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Aus: Ausgabe vom 13.12.2022, Seite 5 / Inland
Bodenschutzstrategie

Purer Flächenfraß

Infrastruktur, Wohnungsbau: Naturschützer fordern Netto-Null-Verbrauch bei Ausbauplänen
Von Oliver Rast
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Zerschnittene Landschaft am Autobahnkreuz Wetzlar in Hessen

Zugebaut, zugepflastert: Rund 54 Hektar Land werden in der Bundesrepublik durchschnittlich in Siedlungs- und Verkehrsfläche umgewandelt – täglich (2020). Für Gewerbegebiete am Stadtrand samt Zufahrtsstraßen etwa. Wald, Wiesen und Äcker verschwinden dafür; der Flächenfraß hält an. Wissenschaftler sprechen hierbei lieber von »Flächenneuinanspruchnahme«, denn die Areale gehen nicht verloren, ihre Nutzungsform ändert sich, so Tobias Krüger vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) am Montag zu jW. Von der Wortwahl abgesehen: Umweltaktivisten fordern einen Netto-Null-Flächenverbrauch. Es soll nicht mehr an Fläche »verbraucht« werden, als andernorts beispielsweise renaturiert wird. Flächenkreislaufwirtschaft nennt sich das.

Ein Ziel, das selbst das Bundeskabinett in seiner »Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie« (DNS) verfolgt. Also, bis 2030 eine Reduktion auf unter 30 Hektar pro Tag und bis 2050 auf netto Null, bestätigte ein Sprecher des Bundesumweltministeriums (BMUV) am Wochenende auf jW-Anfrage. Das reiche nicht, auch wenn der Trend – in den nuller Jahren waren es 100 bis 120 Hektar umgewandeltes Land pro Tag – rückläufig sei, so Stefan Petzold, Referent für Siedlungsentwicklung und Stadtnatur beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu), im jW-Gespräch. Übrigens: Ursprünglich sollte das 30-Hektar-Ziel bereits 2020 erreicht werden. Als dies unrealistisch schien, wurde die DNS-Vorgabe kurzerhand verschoben: »unter 30 Hektar bis 2030«. Zahlentrickserei oder, wie Petzold sagt: Die Regierung habe ihre eigene Zielmarke »krachend verfehlt«. Ist wenigstens die korrigierte erfüllbar? Krüger vom IÖR ist skeptisch: mit dem aktuellen »Tempo der Flächenverbrauchsreduktion« wohl nicht.

Nur, was tun gegen zersiedelte, zerschnittene Landschaften? Das Problem: Flächenkonkurrenz. Infrastruktur, Wohnungsbau, Solarparks. Projekte, die Platz brauchen. Ideen zum »Flächensparen« gibt es indes einige, bei der Stadtentwicklung ohnedies. Vordringlich eine verstärkte Entwicklung der Innenräume; das heißt, Brachen »revitalisieren«, Baulücken schließen, leerstehendes Gewerbe umnutzen, Gebäude aufstocken. Maßnahmen, »ohne einen einzigen Quadratmeter neu zu bebauen«, betonte Petzold. Und nicht zuletzt brauche es einen Prioritätenwechsel, »die Abkehr vom geförderten Einfamilienhaus- zugunsten eines Mehrfamilienhausbaus«, fordert Krüger. Dazu passt: Für Einzelpersonen steht laut Statistischem Bundesamt immer mehr Wohnfläche zur Verfügung. Waren es 1991 noch 35 Quadratmeter pro Kopf, sind es aktuell 48 Quadratmeter.

Ein weiteres Problem: versiegelte Böden. Die Folgen sind bekannt, »Niederschläge können nicht versickern, und steigende Wassermengen landen in Kanalisationen und Gewässern«, monierte die EU-Parlamentarierin Manuela Ripa von der Umweltpartei ÖDP auf jW-Nachfrage. Schlussendlich erhöhe sich das Hochwasserrisiko. Der BMUV-Sprecher relativiert, nur 45 Prozent der Siedlungs- und Verkehrsfläche sei versiegelt. Das stimme, dennoch gehe diese »zu 100 Prozent für die agrarische Nutzung verloren«, so dessen Sprecherkollege vom Bundeslandwirtschaftsministerium gegenüber dieser Zeitung.

Ein Fortschritt: Agriphotovoltaik (APV), die kombinierte Produktion von Strom und Nahrungsmitteln auf demselben Areal. Zwei Varianten seien üblich, erklärt Ripa. Solarmodule, die horizontal mehrere Meter über der Anbaufläche montiert sind, oder senkrecht installierte Module, die dort in Reihen stehen. Dennoch, was Petzold vom Nabu ärgert: Millionen Hektar Logistik- und Gewerbehallen stünden in der Landschaft ohne Solarpaneele oder Dachbegrünung.

Zurück zum Netto-Null-Ziel beim Flächenverbrauch. Ein zentrales Instrument könnten Ripa zufolge »handelbare Flächenzertifikate« im Rahmen der EU-Bodenschutzstrategie 2023 sein. »Neue Baugebiete oder zusätzliche Verkehrsinfrastruktur sollen an den Rückbau von Altbebauung bzw. die Aufhebung von Bauflächenausweisungen gekoppelt werden.« In Deutschland vielfach diskutiert und in Planspielen erfolgreich simuliert, weiß Krüger vom IÖR. Aber: Die Bund-Länder-Konferenz für Raumordnung hatte einen solchen Zertifikatehandel 2018 abgelehnt, wegen des »bürokratischen Mehraufwands«.

Das bedeutet? Vorerst wird weiter munter zugebaut, zugepflastert. Petzold: Hochgerechnet auf ein Jahr entspreche der Flächenfraß der Stadtgröße von Nürnberg.

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  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (13. Dezember 2022 um 10:26 Uhr)
    Dieser profitgetriebene destruktive weltweite Wahnsinn wird sich nicht mehr mit Argumenten stoppen lassen. Nur noch Pandemien, »Naturkatastrophen« und ökonomische Zusammenbrüche werden hier für korrektive »Regulierungen« sorgen. Mit anderen Worten: Die Natur wird sich für diese permanente Vergewaltigung durch den Menschen rächen und sich alles wieder zurückholen. Der Mensch will es offenbar ja nicht anders.

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