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Aus: Ausgabe vom 23.12.2022, Seite 8 / Abgeschrieben
Ukraine-Krieg

Ukraine-Krieg in »strategischer Sackgasse«

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Ukrainischer Soldat mit Drohne (Bachmut, 25.11.2022)

Am 20. Dezember veröffentlichte das französischsprachige Politikportal mondafrique.com ein Interview mit dem Unternehmer und früheren hohen Geheimdienstbeamten Frankreichs Alain Juillet zum Ukraine-Krieg. Wir dokumentieren einen Auszug:

War unser Geheimdienst im Fall der Ukraine auf der Höhe der Zeit? Hätte der französische Staat bei der Bewältigung der Krise vor der Invasion mehr tun können?

Die französischen Dienste sagten wie auch andere: »Es gibt sehr starke Spannungen, aber Achtung, heute besteht keine wirkliche Gefahr.« Man sagte uns: »Ja, aber die Amerikaner haben es angekündigt!« Für sie ist es normal, dass sie es ankündigen, und zwar aus zwei Gründen: Erstens haben sie es selbst herbeigeführt. Sie haben den Krieg unbestreitbar ­provoziert und seit 2014 alles getan, um Russland in einen Krieg zu stürzen. Natürlich hätte Russland sich nicht dazu durchringen dürfen, es hat einen kolossalen Fehler gemacht. Aber die Amerikaner haben alles dafür getan.

Der zweite Grund ergibt sich daraus, dass sich alle westlichen Dienste daran erinnern, dass die Amerikaner uns regelmäßig belügen. Erinnern Sie sich an den Irak, wo man uns zu Kriegszwecken glauben machen wollte, dass Saddam Hussein über die Atombombe verfügt. Erinnern Sie sich daran, was in Syrien passiert ist, erinnern Sie sich daran, was in Afghanistan passiert ist. Jedes Mal wurden wir von den Amerikanern manipuliert. (…)

Wir befinden uns in einer strategischen Sackgasse. Die russischen Streitkräfte werden »das Niveau der Gleichwertigkeit« mit den ukrainischen Streitkräften erreichen. Man befindet sich in einer strategischen Position, die Verhandlungen zum Terrain ermöglicht. Aus geographischer Sicht wäre es logisch, dass wir verhandeln. Es gibt Leute, die sagen: »Aber nein, wir müssen weitermachen! Aber nein, sie werden es weder auf der einen noch auf der anderen Seite schaffen.« Manche sagen: »Die russische Armee hat keine Waffen mehr.« Das stimmt nicht! Sie finden welche, sie haben welche in Russland, und sie kaufen welche anderswo. (…)

Wir müssen aufhören zu phantasieren, dass der Feind »krank, verrückt, durchgeknallt ist, keine Ausrüstung hat und unsere großartig ist«. Das ist nicht wahr. Heute befinden wir uns leider in einem sehr harten Krieg, in dem beide Seiten leiden und in dem es offensichtlich keinen wirklichen Sieger geben kann. Es muss also eine Lösung gefunden werden. (…)

Der Krieg in der Ukraine erinnert an den Spanischen Bürgerkrieg. (…) Wir ließen die spanische Bevölkerung abschlachten, und das gab uns die Möglichkeit, unser Kriegsmaterial mit den Spaniern als Kanonenfutter zu testen. Diese Materialien wurden dann im Zweiten Weltkrieg eingesetzt. Genau das passiert in der Ukraine. Wir testen all unser Material, sehen, was funktioniert, sehen, was nicht funktioniert. Wir verbessern es. Es ist das erste Mal, dass wir einen Krieg von dieser Bedeutung und Größe mit modernen Mitteln führen. (…) Man hat die Drohnen entdeckt, die sehr effektiv sind, man hat die Artillerie wiederentdeckt, die sehr effektiv ist. Man hat hingegen entdeckt, dass andere Dinge überhaupt nicht funktionieren: Die Spezialeinheiten haben im Moment, gelinde gesagt, nicht gut funktioniert.

Übersetzung aus dem Französischen: Arnold Schölzel

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (22. Dezember 2022 um 21:20 Uhr)
    Mag sein, dass Experten den Ukraine-Krieg in einer »strategischen Sackgasse« sehen, jedoch zumindest behaupte ich: Wir Europäer, alle, befinden uns durch unsere verfehlte Politstrategie in der winzigen eurasischen Sackgasse EU, wo es für uns keine politische und wirtschaftliche Wendemöglichkeit mehr gibt!
  • Leserbrief von A. Koslowski aus Berlin (22. Dezember 2022 um 20:30 Uhr)
    Die Verkürzung des spanischen Kampfes für ein neues Leben und gegen den Faschismus auf »nutzloses Sterben für Waffentests« erschüttert mich. Ich habe selten eine weniger qualifizierte Aussage zur Geschichte der Arbeiterbewegungen gelesen. Abgesehen davon, ist das Plädoyer für eine friedliche Lösung sehr löblich. Es ist Zeit, dass alle Soldaten nach Hause gehen und ihre jeweiligen kapitalistischen Eliten für deren Verbrechen vor Gericht stellen.

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