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Aus: Ausgabe vom 10.12.2022, Seite 10 / Feuilleton
Kulturpolitik

Zeit der Wirren

Die Ukraine ist mit dem kulturpolitischen Versuch aufgelaufen, die »Boris Godunow«-Premiere an der Mailänder Scala zu verhindern
Von Reinhard Lauterbach
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»Da droht Verrat und dort ein offner Aufruhr! Hunger, Pest und schreckliche Verwüstung!« – Modest Mussorgskis Oper »Boris Godunow« an der Mailänder Scala

Die Ukraine ist mit dem Versuch gescheitert, eine Premiere an der Mailänder Scala zu verhindern. Das ukrainische Konsulat in der norditalienischen Stadt hatte sich an diverse Verantwortliche mit der Aufforderung gewandt, die Aufführung der Oper »Boris Godunow« von Modest ­Mussorgski (1839–1881) nicht stattfinden zu lassen. Die ukrainische Seite hatte geltend gemacht, es dürfe nicht geschehen, dass »Elemente von russischer Propaganda« über eine westliche Bühne gingen. Die Leitung der Scala antwortete kühl, die Oper enthalte keine Propaganda, und die italienische Politik hielt sich zurück. Dabei hat der »Boris Godunow« durchaus ein russisch-patriotisches Sujet: Es geht um die Nachfolgekämpfe um den Zarenthron Anfang des 17. Jahrhunderts in der sogenannten Zeit der Wirren, Thema auch der literarischen Vorlage der Oper, das dem Titelhelden gewidmete Versepos von Alexander Puschkin. Dessen Denkmäler werden in der Ukraine heute im Dutzend geschleift, weil er »imperiales Gedankengut« vertreten habe. Ähnlich geht es anderen Großen des russischen Geisteslebens, von Musikern bis zu Naturwissenschaftlern.

Mit der Ablehnung der Absage des »Godunow« ist die ukrainische Zensurpolitik erstmals von einer prominenten westeuropäischen Kulturinstitution explizit zurückgewiesen worden. Die Reaktion der Scala ist auch deshalb bemerkenswert, weil die Universität Mailand schon vor Monaten versucht hat, sich an die Spitze einer »Cancel«-Bewegung gegen russische Inhalte zu stellen. So wurde damals ein Seminar über Fjodor Dostojewski abgesagt.

Mehr noch. Zur Premiere am vergangenen Mittwoch kamen zwei prominente Gäste: Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen. Beide erklärten nach der Vorstellung, sie schauten gern Opern, darunter auch russische. Beide betonten, man müsse die russische Kultur von den Aktivitäten der heutigen russischen Regierung unterscheiden.

Solch demonstrativer Respekt vor der russischen Kultur kam praktisch gleichzeitig damit, dass die EU in ihrem neunten Sanktionspaket weitere vier russische Medien aus dem in der EU zu empfangenden Angebot entfernte. Das bedeutet, dass die Kommission zwar weiterhin »russische Desinformation« als Behinderung ihrer eigenen Informationspolitik ansieht und gegen sie vorgeht. Aber parallel versucht sie inzwischen anscheinend, das nationalrussische Narrativ zu entkräften, wonach der Westen im allgemeinen und die Ukraine im besonderen von »Russophobie« geprägt seien.

Um so interessanter ist, dass die strikte Russenfeindlichkeit der offiziellen ukrainischen Kulturpolitik inzwischen auch in Teilen der ukrainischen Gesellschaft angezweifelt wird. So fand ein Video große Beachtung, das dieser Tage ein ukrainischer Soldat mit dem Decknamen »Sergeant Machno« ins Netz stellte. Es enthielt eine Polemik gegen die Kulturpolitikerin Irina Farion, die sich zuletzt mit der Aussage zu Wort gemeldet hatte, die russischsprachigen Bewohner der Ukraine seien »Kreaturen«, die es nicht verdienten, in dem Land zu leben. »Sergeant Machno« dazu: Wenn alle seine russischsprachigen Kameraden, die seit Jahren die Ukraine verteidigten, das Land verließen, dann könne Farion demnächst in ihrer Küche oder im Keller still und heimlich Ukrainisch sprechen, weil das Land in der Zwischenzeit ein russischer Föderationsbezirk geworden wäre. Er verbitte sich als Ukrainer diese kontraproduktiven Angriffe gegen seine Kameraden, so der Soldat. Die russische Sprache sei nicht von Wladimir Putin erfunden worden, und es gebe keine bösen Nationen, sondern nur böse Regimes und böse Menschen.

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  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (11. Dezember 2022 um 21:08 Uhr)
    »Zeitenwende«? Doch wohl eher Zeiten des Wahnsinns.
  • Leserbrief von leonhard schaefer aus florenz (11. Dezember 2022 um 13:19 Uhr)
    Keine Russophobie in Italien: Während in Deutschland Russisch Sprechende angepöbelt oder angegriffen wurden, russische Kulturschaffende entlassen oder den Anti-Putin-Schwur leisten mussten, sah das von Anfang an (nach dem 24. Februar) in Italien etwas anders aus. Die Regierungs- und rechten Medien versuchten, die atlantische Anti-Putin-Anti-Russland Blaupause zu verbreiten und auch hier ist die Ukraine-Lobby stark. Aber »das Volk« macht das zum größten Teil nicht mit. Man weiß sehr wohl um die Rolle der NATO im Konflikt. Mein Schild »Und die Kriege der USA und NATO?« auf der ersten Antikriegsdemo am 27. Februar in Florenz wurde nur von einem Ukrainer kritisiert. Auch hatten wir was gegen deren Absingen nationalistischer Lieder. Zur Scala-Eröffnung: Die postfaschistische Ministerpräsidentin Meloni hatte schon vor der Wahl ihre Treue zur Draghi-Linie bezeugt: »Atlantische Partnerschaft – Europa – Waffen – Unterstützung Ukraine«. Deswegen alle Achtung, dass sie sagte: »Ihr kennt meine Ukraine-Position. Kultur ist eine andere Sache … Nicht Kultur und Politik vermischen und wir haben nichts gegen das russische Volk«. Staatspräsident Mattarella, strammer NATO- und Ukraine-Unterstützer, hatte sich zur Kontroverse über die Auswahl von »Boris Godunow« geäußert: »Das sind Positionen, die ich weder kulturell noch politisch teile. Die große russische Kultur ist ein integraler Bestandteil der europäischen Kultur, während die Verantwortung für den Krieg der Regierung dieses Landes zugeschrieben werden sollte, sicherlich nicht dem russischen Volk oder seiner Kultur.« Die anwesende Heuchlerin von der Leyen sprach vom »fantastischen russischen Land«. In Italien macht sich ohnehin in der Bevölkerung Skepsis gegenüber der Unterstützung der Ukraine mit Waffen breit, besonders durch die Lügen und übersteigenden Forderungen Selenskijs. Die toskanische satirische Zeitschrift Vernacoliere (frei übersetzt): »Selenskij – Jetzt will er auch Goldstaub in den Arsch geblasen kriegen«.

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