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Aus: Ausgabe vom 10.12.2022, Seite 11 / Feuilleton
WM

Ein Knoblauchwurstmärchen

Zustände wie in Vegas: Ritter der Kokosnuss, der handelnde Mensch, die Kronjuwelen. Die Viertelfinals im Prophetendiskurs, Teil 2
Von Pierre Deason-Tomory, Jürgen Roth, René Hamann, Ken Merten
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Sonnabend, 16 Uhr, Marokko – Portugal

Wer tippt denn so was? Portugal zerlegt die Schweiz mit 6:1 und steht im Viertelfinale. Gegen die Marokkaner, die zuvor gegen blinde Spanier (3:0 i. E.) auch ohne Keeper hätten antreten können. Gegen die Portugiesen werden sie einen brauchen, vor allem, wenn die wieder ohne Ronaldo auflaufen, der erst reindurfte, als der Vorsprung schon uneinholbar war. Unglaublich, welche Kräfte der Kunde in seiner Mannschaft freisetzen kann, wenn er auf der Bank sitzt.

Gegen Marokko geht die Gefahr für die Seleção von Ronaldo aus und vom Publikum. Die Ismaeliten im Stadion peitschten das »eigene Team« schon gegen die Inquisidores nach vorne, heute liegt Hysterie in der Luft: Ein arabisches Team könnte ein Halbfinale dahoam klarmachen! Alex, der schon tausend und ein Spiel übertragen hat, glaubt an ein haushohes 0:0 nach 219 Spielminuten und einen Ronaldo, der in Minute 218 den Trainer umhaut, sich selbst einwechselt und den letzten Elfer in die Wolken jagt. Alex hat schon Kamele vor der Apotheke kotzen sehen.

Katar, ein Wintermärchen? Den Arabern ist es Knoblauchwurst, dass eine WM in einem zubetonierten Perlfischerdorf im Sand so authentisch ist wie eine Ritterburg in Las Vegas. Sie wissen, dass man Echtes an der FIFA nur auf den Preisschildern der Funktionäre findet. Fortschrittlicher als wir sind sie auch. Im Morgenland ererbt man seinen Despoten unfreiwillig von den Vätern. In Polen, Italien und den USA wählen sie Regierungen von Post-, Proto- und Prostatafaschisten selbst.

Pierre Deason-Tomory

Marokko – Portugal 5:4 i. E.

*

Der handelnde Mensch

Grobmaschig gestrickt aussah wie ein aus unterbrachen hob auf zusammengeknäult lag faltete auseinander mußte getragen haben zog aus streifte über würde passen saß am gesenkt zog an zu bedecken hatten aufgehört zu reden drückte waren verkrampft verlor langsam schwebte nicht glauben wollte sagte anzutreten trieb drang nicht traten folgten entstand floß löste hatte verloren setzte sich machte gebeten enthäuten sagte lagen hörte nicht hatte getaucht erklärte erzeugt

habe ………….

Jürgen Roth

Marokko – Portugal 2:1 n. V.

*

Sonnabend, 20 Uhr, England – Frankreich

An das Ergebnis von 1982 in Spanien kann ich mich erinnern; an das Spiel nicht. Diesmal wird es umgekehrt laufen, und ich habe lange darüber nachgedacht, warum das so sein wird. Die Lösung lautet: Maguire. Der »Finanzminister« Englands, der aus Sheffield stammt und nach guten Jahren bei Leicester für gutes Geld bei Man U schuftet, der in seiner Heimat wegen läppischer Fehler »Tölpel« und Schlimmeres genannt wird, ist reif. Bislang nämlich hat Harry Maguire, der folglich nicht Tobey heißt, eine fehlerfreie WM gespielt. Gut, die zwei Gegentore gegen den Iran, im Grunde unwesentlich, und nur bei einem war er überhaupt dabei. Nun aber spielt er gegen die französischen Maschinen, die sich über ihn lustig machen werden wie einstmals die Burgritter mit dem »accent« in »Die Ritter der Kokosnuss«. Da hilft auch sein eigenes Kopfballtor nach einem Standard zum zwischenzeitlichen 1:1 nicht: Deschamp hat hinten Beton mischen lassen, denn das kann er; England kommt nicht zu den berühmten »Umschaltsituationen«, auf den anderen Sendern läuft eh nichts, und gegen Mbappé ist halt noch kein Kraut gewachsen. Kein faires zumindest (wie es anders geht, wird dann im Halbfinale geklärt.) Es ist fast schade, dass das hier nicht das Finale sein kann, aber am Ende der Ironie schaffen es weder die einen noch die anderen, denn im Finale treffen CR7 und Messi aufeinander, ein allerletztes Mal. Alles andere wäre auch zu blöd. Für das Spiel hier heißt es: England beißt sich offensiv die Zähne aus, und hinten wackelt es. Frankreich zieht glücklich, aber wohlverdient ins Halbfinale ein. Revanche für ’82 geglückt!

René Hamann

England – Frankreich 1:3

*

»Mama, warum heiße ich Jude?«

»Love, das weißt du doch!«

»Wegen ›Hey Jude‹ von den Beatles?«

»Komm, wir haben Geschmack in diesem Haus, sweetie!«

»Ach ja, wegen Jude Bellingham! Oder? Der die Frankreicher im Viertelfinale damals so fertig gemacht hat.«

»Franzosen, sie heißen Franzosen.«

»Also auch Österrosen?«

»Ja, genau.«

»Erzählst du mir noch mal die Geschichte?«

»Ja, klar, hab’ ja sonst nichts zu tun, honey. Also: Wie immer war England Außenseiter …«

»Ohne Meer drumrum, hätten die uns alle längst aufgefressen, sagt Grandpa.«

»So nämlich! Die englische Mannschaft damals hatte privat viel Hudelei: Ben White und Raheem Sterling, in dessen Familienhaus wer eingebrochen war, kehrten vor der Partie heim. Die Frankreicher, wie du sie nennst, waren übermächtig. Ein deutscher Fußballexperte namens Sandro Wagner, der in seiner Karriere höchstens zwei Tore geschossen hatte, kletterte den Leuten nachts ins Schlafzimmer und flüsterte ihnen ins Ohr, Frankreich sei unschlagbar. Ob er nun was mit dem Einbruch bei Sterlings zu tun hatte? Man weiß es nicht. England aber kämpfte und machte, vor allem einer: Jude Motherfuckin’ Bellingham, gerade einmal neunjährig, demontierte die Schneckenkonsumenten auf die unfeine englische Art. Mbappé hatte zwar auch Bock, aber nach einem Gemetzel über 119 Minuten überläuft Harry Kane einen Frankreicher namens Jules Koundé, der so viel Gold um den Hals schleppte wie einst Bosco ›Bad Attitude‹ Baracus in der TV-Serie ›The A-Team‹. Kane kam und knipste. Zuerst wollten wir dich ja auch Harry nennen, wenn du ein Junge geworden wärst. Aber spätestens bei der Naziuniform zu Fasching hätten wir das bereut.«

»Verstehe. Danke, Mama!«

»You’re welcome, cutiepie!«

»Aber Mama?«

»Uff, okay, ja?«

»Wieso heißt denn David David?«

»Dein älterer Bruder heißt so wegen David Beckham.«

»Ach ja, wer war das noch gleich?«

»Weißt du noch, der tätowierte alte Mann, der seit Jahren ansteht, um dem Gerippe der Queen Lizzy ein Küsschen aufs Nüsschen zu geben? Der Mutter von dem Typen, den sie dann später an den Inzestohren aufgehangen haben?«

»Ja.«

»Na, siehste, du kennst ihn doch! Und jetzt gib Ruhe … The Beatles, also echt ey, Jude!«

Ken Merten

England – Frankreich 5:4 n. V.

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