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Aus: Ausgabe vom 19.12.2022, Seite 16 / Sport
Sportpolitik

Sag »Ja!« zum Geld

Die Wiederwahl des Präsidenten des Internationalen Skiverbandes FIS, Johan Eliasch, wird vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS angefochten
Von Gabriel Kuhn
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Ein zufriedener Mann: Unternehmer Johan Eliasch

Gianni Infantino, seit 2016 Präsident des Internationalen Fußballverbandes FIFA, darf sich einer dritten Amtszeit sicher sein, auch wenn einige prominente nationale Verbände beim FIFA-Kongress im März 2023 nicht für ihn stimmen werden. Ein Gegenkandidat ist nicht in Sicht, maximal wird Infantinos Stolz gekränkt. Vielleicht kann er sich damit trösten, dass es dem Präsidenten des Internationalen Skiverbandes FIS auch nicht besser ergeht. Die Wiederwahl von Johan Eliasch beim FIS-Kongress im Mai 2022 wird von den Skiverbänden Deutschlands, Österreichs, Kroatiens und der Schweiz sogar vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS mit Sitz in Lausanne angefochten.

Was war geschehen? Eliasch, millionenschwerer schwedisch-britischer Unternehmer, wurde im Juni 2021 zum FIS-Präsidenten gewählt. Er folgte dem Schweizer Gian Franco Kasper nach, der die FIS 23 Jahre lang geleitet hatte. Aus gesundheitlichen Gründen sah Kasper von einer weiteren Amtszeit ab; er verstarb nur einen Monat später. Eliasch ist ein Quereinsteiger, hat keinerlei Erfahrung als Athlet oder Sportfunktionär. Seine einzige Beziehung zum Skisport besteht darin, dass er 1995 eine der größten Skifirmen der Welt übernahm. Trotzdem setzte er sich beim FIS-Kongress im Juni 2021 gegen drei Kandidaten durch, die weit größere Meriten als er vorzuweisen haben.

Eliaschs Kandidatur war von viel Prominenz unterstützt worden, etwa vom damaligen britischen Premierminister Boris Johnson. Auch Stars der alpinen Szene stellten sich hinter ihn, darunter der Norweger Aksel Lund Svindal, die US-Amerikanerin Lindsey Vonn und der Franzose Alexis Pinturault. Alle stehen bei Eliaschs Skifirma unter Vertrag. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Die FIS-Delegierten wählten Eliasch gleich im ersten Wahlgang zu Kaspers Nachfolger. Anfangs zeigten sich so ziemlich jeder entzückt, versprach Eliaschs unternehmerisches Geschick doch, mehr Geld in die Kassen aller zu spülen. Doch sobald Eliaschs Vermarktungspläne bekannt wurden, wendete sich das Blatt. Im Zentrum der Auseinandersetzungen: die Fernsehrechte, was sonst? Seit vielen Jahren werden diese im Skiweltcup von den Veranstaltern der Weltcupwettbewerbe ausgehandelt, also den lokalen Skisportvereinen und den nationalen Skiverbänden. Dem will Eliasch ein Ende setzen. Geht es nach ihm, so sollen die TV-Rechte in Zukunft zentral von der FIS verwaltet werden.

Als Vorbild dient Eliasch die Formel 1. Deren langjähriger Boss, Bernie Ecclestone, zählt zu seinen engsten Vertrauten. Mit den nationalen Skiverbänden tauscht sich Eliasch hingegen kaum aus. Auch mit der Presse spricht er in der Regel nicht. Wenn er es doch tut, macht er sein Sportverständnis deutlich: »Unsere Topathleten verdienen in einem Jahr das, was Djokovic oder Federer in einer Woche verdienen – wir müssen das in eine bessere Balance bringen, so ist es schrecklich«, erklärte er im Oktober 2022 der norwegischen Tageszeitung Dagbladet. Dass der Skisport – wie die Formel 1 – bei der Durchsetzung von Eliaschs Plänen beinahe gänzlich zum Pay-TV-Event würde, nähme er zweifelsohne in Kauf, solange die Einkünfte stimmen. Auch die massiven Einkommensverluste für die lokalen Skiclubs und die nationalen Skiverbände, die für die Nachwuchsarbeit und den Breitensport verantwortlich sind, würden ihn kaum jucken.

Wie Infantino kann sich Eliasch so ziemlich alles erlauben, weil jede Opposition innerhalb der von ihnen geleiteten Sportverbände rigoros unterbunden wird. Den kleineren nationalen Verbänden werden Zuschüsse versprochen und damit Mehrheiten gesichert. Hier unterscheiden sich FIFA und FIS genauso wenig wie beim Mangel an Gegenkandidaten, wenn es zur Wiederwahl ihrer Präsidenten kommt. Ohne Gegenkandidaten verkommt jede Wiederwahl freilich zum leeren Ritual. Die Dreistigkeit, mit der die FIS im Juni 2022 vorging, erzürnte jedoch selbst die abgestumpftesten Gemüter. Nicht einmal Gegenstimmen wurden zugelassen, man konnte nur mit »Ja« abstimmen oder sich der Stimme enthalten. Anträge, die Abstimmung wenigstens geheim durchzuführen, wurden allesamt abgeschmettert. Als schließlich 47 von 117 Delegierten vor der Abstimmung den Saal verließen, gab das der FIS Anlass zu verkünden, dass Eliasch mit 100 Prozent der abgegebenen Stimmen in seinem Amt bestätigt worden sei – schließlich hatten alle verbliebenen Delegierten für ihn gestimmt.

Die Skiverbände Deutschlands, Österreichs, Kroatiens und der Schweiz legten daraufhin beim Internationalen Sportgerichtshof CAS Einspruch gegen die Wahl ein. Der Geschäftsführer der DSV-Marketing-Abteilung, Stefan Schwarzbach, meinte dazu in der ARD: »Eine Wahl, bei der die Delegierten nur eine einzige Option hatten, um eine gültige Stimme abzugeben, nämlich mit ›Ja‹ zu stimmen, deckt sich nicht mit unserem Rechtsverständnis und ist schlichtweg eine Farce.« Es stellt sich nicht nur die Frage, ob der Wahlmodus mit den Statuten der FIS vereinbar war, sondern auch mit dem Schweizer Vereinsrecht. Denn der Sitz der FIS liegt in Oberhofen am Thunersee. Der CAS soll die Rechtslage prüfen. Sollte er zu dem Schluss gelangen, dass der Wahlmodus nicht gesetzeskonform war, müsste die Wahl wiederholt werden. Das wäre peinlich, praktisch jedoch ohne Relevanz. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde es wieder keinen Gegenkandidaten geben, und wenn doch, so hätte er kaum eine Chance.

Wer sich noch in diesem Jahr eine Entscheidung vom CAS erhoffte, wurde vorige Woche enttäuscht. Nach einem zehnstündigen Hearing am 5. Dezember verkündeten die Richter kein Urteil. Dieses wird nun im Frühjahr 2023 erwartet. Ganz unzufrieden waren die Vertreter der klagenden Verbände jedoch nicht. »Grundsätzlich waren wir froh, dass wir die Gelegenheit hatten, unsere Sichtweise darzulegen«, erklärte der Generalsekretär des Österreichischen Skiverbandes Christian Scherer gegenüber der österreichischen Presseagentur APA.

Es wäre schön, würde es sich beim Streit in der FIS um einen Aufstand der Basis handeln, würden Athleten mehr Rechte einfordern und Fans mehr Einfluss, würde man von der FIS soziale wie ökologische Verantwortlichkeit verlangen. Leider handelt es sich jedoch – ähnlich wie beim Streit um die European Super League im Fußball – um einen Konkurrenzkampf zwischen Kapitalfraktionen. Der wichtigste Verbündete der aufmüpfigen nationalen Verbände ist das Medienunternehmen Infront, seit Jahren Partner bei der Vermarktung der Fernsehrechte. Wenn aus Reihen des Unternehmens vor dem »Tod des Skisports« gewarnt wird, hat man in Wirklichkeit Angst vor der Bedeutungslosigkeit. Gut möglich, dass über die Zukunft des Skisports im Fernsehen in langwierigen Rechtsprozessen entschieden wird. Der Skisport selbst verliert dabei auf jeden Fall.

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