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Aus: Ausgabe vom 15.12.2022, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Für den Lebertran

Pocahontas zieht ans Meer: James Camerons »Avatar: The Way of Water«
Von Peer Schmitt
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»Atlantik, du bist mit den blauen Matrosen verschmutzt, Seeungeheuer, oben Engel, unten Fisch«, Robert Lowell, »The Quaker Graveyard in Nantucket« (1947)

Die Klassiker hassten die Farbe Blau oder ignorierten sie. Blau ist demnach eine romantische Farbe, die Farbe des Eskapismus, der künstlichen Paradiese, der Schlümpfe und natürlich auch die Farbe von »Avatar«, James Camerons Film von 2009 wie auch von seiner gut 350 Millionen US-Dollar teuren Fortsetzung »Avatar: The Way of Water«.

Die Geschichte der Farbe ist eine Sache, die der Bilder eine andere. Der Reiz von »Avatar« bestand darin, die technische Innovation einer totalen Immersion – das Eintauchen, wenn man so will – in eine 3D-Natursimulation (der »Urwald« des Planeten Pandora) mit einem so schlichten wie grundlegenden literarischen Mythos zu koppeln: Pocahontas, die Verführung der »schönen, edlen Wilden«, die Erotik der Kolonialisierung. Im Grunde also ein Western, ein Film der »frontier«, der Verschiebung der Grenze zugunsten eines neuen Commonwealth, der sich freilich auf Kosten der Ureinwohner einer sogenannten Natur gründet.

Da diese Natur und ihre Schönheit von jeher nur als Simulation existiert haben, war »Avatar« vornehmlich ein Film des Schnittstellenproblems. Die blauhäutigen Ureinwohner haben mit ihrem Zopf bereits »von Natur aus« einen Stecker, den sie in die jeweilige Steckdose ihrer Umwelt stecken, um zu der Erfahrung der »Ganzheitlichkeit« ihres Planeten zu kommen. Die Kolonisatoren hingegen brauchen eine technische Verdrahtung, um gleichsam als Dämonen in den technisch reproduzierten blauen Ureinwohnerkörper – den Avatar – zu fahren.

Diese Avatare spielen in der Fortsetzung keine Rolle mehr. An die Stelle der Verdrahtung ist die Hybridisierung getreten. Mischwesen, Chimären, Klone, organische Konstruktionen (zoomorphe Roboter). Der menschliche Dämon Feldwebel Jake Sully (Sam Worthington) – ist längst mit seinem Avatar verschmolzen, seine Kinder haben seine Probleme nicht mehr. Seine Adoptivtochter – die »als Mysterium« geborene Tochter der im alten »Avatar« von Sigourney Weaver gespielten Wissenschaftlerin – ersetzt Immersion durch religiösen Wahn. Gespenstischerweise wird auch sie von einer digital verjüngten Sigourney Weaver dargestellt. Die digitale Verjüngung ist ein Hinweis auf das unterschwellige Thema des Films: Unsterblichkeit. Für das Fußvolk als Klon oder organische Konstruktion, für die Superreichen mittels Droge, eine Art Lebertran, 80 Millionen Dollar die Phiole, der gleichsam durch Walfang auf Pandora gewonnen wird. Walfang ersetzt Pocahontas als Mythos. Die Familie muss, da im Dschungelguerillakrieg die Niederlage droht, auf den Atollen der blauhäutigen Meeresbewohnerstämme politisches Asyl beantragen. Schutzbefohlene der See.

Die See, insbesondere die Tiefsee, ist ja neben Robotertechnik und organischer Konstruktion schon immer die wesentliche Obsession des Filmemachers James Cameron gewesen. Und der monochrome (bläulich schimmernde) Bildhintergrund des simulierten Ozeans ist ein gute Folie der 3D-Illusion. Das IMAX-3D-Bild hat so eher die Anmutung übereinandergeschichteter Folien als räumlicher Tiefe. Am eindrucksvollsten ist es als Nieselregen. Eher das Bild der Traurigkeit einer verlorenen Zukunft denn einer ganzheitlich feuchten Lebenswelt. Längst hat sich die Industrie von 3D als Erfolgsmodell wieder verabschiedet, die Zukunft der klingelnden Kasse ist das Streaming für den kleinen Bildschirm, die Miniatur, nicht die Immersion.

Ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Kinos und für das Format angeblicher Zukunft fällt ihnen immer noch nicht viel mehr ein als der Dschungelkrieg und der Walfang. Letzterer hat sein literarisches Schwergewicht allerdings wegen des Artenschutzes ein wenig eingebüßt. Man faselt von Nachhaltigkeit und meint paternalistischen Autoritarismus (»Ein Vater ist dazu da, seine Familie zu beschützen«). Das Imaginarium, das hier auf dem Wasserwege zu einer vielleicht allzu späten Rettung des »großen Kinos« in 3D beitragen soll, bleibt so arm wie gewohnt.

»Avatar: The Way of Water«, Regie: James Cameron, USA 2022, 192 Min., Kinostart: gestern

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