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Aus: Ausgabe vom 20.12.2022, Seite 3 / Schwerpunkt
Ukraine-Krieg

»Die machen uns platt«

Donbass unter Dauerbeschuss. Ukraine bestreitet das nicht, beschuldigt aber Russland der Urheberschaft
Von Reinhard Lauterbach
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Nach Beschuss: Zerstörtes Haus im russisch kontrollierten Donezk am Sonnabend

Eine SMS aus Donezk von diesem Wochenende: »Die machen uns platt. Schon wieder Einschläge im Zentrum, das fünfte Mal heute. Gerade hat es das Kalinin-Krankenhaus getroffen.« Als Ergebnis erlitt ein Patient tödliche Verletzungen an Kopf und Brustkorb, vier weitere wurden verletzt. Davor war eine belebte Straßenkreuzung im Berufsverkehr das Ziel ukrainischer Artillerieangriffe, davor eine Markthalle und das Hauptgebäude der Technischen Universität. Im Herbst wurde am Rentenzahltag der Straßenabschnitt vor der Donezker Hauptpost beschossen, wo die Leute Schlange standen, um ihr Geld abzuholen. Damals gab es an einem Morgen 25 Tote. Allein für den Sonntag verzeichnete das Lagezen­trum der international nicht anerkannten Volksrepublik Donezk 37 Angriffe, die meisten davon aus Raketenwerfern der »Grad«-Klasse. Diese Nachfolgemodelle der im Zweiten Weltkrieg entwickelten »Katjuschas« haben für die Angreifenden den Vorteil, dass sie unter den Radars der Flugabwehrsysteme fliegen und deshalb kaum abzufangen sind. Es werden aber auch Raketen der aus den USA gelieferten »Himars«-Werfer gegen Ziele im Donbass eingesetzt, ebenso Geschütze aus NATO-Ländern, die am Kaliber ihrer Granaten zu ermitteln sind.

Zermürbung

Militärisch ist dieser Beschuss sinnlos. Die Zielgenauigkeit der einzelnen »Grad«-Raketen ist gering, die Werfer sind dafür konzipiert, Flächenwirkung im freien Gelände gegen Truppen zu erzielen. In bebauter Umgebung, wo nicht unmittelbar gekämpft wird, treffen sie zwangsläufig wahllos Zivilisten und Gebäude. Aber das passt sich ein in eine Strategie der Zermürbung der Donezker »Abtrünnigen«, die schon 2014 der damalige Präsident Petro Poroschenko in die Worte fasste: »Unsere Kinder werden in die Schule gehen, und ihre werden in den Kellern sitzen.«

Aussagen ukrainischer Offizieller, die vom nackten Hass gegen die Bewohner des Donbass zeugen, wiederholen sich mit einiger Regelmäßigkeit. Am 13. Dezember trat der Chef der ukrainischen Nationalpolizei, Igor Klimenko, im Kiewer Staatsfernsehen auf und erklärte, das größte Problem bei der künftigen »Befreiung« des Donbass seien die dortigen Bewohner. Sie seien der ukrainischen Sprache entwöhnt, ihre Kinder gingen schon acht Jahre in russisch geprägte Schulen, sie fühlten sich nicht mehr als Ukrainer. Mit ihrer »Reintegration« werde es große Schwierigkeiten geben, deshalb sei »absehbar«, dass sehr viele der immer noch gut drei Millionen Bewohner ihr Heil in der Flucht suchen würden. In seinen Worten: »dass sie ihre ›russische Welt‹ in Russland suchen werden«. Ähnliche Äußerungen sind auch vom Präsidentenberater Michailo Podoljak bekannt, der den Donbass-Bewohnern eine »Heimat möglichst nah am Polarkreis« wünschte. Ein anderer der Kiewer Lautsprecher erklärte vor einigen Monaten, nicht die Ukraine müsse sich Gedanken um die Reintegration der Donbass-Bewohner machen, sondern diese sich als Ukrai­ner bewähren, was eine jahrelange Phase der Durchleuchtung und Umerziehung voraussetze.

Da es mit der als Lösung angepeilten Vertreibung der Donbass-Bewohner einstweilen aus militärischen Gründen nicht so vorangeht wie in Kiew erhofft, ist der ständige Artilleriebeschuss ihrer Wohnviertel für Kiew das Mittel der Wahl. Es ist dabei wichtig, sich zu erinnern, dass dieser Beschuss nicht etwa, wie man vordergründig annehmen könnte, eine Eskalation im Zuge des verstärkten russischen Beschusses von Infrastrukturzielen in der Ukraine seit Anfang Oktober darstellt und insofern »im Zuge des Krieges unvermeidlich« sei. Er hat schon 2014 begonnen, Jahre, bevor die erste russische Rakete auf ukrainische Ziele abgefeuert worden ist, und eine Phase seiner Intensivierung im Februar – nach Angaben der damals noch dort tägigen OSZE-Beobachter um das Vierfache – war eines der wesentlichen Signale, das Russland eine unmittelbar bevorstehende ukrainische Offensive befürchten ließ.

Falsche Flagge?

Die ukrainische Seite bestreitet die Tatsache des Beschusses nicht. Der Sprecher ihres Militärgeheimdienstes beschuldigte aber Russland, die eigenen Wohnviertel unter falscher Flagge anzugreifen, um die Opfer der ukrainischen Seite anlasten zu können und davon abzulenken, dass Russland »auf dem Schlachtfeld verliert«. Wahrscheinlich unter dem Eindruck der drohenden Niederlage ist dann wohl auch die von dem Sprecher behauptete Anweisung an die russischen Soldaten ergangen, auf dem Gefechtsfeld alle erreichbaren Splitter von Granaten aus NATO-Arsenalen einzusammeln und diese nach Donezk zu bringen – um dort damit inszenierte Videos zu drehen. Als hätten Soldaten, die gerade einen Krieg verlören, keine anderen Sorgen.

Auf jeden Fall ist der ständige Beschuss der Städte und Dörfer des Donbass wohl eine Erklärung dafür, warum die russischen und die Truppen der »Volksrepubliken« seit Monaten auch unter hohen eigenen Verlusten versuchen, die ukrainischen Truppen so weit von den grenznahen Städten abzudrängen, dass ihre Artillerie sie nicht mehr erreichen kann. Was aus der Ferne aussieht wie eine sinnlose Schlächterei um im einzelnen bedeutungslose Ortschaften, ist aus der Nahperspektive der Versuch, eine tägliche Bedrohung loszuwerden.

Hintergrund: Angriffe in Russland

Am Montag morgen hat die russische Luftabwehr nach Angaben des Moskauer Verteidigungsministeriums vier Raketen US-amerikanischer Herkunft über dem Gebiet Belgorod abgeschossen. Es habe sich um Geschosse des Systems »Harms« gehandelt, das der Bekämpfung von Radaranlagen dient. Ministeriumssprecher Igor Konaschenkow spielte den Vorfall rhetorisch eher herunter und vermied insbesondere alle Angriffe auf die USA.

Gleichwohl kommt der in der Ukraine geführte Krieg den grenznahen Teilen Russlands allmählich näher. Im Bezirk Belgorod – es grenzt östlich an das ukrainische Gebiet Charkiw an – wurden seit Anfang März bereits mehrere Dutzend solcher Angriffe verzeichnet. Es gab auch Verletzte und Tote sowie Beschädigungen an rückwärtigen Militäreinrichtungen. Auch wenn die russische Seite diese Angriffe in der Regel herunterspielt und berichtet, die eigene Luftabwehr habe Schlimmeres verhütet, werden die Bewohner der Region offenbar langsam nervös. Eine Reporterin des Portals Iswestija, die vor einigen Tagen in Belgorod und Umgebung unterwegs war, berichtete von Bewohnern, die bereits überlegten, ihre Wohnungen zu verkauften und tiefer ins Landesinnere zu ziehen. Andere hätten begonnen, als Schutz vor Druckwellen bei Explosionen ihre Fenster kreuzweise zu überkleben. Viele öffentliche Gebäude, etwa Kultureinrichtungen, seien inzwischen geschlossen.

Wenn die russischen Angaben vom Montag zutreffen, zeigt dies, dass die ukrainische Seite versucht, die Effizienz ihrer Raketenangriffe auf zivile Ziele in Belgorod und Umgebung durch die Zerstörung russischer Raketenabwehrmittel zu erhöhen – mit anderen Worten, dass sie beabsichtigt, die Intensität der eigenen Angriffe auf russisches Gebiet zu steigern. Es würde auch zeigen, dass Aufforderungen der USA, von dort gelieferte Waffensysteme nicht zu Schlägen gegen Ziele in Russland selbst zu verwenden, entweder nicht ernstgemeint sind oder jedenfalls, dass sie von ukrainischer Seite nicht ernstgenommen werden. (rl)

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  • Leserbrief von Fred Buttkewitz aus Ulan - Ude, Russland (19. Dezember 2022 um 22:32 Uhr)
    Dank an R. Lauterbach für diesen Artikel, der an Klarheit nichts zu wünschen übrig lässt. Hinzu fügen könnte man, dass das Schicksal von Donezk auch für die Bevölkerung der Krim vorgesehen war und ist. Wichtig bleibt immer die Reihenfolge: Erst acht Jahre der geschilderte Beschuss der Zivilbevölkerung in Donbass, dann der 24.02.2022. Um diese Tatsache in den Köpfen der deutschen Bevölkerung gar nicht erst Fuß fassen zu lassen, fügt man in allen Berichten des Mainstreams stereotyp einige obligatorische Beiwörter hinzu. Eigentlich würde genügen: »Krieg in der Ukraine«. Für den Pawlowschen Reflex im Kopf des zu dressierenden Bundesbürgers genügt dies eben nicht. Es muss stets heißen: »russischer Angriffskrieg«, »Putins Angriffskrieg« (als sei es seine Privatangelegenheit). Wäre es das, müsste man es ja nicht ständig neu betonen. Jeder Mensch würde dann einsehen, dass nicht nur Ukrainer, sondern auch Russen das Recht auf Verteidigung haben. Wenn man in der Ukraine behauptet, Russland würde sich im Atomkraftwerk bzw. jetzt in Donezk selbst beschießen, lässt das auf den Wahrheitsgehalt auch aller übrigen dortigen Informationen zum Kriegsgeschehen schließen. Schlimmer kann man sich gar nicht demaskieren. Damit und durch die Erfahrungen mit Minsk II erhebt sich für Russland die Frage, was für die Zukunft Abkommen und Friedensvereinbarungen wert sind, unter denen die Unterschrift der Ukraine und westlicher »Garantiemächte« stehen. Die bisher nie da gewesene Wucht der Sanktionen gegen ein Land und Waffenlieferungen und logistische Unterstützung von 40 vereinten Staaten im Krieg gegen Russland verstärkt dort natürlich die Meinung, dass sie diesen Krieg ohnehin bekommen hätten, ein paar Monate oder Jahre später, dann auf eigenem Territorium. Ich glaube deshalb nicht, dass die Bevölkerung in Russland selbst bei Misserfolgen den Krieg mehrheitlich Putin anlasten wird, eher dann schon seine zuvor zögernde Haltung beim achtjährigen Beschuss des Donbass.

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