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Aus: Ausgabe vom 10.12.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Energiepolitik

Nehmen, was »übrig ist«

Robert Habeck in Südafrika: Werber für erneuerbare Energien und deutsches Investitionskapital
Von Christian Selz, Kapstadt
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»Gleich größer denken und größer planen« (Robert Habeck vor Maschine der Flugbereitschaft)

Robert Habeck hatte seine Rede zur Eröffnung des 4. Deutsch-Afrikanischen Wirtschaftsgipfels (German African Business Summit, GABS) am Mittwoch in Johannesburg gerade gehalten, da verkündete Südafrikas Stromversorger Eskom weitere Netzabschaltungen. Während der deutsche Wirtschaftsminister bei der wichtigsten Industrienation des afrikanischen Kontinents drei Tage lang für den Umstieg auf erneuerbare Energieträger warb, musste der Staatskonzern Südafrikas Haushalten und Betrieben für bis zu zehn Stunden täglich den Strom abschalten.

Dieselbudget aufgebraucht

Die Gründe sind vielfältig und oft beschrieben: Wartungsarbeiten und rechtzeitige Investitionen in die Infrastruktur wurden versäumt, der staatliche Stromkonzern erst durch ein »Sparprogramm« entkernt und so von privaten Dienstleistern abhängig gemacht. Die Schnittstelle von Privatwirtschaft und Staatskonzern wurde schließlich zum Einfallstor für korrupte Geschäftemacher. Teils werden Anlagen mutwillig beschädigt, um Reparaturaufträge auszulösen. Erst im November wurden deshalb Verdächtige verhaftet, am Donnerstag vermutete der Minister für Öffentliche Betriebe, Pravin Gordhan, einmal mehr Sabotageakte als Grund für den plötzlichen Ausfall von Kohlekraftwerken, mit denen Südafrika rund 90 Prozent seines Stroms erzeugt.

Aktuell leidet das Land zudem an den infolge westlicher Sanktionen gegen Russland global gestiegenen Dieselpreisen. Eskoms Dieselbudget ist für das noch bis März andauernde Geschäftsjahr bereits aufgebraucht, die Dieselkraftwerke stehen still. Hinzu kommt, dass auch die neuen Kohlekraftwerke Medupi und Kusile, in den vergangenen Jahren mit riesigen Weltbankkrediten auch unter deutscher Beteiligung gebaut, noch immer längst nicht störungsfrei funktionieren. Obendrein kauft Deutschland gerade in großem Stil hochqualitative Kohle aus Südafrika. In den meisten deutschen Medienberichten rund um den Habeck-Besuch wird die Stromkrise des Landes dennoch auf das Versagen überalterter Kohlemeiler reduziert.

»Jetzt in Solar gehen«

Dieses Narrativ ist günstig für die von Habeck vorgetragene Erzählung, Deutschland wolle Südafrika helfen, sein unbestritten gigantisches Potential bei Solar- und Windkraft zu nutzen, um die Stromkrise zu beenden. Der Minister erwähnte in diesem Zusammenhang das im vergangenen Jahr beim UN-Klimagipfel in Glasgow aufgelegte Programm »Just Energy Transition Partnership«, in dessen Rahmen die EU, die USA, Deutschland, Frankreich und Großbritannien 8,5 Milliarden US-Dollar (8,2 Milliarden Euro) für eine »gerechte Energiewende« in Südafrika zugesagt haben – wobei der Löwenanteil der Summe allerdings aus Krediten und Investitionsgarantien besteht und nur drei Prozent Fördermittel sind.

Das Programm ermöglicht also vor allem privatwirtschaftliche Investitionen in die Nutzung erneuerbarer Energiequellen in Südafrika und trägt so zu einer Privatisierung der dortigen Stromversorgung bei. Zwar betonte Habeck in einer am Donnerstag über Twitter und Instagram verbreiteten Videobotschaft, dass Südafrika und das Nachbarland Namibia, das er am Montag besucht hatte, »sich vor allem erst mal selber versorgen« sollten, wenn sie »jetzt in Wind und in Solar gehen«. Der privatwirtschaftliche Ansatz steht dem jedoch entgegen. In Namibia, wo ein neu gegründetes Konsortium unter Führung des deutschen Unternehmens Enertrag 9,4 Milliarden US-Dollar (neun Milliarden Euro) investieren will, soll mit Wind- und Solarenergie gewonnener Wasserstoff in Ammoniak umgewandelt werden, um den Energieträger nach Deutschland verschiffen zu können. Der deutsche Konzern RWE steht als Abnehmer bereits bereit. Zu einer etwaigen Nutzung der Energie in Namibia wurde derweil nichts Konkretes bekannt.

Habeck verklärte den Widerspruch so: »Weil diese Projekte teuer sind und Geld aufgebracht werden muss, und weil die Bedingungen für Wind und Sonne hier so phantastisch sind, kann man aber gleich größer denken und größer planen, so dass ausländisches Investitionskapital, deutsches Geld und europäisches Geld, hier gleich mit angelegt werden kann.« Wenn die Energieproduktion dann »so groß« sei, »dass etwas übrig ist«, um in Wasserstoff »transformiert« zu werden, dann sei es »eine gute Idee«, »in gegenseitigem Nutzen in Handelsbeziehungen einzutreten«, erläuterte der Wirtschaftsminister seine Vorstellung des künftigen globalen Energiehandels. Wie realistisch dieses Szenario ist, wenn staatliche Energiesouveränität in Investorenhände übergeht, erörterte Habeck nicht. Statt dessen unterstrich er: »So muss man die Geschichte erzählen.«

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  • Leserbrief von Hans-Joachim Wolfram aus Sondershausen (11. Dezember 2022 um 17:33 Uhr)
    Bitte nicht verwechseln: Der Atommeiler ist etwas für den Seniorenkaffee der Kirchengemeinde, wo der Herr Pastor den alten Leuten auf Grundschulniveau der dritten Klasse etwas über Energie erzählt. Denn das versteht er selber. Der »Kohlemeiler« ist ein Aggregat zur Herstellung von Holzkohle. Ebenso wie es Minen gibt, welche in Kugelschreiber gehören, oder in der Ukraine verlegt werden, damit man die bösen Russen beschuldigen kann. Andere Minen gibt es nicht. Der englische Ausdruck »mine« ist sehr allgemein und hat aber in der deutschen Sprache nichts zu suchen. Hier gibt es Bergwerke, Gruben allenfalls. Mir scheint, bei diesem katastrophalen Bildungsstand in der BRD ist ein verpflichtender Nachhilfeunterricht geboten. Was für einen Schwachsinn muss man eigentlich noch erdulden? Ich empfinde dies zunehmend als eine Diskriminierung für Natur- und Geowissenschaftler, wenn sie ständig mit Dummschwätzern konfrontiert werden. Ich kann nichts dafür, dass ein Robert Habeck so eine geringe Bildung aufweist. Dieser Mann ist eine Beleidigung für jeden denkenden Bürger. Wasserstoff, der durch enormen Energieeinsatz erst hergestellt wird, dann mit Hilfe des »Haber-Bosch-Verfahrens« in Ammoniak verwandelt wird, nach Europa transportiert wird, um dort wieder als Wasserstoff in der Brennstoffzelle oxidiert zu werden – da hat nicht nur jemand niemals am Chemieunterricht teilgenommen, er hat in seinem wirren Verstand einfach beliebige Fachbegriffe durcheinandergewürfelt und gibt sie ständig von sich, nach dem Motto: »Irgendetwas wird schon passen!« Ich empfehle solchen Schwafelköpfen dringend die Grundschule ab der dritten Klasse zu wiederholen. So etwas gehört in keine höhere Position – außer vielleicht in eine betreute Werkstatt. Mir reicht es einfach jeden Tag so einen Haufen Schwachsinn lesen oder hören zu müssen. Nach 30 Jahren der Abwicklung der DDR ist man in einem esoterischen, militaristischen Entwicklungsland geistig zurückentwickelter Konsumidioten angekommen.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in André K. aus Groß Schönebeck bei Berlin (10. Dezember 2022 um 01:13 Uhr)
    Kinderbuchautoren erzählen nun mal vorzugsweise Märchen und Gute-Nacht-Geschichten. Das bleibt!
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum ( 9. Dezember 2022 um 22:21 Uhr)
    War vor geraumer Zeit in einer Sprechblase von Uncle Sam nicht die Rede von »Afrika in chinesischer Schuldenfalle«? Wann blubbert sie als »deutsche Schuldenfalle« wieder über dem Atlantik? Als Wirtschaftsministerin muss man schon Märchentante sein, um Geschichten, die in den Wind gehen, erzählen zu können. Woher nimmt sie die Solarmodule und Windräder her? Grünheide 2 und 3 als Standorte zur Siliziumscheibenherstellung und Windradbau? Die dafür nötige Energie aus südafrikanischer (polnischer, australischer oder Braun-) Kohle gewonnen? Oder will die Wirtschaftsministerin Solarmodule und Windkraftanlagen in China einkaufen? Warum Ammoniak 15.000 Kilometer an Afrika vorbei nach Deutschland schippern? Weil Flüssiggasterminals da sind?

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