die Ukraine begann. Die territorialen Eroberungen entlang der Südküste der Ukraine haben ausgereicht, um einen Landkorridor auf die Krim zu schaffen und so deren militärische und zivile Versorgung nicht nur von der einen Brücke abhängig zu machen, deren Verwundbarkeit sich Anfang Oktober 2022 bei einem Anschlag erwies. Viel mehr als dies plus die geregelte Wasserversorgung der Krim ist es aber nicht. Die »neuen russischen Territorien«, um die sich Russland im Herbst auch offiziell erweitert hat, sind nicht fest unter russischer Kontrolle. Immer wieder gibt es Anschläge: so im Dezember auf eine wichtige Brücke am Stadtrand von Melitopol.

Weitere temporäre Gebietsgewinne hat Russland wieder aufgeben müssen: die Gebiete nördlich von Kiew, um Tschernigiw und Sumy, aus denen sich die russische Armee schon Ende März wieder zurückzog, nachdem das Konzept eines schnellen Überraschungsangriffs unter hohen Verlusten gescheitert war. Die Eroberungen im Gebiet Charkiw im Nordosten, die Russland im September aufgrund einer ukrainischen Gegenoffensive räumen musste. Und den nördlich des Dnipro gelegenen Teil des Bezirks Cherson, aus dem sich die russische Armee Anfang November von sich aus zurückzog, weil die Positionen nicht mehr zu halten waren, nachdem die Ukraine die Versorgungswege über den Dnipro zerstört hatte.

Das größte Debakel aber erlebte Russland auf der politischen Ebene. Die Vorstellung Wladimir Putins, die russischen Truppen würden von einer im Kern immer noch russlandfreundlich eingestellten Bevölkerung willkommen geheißen, hat sich an den Tatsachen blamiert. Hier hatte die russische Aufklärung zuvor erheblich versagt und offenkundig Gefälligkeitsberichte erstellt. Die ukrainische Gesellschaft hat sich, auch ohne dazu an jeder Ecke gezwungen zu sein, in der Gegnerschaft gegen Russland vereint. 97 Prozent der Befragten in der Ukraine nennen Russland heute einen »Feind«; vor dem Krieg waren es auch schon etwa 70 Prozent. Damit ist das russische Narrativ von den beiden »Brudervölkern« zusammengebrochen. Nicht ohne russische Mitverantwortung. Nachdem Russland die Krim 2014 übernommen und die Separation des Donbass unterstützt hatte, hat es ungewollt die »politische Ukrainisierung« der Ukraine gefördert. Die am stärksten auf Russland orientierten Regionen der Ukraine traten aus deren politischem Leben aus und mussten dort fortan nicht mehr berücksichtigt werden. Im nachhinein eine weitere schwere Fehleinschätzung, wenn auch keine des letzten Jahres. Aber 2022 hat sie sich gerächt.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ulf G. aus Hannover (31. Dezember 2022 um 16:01 Uhr)
    Die Vermutung, Selenskijs (vielleicht kriegsauslösende) Drohung mit atomarer Aufrüstung sei mit Washington abgesprochen gewesen, dürfte voll ins Schwarze treffen. Hätte Selenskij den Krieg verhindern wollen, hätte er besser von Atomwaffen geschwiegen oder gesagt, dass die gewünschten Atomwaffen schon geliefert und stationiert seien. Schon im Jahr 2021 war auffällig, dass in Endlosschleife vom Westen erklärt wurde, man würde bei einem russischen Einmarsch in die Ukraine nur mit Sanktionen, nicht aber mit militärischem Eingreifen reagieren. Hätte man den Krieg verhindern wollen, so hätte man öffentlich erklärt, alle Optionen blieben auf dem Tisch, während man der Ukraine nichtöffentlich den warnenden Hinweis gegeben hätte, dass es keine Unterstützung geben würde, wenn aggressive Aktivitäten Kiews ein russisches Eingreifen provozieren sollten. Verräterisch sind auch die amerikanischen Terminvorhersagen für den russischen Einmarsch. Die USA tippten auf den 16. bzw. den 20.2., das liegt jeweils einen Tag nach ukrainischen Atomdrohungen, nämlich der Bestellung von 30.000 Dosimetern bzw. der Ankündigung atomarer Aufrüstung auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Statt die atomare Aufrüstung zu verurteilen, taten die USA eher das Gegenteil: Kurz nach Selenskijs Atomdrohung kündigten sie an, atomwafffentaugliche F-35-Bomber Richtung Ukraine (oder gar in die Ukraine, vgl. https://www.heise.de/tp/features/Von-Kuba-1962-bis-Ukraine-2002-Stoppt-das-Russisch-Roulette-mit-der-Menschheit-7132719.html?seite=all) zu verlegen. Wenn schon Krieg, dann bitte atomar. Klar, dass eine Art »Nukleare Teilhabe« der Ukraine weder für die Donbassrepubliken noch für Russland akzeptabel waren. Man erinnere sich an Timoschenkos Empfehlung, die acht Millionen Donbassrussen atomar zu vernichten: »Damn, we should fire nukes at them« (https://www.youtube.com/watch?v=oEFCmJ-VGhA). Ihre Partei wurde übrigens nicht verboten, sondern darf in der Rada bleiben.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (31. Dezember 2022 um 10:54 Uhr)
    Unterm Reinhard Lauterbachs Artikel - Aus: Ausgabe vom 30.12.2022, Seite 6 / Ausland JAHRESRÜCKBLICK Der Sieg blieb aus Jahresrückblick 2022. Heute: Russland und Ukraine. Wesentliche Kriegsziele verfehlt. Antirussische Mobilisierung erfolgreich ist gerade Eure Reklame: Aufklärung statt Propaganda Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! - fehl am Platz!
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Mike G. aus Berlin (30. Dezember 2022 um 16:39 Uhr)
    Noch Heute behaupten die Franzosen, dass sie die Schlacht bei Borodino gewonnen haben. Bei genauerer Betrachtung haben die Russen unter der Führung von Kutusow das Schlachtfeld an einem für sie günstigen Augenblick verlassen. Kutusow hat seine Truppen geschont. Den Rest der Geschichte kennt jeder. Mit ca. 750.000 Soldaten ist Napoleon einmarschiert. Ca. 60.000 haben es wieder rausgeschafft. Die Russen haben den Rest beim ständigen Nachsetzen durch den Fleischwolf gedreht. Bei den Verhandlungen mit Russland in der Türkei hatte Russland als Zeichen guten Willens seine Truppen aus dem Großraum Kiew zurückgezogen. Sieg Nummer Eins. Woher der Autor das mit den hohen Verlusten hat? Als die Russen im Raum Charkiw sich zurückziehen mussten, wechselten sie innerhalb von 48 Stunden festsitzende Truppen durch mobile Luftlandetruppen aus. Die nachrückenden Ukrainischen Truppen verloren dabei 30.000 bis 40.000 Soldaten. Die Russen ca. 3.000 Mann plus Ausrüstung. Das behaupten Herr Oberst Jacques Baud und Herr Colonel Douglas McGregor. Beide schreiben, dass sie sich ausschließlich auf nichtrussische Quellen beziehen. Sieg Nummer Zwei. Als die Russen sich um Truppen und Material zu schonen auf das Linke Dneprufer zurückzogen haben, haben die ukrainischen Truppen an eine Falle wie in Charkiw geglaubt und zwei Tage zum Nachsetzen gebraucht. Sieg Nummer Drei. Was den derzeitigen Kampf um Bachmut betrifft, so geht es nicht um den schnellen Sieg, sondern um Ressourcenverbrennen. Russland hat in seiner Militärgeschichte regelmäßig Territorium gegen Sieg getauscht. Und Russland hat genug Fehler in diesem Feldzug gemacht. Was nicht heißt, dass sie nicht im Plan liegen. Krieg ist immer Mathematik, Geschichte, Geografie und das Wetter ist auch wichtig. Wir gewinnen in unserem Informationsraum. Die Russen den Krieg …
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Gabriel T. aus Berlin (30. Dezember 2022 um 09:51 Uhr)
    Das mit den Meinungsumfragen ist so eine Sache, wie wir alle wissen. 1945 waren noch mehr als 95 Prozent der Deutschen Unterstützer der Nazis, schon 1946 hatte sich dies grundlegend geändert.
  • Leserbrief von Stephan Krüger aus Neumarkt i.d.OPf. (30. Dezember 2022 um 07:58 Uhr)
    In vielem stimme ich den Betrachtungen und Schlussfolgerungen Reinhard Lauterbachs zu. Fragen habe ich zu zwei Punkten: 97 Prozent der Befragten (Ukrainerinnen und Ukrainer) betrachten Russland als Feind. Wer waren die Befragten? Befinden sich unter den Befragten die inneren »Feinde«? Oder wurden »Russen« und deren Freunde vorsichtshalber nicht befragt? Wenn es eine so klare Feindschaft gibt, warum müssen dann immer noch alle »russenfreundlichen« kulturellen, politischen und religiösen Kräfte bekämpft werden? Zweitens: Woher nimmt der Autor die Annahme, Selenskij sitze fest im Sattel? Gibt es nicht mehrere Gründe zur Annahme, dass auch genau das Gegenteil der Fall sein könnte? Da ist sein Lavieren zwischen Frieden und Krieg, mit Zugeständnissen an Russland, das letzte Mal im März/April. Dann die Anweisung des »kollektiven Westens«, übermittelt von Johnson (und mit Sicherheit der extremen Nationalisten und Faschisten in allen ukrainischen Sicherheitsdiensten) weiter für den Sieg über Russland zu kämpfen, kämpfen zu müssen. Jemand, der fest im Sattel sitzt, handelt nicht dermaßen wenig souverän. Die enormen Zerstörungen in der Ukraine, der praktisch nicht stattfindende zivile Wiederaufbau oder auch nur Instandsetzung von Gebäuden, die weitere Verarmung, Zerstörung von Infrastruktur, die Unfähigkeit, die Ukraine auch nur an irgendeinem westlichen Punkt zu schützen, die gewaltigen Verluste, die offensichtlich immer illusionäre Ausrichtung auf einen ukrainischen Siegfrieden, das Verbot eines Waffenstillstandes und von Verhandlungen, spricht das für »fest im Sattel«? Der Krieg ist für Russland nicht wie geplant gelaufen. Für die Ukraine läuft er nicht wie öffentlich dargestellt. Der kollektive Westen weiß das, Selenskij vermutlich auch. Es geht nach dem Muster des Irak-Iran-Krieges darum, den Gegner entscheidend zu schwächen, nicht zu besiegen. Inwieweit das funktioniert – oder das Gegenteil oder der dritte Weltkrieg – ist noch nicht ausgemacht.
  • Leserbrief von Fred Buttkewitz aus Ulan - Ude, Russland (30. Dezember 2022 um 05:22 Uhr)
    Man darf nicht bewusst Ursache und Wirkung vertauschen. Zuerst wurde das Votum der Wähler der Ostukraine für Janukowitsch 2014 per Putsch annulliert, dann machten sich Krim und Donbass selbstständig. R. Lauterbach vertauscht das einfach: Weil sie sich zurückzogen, nahmen sie nicht mehr am politischen Leben in der Ukraine teil (was sie ja angeblich hätten können). Selbstverständlich macht er Russland dafür verantwortlich: »Im nachhinein eine weitere schwere Fehleinschätzung, wenn auch keine des letzten Jahres. Aber 2022 hat sie sich gerächt.« Russland oder die Regierungen in den »Volksrepubliken« legten niemandem Hindernisse in den Weg, an den Wahlen in der Ukraine teilzunehmen. 2019 standen auf der Krim am Grenzübergang beidseitig Busse, die allerdings wenig frequentiert wurden. In Donezk leben viele Bürger mit ukrainischem Pass. Sie wurden jedoch seitens der Ukraine gehindert, selbst ihre Datsche auf der anderen Seite zu besuchen. Klar, wen man täglich per Artillerie ermorden will, der darf auch nicht an Wahlen teilnehmen. Doch ausgeschlossen hat diese Wähler nicht Russland, sondern die Ukraine. Das Minsker Abkommen, worauf allein Russland acht Jahre lang beharrte, wollte ja gerade den Donbass als Bestandteil der Ukraine ins dortige politische Leben einbinden. Gerächt hat sich lediglich diese Fehleinschätzung des ehrlichen Willens des Westens bzw. die Einschätzung der NATO, wie duldsam Russland auch künftig sein würde.
    • Leserbrief von Wolfgang Schmetterer aus Graz (30. Dezember 2022 um 16:38 Uhr)
      Lieber Herr Buttkewitz, vielen Dank für Ihr E-Mail via leserbriefe@jungewelt.de. Ich stimme Ihnen in allen Punkten vollumfänglich zu! Darüber hinaus freue ich mich immer über Ihre Beiträge in der jungen Welt, in denen ich auch meine Haltung im Hinblick auf Russland und die Ukraine wiederfinde. Auch Ihre beiden Kommentare zu R. Lauterbachs aktuellem Beitrag »Der Sieg blieb aus« sind eine Wohltat. Mit herzlichen Grüßen aus Graz und den besten Wünschen! Wolfgang Schmetterer
  • Leserbrief von Fred Buttkewitz aus Ulan - Ude, Russland (30. Dezember 2022 um 04:02 Uhr)
    Solange die Fronten hin und her wechseln und die Ukraine mit allen Sympathisanten teils blutig abrechnet, werden sich die wenigsten Menschen mit einer Russland-Fahne auf den Marktplatz stellen oder sich offen äußern. Aber R.L. verfügt scheinbar über hellseherische Fähigkeiten darüber, was in deren Köpfen vorgeht. Umfragen in der Ukraine sind ein Witz, da sie nur eine Antwort zu lassen. Es gab jedenfalls in den jetzt angegliederten Gebieten bereits 2014 und 2022 Volksabstimmungen bzw. eine klare Haltung für Russland. Die Ukraine diskriminierte seitdem die Russen in gesteigerter Form. Warum sollte sich deren Meinung nun geändert haben? Änderte sich etwa die Meinung der im Dritten Reich unterdrückten, teils in Haft befindlichen Opposition, weil die Rote Armee die Oder überquerte und Berlin zerschoss? Nein, sie hofften, schwiegen aber öffentlich. »Die ukrainische Gesellschaft hat sich, auch ohne dazu an jeder Ecke gezwungen zu sein, in der Gegnerschaft gegen Russland vereint. … 97 Prozent der Befragten in der Ukraine nennen Russland heute einen ›Feind‹.« Selbstverständlich sind die Ukrainer an jeder Ecke zu dieser Einschätzung gezwungen – oder in Lebensgefahr. Viele werden auch tatsächlich dieser Meinung sein. Doch 97 Prozent sind eine durch keinerlei verlässliche Quellen belegte Propaganda. »Die am stärksten auf Russland orientierten Regionen der Ukraine traten aus deren politischem Leben aus und mussten dort fortan nicht mehr berücksichtigt werden.« Nette Umschreibung für den seit 2014 erfolgten Beschuss der eigenen Bevölkerung im Donbass, Apartheidgesetze gegen Russen und deren Sprache sowie das fortschreitende Verbot sämtlicher oppositioneller Parteien und Medien sowie die Verhaftung von deren Vertretern. 1933 nach dem Reichstagsbrand traten ja die KPD und SPD auch aus dem politischen Leben aus und begaben sich in Schutzhaft. Das hätten sie lieber nicht tun sollen, nicht wahr Herr Lauterbach?
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ralf S. aus Gießen (29. Dezember 2022 um 21:16 Uhr)
    Ich sehe, ich hätte den Artikel erst zu Ende lesen sollen, Herr Lauterbach hat den Aspekt mit den innerukrainischen politischen Folgen durch die Übernahme der Krim und der Unterstützung der Separatisten im Donbas bereits benannt.
  • Leserbrief von Joán Ujházy (29. Dezember 2022 um 21:09 Uhr)
    »Das Selenskij-Regime sitzt fester im Sattel als zuvor«. Wirklich? »Die ukrainische Armee ist stärker als vorher«; klar; das sieht man an Artjomowsk, dem Fleischwolf, wo selbst nach US-Angaben 300 bis 400 ukrainische Soldaten täglich sterben oder verletzt nicht mehr einsetzbar sind. Wie immer phantasiert Lauterbach. Die junge Welt sollte in Sachen Ukraine Rainer Rupp schreiben lassen und nicht den Nicht-wirklich-Russland-Experten Lauterbach. Kostprobe gefällig? https://freeassange.rtde.me/international/158258-im-fleischwolf-von-bachmut/
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ralf S. aus Gießen (29. Dezember 2022 um 21:07 Uhr)
    Herr Lauterbauch zitiert zum wiederholten Male eine Umfrage, wonach 97 Prozent der Ukrainer angeben, Russland als Feind zu sehen. Woher stammt bitte die Umfrage? Ich möchte nur zu bedenken geben, dass, je nachdem wer die Umfrage durchgeführt hat und wo, man die Zahl natürlich mit Vorsicht betrachten sollte. Ich will gar nicht in Abrede stellen, dass immer größere Teile der ukrainischen Bevölkerung im Laufe des jahrelang andauernden Konfliktes ihre positive Haltung zu Russland verändert haben und nach dem russischen Einmarsch nochmal viel stärker. Allerdings gehören die Bewohner des Donbas und der Krim wohl nicht zu den Befragten. Und außerdem herrscht Krieg, eine Situation, in denen enormer sozialer Druck herrscht, sich »hinter der Fahne zu sammeln«. Wer sollte sich denn auch trauen in dem antirussischen Klima, wo »Russenknechte« öffentlich an Laternenmaste gefesselt und gedemütigt werden, Zweifel an der eigenen politischen Führung und womöglich Sympathien für den Feind durchschimmern zu lassen? Die Umfragen sähen sicher anders aus, wenn der russische Plan aufgegangen wäre. Dennoch war es offensichtlich ein strategischer Fehler der Russen 2014 die prorussischen Regionen Krim und Donbas (bzw. Teile davon) mehr oder weniger zu besetzen und sie so aus dem innerukrainischen politischem Kräftespiel herauszunehmen. Das hat den Banderisten (und Opportunisten) dann erst die beschleunigte Übernahme der Gesamtukraine (exklusive der nicht von ihr kontrollierten Gebiete) ermöglicht, weil bedeutende Teile des russlandfreundlichen Gegengewichts im Osten und Süden weggefallen sind.

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