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Aus: Ausgabe vom 10.12.2022, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

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Hungersnot

Zu jW vom 2.12.: »Mit Melnyk im Plenarsaal«

Die Hungersnot in der Ukraine als Hungergenozid zu bezeichnen würde doch bedeuten, jede Hungerperiode in der Welt, der große Bevölkerungsanteile zum Opfer fallen, als Hungergenozid zu bezeichnen. Oder ist das nicht so?

Manfred Gill, Berlin

Irische Katastrophe

Zu jW vom 30.11.: »Geistige Mobilisierung«

Der britische Kolonialismus hat u. a. auch die irische Hungersnot (Great Famine) in den Jahren 1845 bis 1849 zu verantworten. Mehrere Missernten wegen der Kartoffelpest führten zu einem katastrophalen Rückgang der irischen Bevölkerung. Die Briten rührten keinen Finger, um dem von ihnen unterdrückten Volk aus dieser Not zu helfen.

Christel Harke, Aschersleben

Musikalisches Talent

Zu jW vom 2.12.: »Goodbye Chopin«

Christine McVie mit Chicken Shack gefiel mir mit ihrem faszinierenden Sound, der sich auf den durch englische Sensibilität gefilterten und mit Rockklängen vermischten Chicago-Blues bezog, Ende der 60er Jahre sehr gut. Ich wurde auf sie aufmerksam, nachdem ich 1969 den emotionalen Song »I’d Ra­ther Go Blind« im Radio gehört hatte, damals Platz 14 der britischen Singlecharts, und ebenfalls 1969 den Song »Tears in the Wind« auf Platz 29. Der erste Ausflug von Christine McVie in die Musik war ja mit zwei Freunden, Stan Webb und Andy Silvester, die in einer Band namens Sounds of Blue spielten. Da sie wussten, dass Christine Perfect entsprechend ihrem Geburtsnamen ein perfektes musikalisches Talent hatte, baten sie sie, mitzumachen. Sie sang oft mit Spencer Davis. 1967 erfuhr McVie, dass ihre Exbandkollegen eine Bluesband, Chicken Shack, eine tragende Säule des White-Blues-Booms, gründeten und nach einem Pianisten suchten. Sie schrieb ihnen und bat um Aufnahme. Sie akzeptierten und luden sie ein, Keyboard und Klavier zu spielen und Hintergrundgesang zu singen. Die Debütveröffentlichung von Chicken Shack war »It’s Okay With Me Baby«, geschrieben von und mit McVie. Auf dem Studioalbum »O. K. Ken?« von 1969 sind »Get Like You Used to Be« und »A Woman Is the Blues« aus ihrer Feder. Es erreichte Platz neun der britischen Albumcharts, drei Plätze höher als sein Vorgänger »40 Blue Fingers, Freshly Packed and Ready to Serve« von 1968 mit ihren Titeln »When the Train Comes Back« und »You Ain’t No Good«. Bei allen Songs wurde ihr echtes Gespür für den Blues offensichtlich, nicht nur in ihrem Klavierspiel im Stil von Sonny Thompson, sondern auch durch ihre authentische rauhe »bluesige« Stimme. Sie schrieb direkte und ergreifende Texte, die sich auf Liebe und Beziehungen konzentrieren. Allmusic.com beschreibt sie als »furchtlose Singer/Songwriterin, angenehm im Ohr«. McVie erhielt sowohl 1969 als auch 1970 einen Melody Maker Award als Sängerin.

Sarah Rosenstern, Salzburg/Berlin

Sozialistische Gedenktage

Zu jW vom 3.12.: »Überforderte Justiz«

Dass Genosse Leo Schwarz – bzw. der Verlag 8. Mai – die damals ausbleibende oder mangelhafte Solidarität mit und für Erich Honecker (aber vorher auch Margot Honecker) klipp und klar eine »bleibende Schande« nennt, ist so angemessen, wie es hohen Anstand bezeugt. Nach Erscheinen von Klaus Huhns Schrift »Rückblick zu Erich Honecker« in seinem Spotless-Verlag einige Jahre im Vorfeld des da nahenden 100. Geburtstages von Erich Honecker bin ich persönlich dazu übergegangen, seinen Geburtstag am 25. August und seinen Todestag am 29. Mai bewusst als sozialistischen Gedenktag zu begehen, an dem es stets eine Extraspende an die obdachlosen oder mittellosen Menschen auf der Straße gab und gibt, was doch sehr in Erichs Sinne gewesen wäre. Andere Genossen und Genossinnen halten es ähnlich – an dieser Stelle möchte ich die Genossin Eva Ruppert sehr herzlich grüßen! – und legen an diesen Tagen auf dem Friedhof auch Blumen auf die Gräber der lokal dort verstorbenen Genossen und Genossinnen nieder oder nehmen diese Gedenktage zum Anlass, sich mal wieder mit einer Post bei Genossen in der Nachbarstadt zu melden oder den Hochbetagten unter ihnen bei einem Einkauf zu helfen. Auch so lässt sich kollektiv wenigstens etwas Sühne leisten für damaliges Unvermögen doch so vieler, dem Genossen Honecker die aufrichtige Solidarität angedeihen zu lassen, die er zweifelsohne verdient gehabt hätte.

Ronald Brunkhorst, Kassel

Emotional und auf den Punkt

Zu jW vom 3.12.: »Überforderte Justiz«

Die Rede von Erich Honecker vor dem Berliner Landgericht war zweifellos seine emotionalste, die aber auch gleichzeitig die Dinge auf den Punkt brachte. Georgi Dimitroff, Karl Liebknecht und auch Rosa Luxemburg haben bedeutsame Worte gegenüber ihren jeweiligen Richtern ausgesprochen. Erich Honecker steht dem in nichts nach. Sein Verteidiger Friedrich Wolff, der in diesem Jahr 100 Jahre alt wurde, erinnert sich noch heute mit leuchtenden Augen an jenen Tag, als sein Mandant sprach.

Ralph Dobrawa, Gotha

Ominöses »Wir«

Zu jW vom 5.12.: »Aus Leserbriefen an die Redaktion«

(…) Dem Inhalt des Leserbriefes von Herrn Seider stimme ich unbedingt zu. Nur eins stört mich gewaltig, und das nicht nur in diesem Leserbrief. Bei -zig Gelegenheiten sprechen Journalisten, Kommentatoren und andere vom »Wir«. Wer ist »wir«? Ich bin das jedenfalls nicht. Mich bringt das regelmäßig auf die Palme. Ich fühle mich dabei ungefragt vereinnahmt. Ich kann mich nicht erinnern, dass dieses »Wir« jemals für mich zutraf. Aber immer landete ich mit in dieser Soße, in diesem Topf. Besonders gern wird dieses »Wir« verwendet, wenn die Adressaten sich nicht dagegen wehren können (im Fernsehen, in Zeitungen usw.), wenn irgend etwas verkleistert werden soll. Nur ein Beispiel: »Wir« Konsumenten haben schuld, wenn die kapitalistische Produktionsweise den Planeten zerstört! Diese Rosstäuscherei ließe sich problemlos fortsetzen. (…)

Horst Rolle, Zwickau

Besonders gern wird ›wir‹ verwendet, wenn die Adressaten sich nicht dagegen wehren können (im Fernsehen, in Zeitungen usw.), wenn irgend etwas verkleistert werden soll.

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  • Leserbrief von Bernhard May aus Solingen (14. Dezember 2022 um 12:26 Uhr)
    Bezugnehmend auf den Leserbrief »Ominöses ›Wir‹«: Ob ich mich ungerecht vereinnahmt fühle, hängt vom Kontext ab. Einerseits ist unzulässige Vereinnahmung auch ohne »Wir« möglich: »Niemand ist für die Tobin-Steuer« konterte ich einst öffentlich mit »Doch. Zumindest ich«. Beim »Wir« kommt es darauf an, ob es mich umfasst – wie bei Joachim Seider z. B. als Mitbürger, als Kriegsgegner, vielleicht als Genosse – oder eben nicht: Kanzler Schröder (SPD) sprach gefühlt in jedem zweiten Satz von »Wir«, dabei häufig nur »die« Westdeutschen umfassend, was natürlich viele ausschließen musste. Fans von Ballspielturnieren pflegen Spiele zu gewinnen oder zu verlieren, an denen sie gar nicht erst mitspielten. Und wenn Vergleichbares in Kriegen, Bündnissen, angeblichen »Wertegemeinschaften« passiert, hört der Spaß natürlich auf.
    »Wenn die Menschen beginnen, ›Die‹ statt ›Wir‹ zu sagen, ist die Arbeiterbewegung in Gefahr«, äußert in Enzensbergers »Schwedischer Herbst« (in: »Ach Europa!«) ein »grauer Sozi« der SAP: »Leute, die das Lügen nicht gelernt haben« – mithin ein ehrendes »Wir«, sofern »wir« es uns anziehen können.
    Mit den vor 40 Jahren einsetzenden Feminisierungstrends entstanden u. a. auch »frau« sowie »mensch« für »man«. Beide kamen mir künstlich vor, zudem die Analogie unvollständig, da das Original nicht »mann« hieß. In sehr vielen Fällen half mir »Wir« als Ersatz – ein Effekt, der im Französischen noch stärker sein dürfte, weil »on« als Entsprechung zu »man« ohnehin häufig im Sinn von »wir«/»nous« gebraucht wird. – Da die wichtigsten Weltfragen (Frieden, Ökologie, Nahrung, Wasser) sowieso ausnahmslos die ganze Menschheit betreffen, passt ein »Wir«, sofern ich der Art Homo sapiens sapiens, heute eher Homo stultus stultus angehöre (»sapiens« ist lateinisch für »weise«, »stultus« für »dumm«). Und für die Äußerungen von – sagen wir – Genossin Wissler bin ich sehr wohl in Mitverantwortung zu nehmen, da ich die Delegierten mitbestimmte, die sie wählten; und da ich bislang noch nicht austrat und das vorläufig auch nicht tun werde.
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