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Aus: Ausgabe vom 12.12.2022, Seite 16 / Sport
Sportförderung

»Leistungssport an sich ist nicht billig«

Wie geht es dem Wintersportverein Oberhof 05 dieser Tage? Ein Gespräch mit den Gründungs- und Präsidiumsmitgliedern Ulrich Frielinghaus und Rainer Partschefeld
Von Gabriel Kuhn
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Oberhofer Schneelandschaft mit Blick auf die Kaserne am Rennsteig

Wie wirkte sich die »Wiedervereinigung« auf die sportlichen Strukturen in Oberhof aus?

Rainer Partschefeld: Wir entkamen einer großen Krise, weil wir schnell reagierten. Der Verein für den Leistungssport war zu DDR-Zeiten der Armeesportklub (ASK) »Vorwärts Oberhof«. 1990 wurde viel über Armee und Stasi diskutiert, und es stand die Frage im Raum, ob man den Verein liquidieren müsse. Das wollten wir nicht. Also organisierten wir ein Treffen mit Vertretern des ASK und der Betriebssportgemeinschaft (BSG) »Einheit Oberhof«, die für den Volkssport zuständig war. Gemeinsam gründeten wir einen neuen Verein, den WSV Oberhof 05. Es bedurfte einer gemeinsamen Strategie, um die Sportler hier zu halten und die Sportanlagen zu bewahren. Heute kann man sagen, dass wir das ganz gut geschafft haben.

Wichtig für den Sport in Oberhof war zu DDR-Zeiten die Kinder- und Jugendsportschule (KJS), heute eine von 43 »Eliteschulen des Sports« in Deutschland. Herr Frielinghaus, Sie waren dort Lehrer?

Ulrich Frielinghaus: Meine offizielle Bezeichnung war Sportlehrer bzw. Spezialsportlehrer. Meine Hauptaufgabe war es, die Rodler zu trainieren, was ich von 1973 bis 2010 tat. Ich gab aber auch ganz normalen Sportunterricht. Nicht alle Schüler waren Leistungssportler.

Was veränderte sich in der Schule nach dem Ende der DDR?

R. P.: Ich denke, zu DDR-Zeiten war man professioneller aufgestellt. Es gab drei Physiotherapeuten und einen Arzt an der Schule, sogar einen Zahnarzt.

Das war danach nicht mehr finanzierbar?

R. P.: Nein, das war nicht aufrechtzuerhalten. Aber es ging auch um anderes. Der ASK hatte neben seinem Sitz in Oberhof viele Trainingszentren in umliegenden Orten, von Brotterode bis Schmiedefeld. Da sind alle Kinder der Region erfasst worden, davon ist vieles eingeschlafen.

Die Sichtung war also zu DDR-Zeiten besser?

R. P.: Die war super. Jetzt gibt es Diskussionen in den Sportverbänden, um dort wieder hinzukommen. Dafür muss man jedoch ähnliche Strukturen aufbauen.

Sind die Eltern heute wichtiger für die sportliche Laufbahn ihrer Kinder?

R. P.: Leistungssport an sich ist nicht billig, das ist richtig. Du brauchst die Eltern. Aber wenn ein Kind es unbedingt will, dann schafft es das auch anders. Es gibt Zuschüsse für Training und Wettbewerb, wo Vereine wie wir recht gut unter die Arme greifen können.

Zu DDR-Zeiten war die Nationale Volksarmee eine Stütze des Sports in Oberhof, jetzt ist es die Bundeswehr, die in der Kaserne am Rennsteig eine Sportfördergruppe betreibt. Wie unterscheiden sich die beiden Systeme?

U. F.: In der Wendezeit kamen ständig Leute aus Bonn nach Oberhof. Der Tenor war: »Das, was hier gewesen ist, können wir nicht übernehmen.« Die Trainingszentren und so weiter, so etwas macht die Bundeswehr nicht. Die Bundeswehr stellt Unterhalt und Essen zur Verfügung, die Sportler bekommen einen Lohn, aber für den Sport selbst ist niemand bei der Bundeswehr zuständig. Das war für uns natürlich eine große Veränderung, der Landessportbund und die Fachverbände mussten eingreifen. Wir hatten aber auch Glück, dass wir einen Armeesportklub in Oberhof hatten, da Teile des Personals von der Bundeswehr übernommen wurden. In den Zivilsportklubs war nach der Wiedervereinigung sofort Schluss, dort wurden alle entlassen. Bei uns hatten die Trainer Arbeitsverträge, die noch ein Jahr gültig waren, und viele konnten wir zusätzlich verlängern. Wir hatten einen Trainerstab, der noch bis 1992/93 von der Bundeswehr finanziert wurde. Das gab uns Zeit, neue Strukturen aufzubauen, es war ja alles Mögliche zu tun. Zum Beispiel hatten wir plötzlich ein Sportgymnasium ohne Sportlehrer. In der KJS waren die Spezialtrainer für den Sportunterricht verantwortlich. Etliche von den Bundeswehroffizieren, mit denen ich mich damals unterhielt, meinten, dass es vernünftig wäre, das alte System aufrechtzuerhalten, doch es würde nicht in die Strukturen der Bundeswehr passen. Lange wussten wir ja nicht einmal, ob die Kaserne überhaupt bleibt.

R. P.: Das stand auf der Kippe, die wollte man schließen. Wir mussten als Stadt sehr darum kämpfen, dass sie erhalten bleibt.

Weil die Kaserne für den Sport in der Stadt so wichtig ist?

R. P.: Ja, aber da kann man dann eins zum anderen nehmen. Wenn irgendwann keine Sportler mehr hier sind, dann verfallen die Sportstätten, und wenn es keine Sportstätten mehr gibt, kommen keine Sportler. Das ist ja alles Geben und Nehmen.

Es heißt, Oberhof genieße mehr Unterstützung vom Land Thüringen als etwa Oberwiesenthal vom Land Sachsen. Stimmt das?

U. F.: Man ging anders an die Sache heran. In Sachsen, das habe ich selbst erlebt, hat man die ganzen Kinder- und Jugendsportschulen sofort gestrichen, man wollte keinen Leistungssport mehr haben, das war jetzt ganz was Böses. In Thüringen war das anders. Bei den Olympischen Winterspielen in Albertville 1992 feierten Oberhofer Sportler große Erfolge, vor allem im Rodeln und im Biathlon. Da marschierte die Landesregierung, damals die CDU, hier mit stolzer Brust auf.

R. P.: Es gibt bis heute ein paar Strategen vor Ort, die einen guten Draht zur Regierung haben. Wäre das nicht so, würden die Sportstätten nicht so aussehen, wie sie es tun. Hier wird tatsächlich vom Land investiert, und wir sind der Landesregierung dankbar, dass sie sich so für Oberhof einsetzt.

Ulrich Frielinghaus ist Präsidiumsmitglied des WSV Oberhof 05, langjähriger Rodeltrainer und heute im Verein Leiter der »Abteilung Kufe«.

Rainer Partschefeld ist Stadtrat in Oberhof und ebenfalls Präsidiumsmitglied des WSV Oberhof 05.

Siehe auch die Reportage »Panorama mit Denkmalschutz« in der jW vom 1. Dezember 2022

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