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Aus: Ausgabe vom 09.12.2022, Seite 6 / Ausland
Attacken gegen Kinder

Zukunft in Trümmern

Grundschule im besetzten Westjordanland zerstört. In Palästina weltweit höchste Zahl Verletzter nach Angriffen auf Bildungseinrichtungen
Von Jakob Reimann
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Angst im Klassenraum: Zwischen 2015 und 2019 wurden mehr als 4.000 palästinensische Schüler und Studenten bei Angriffen auf Bildungseinrichtungen verletzt (Nablus, 9.8.2021)

Ende November hatte das israelische Militär eine Grundschule in Masafer Jata im besetzten Westjordanland zerstört. Die Ende vergangener Woche provisorisch aufgestellten Zelte sind daraufhin ebenfalls abgerissen worden. Immer wieder werden palästinensische Bildungseinrichtungen angegriffen, wobei in den vergangenen Jahren Tausende Schüler verletzt wurden.

Die israelische Armee zerstörte die Schule am 23. November mit Bulldozern. Die Einrichtung, in der 22 Schülerinnen und Schüler aus vier umliegenden Dörfern unterrichtet wurden, war erst Anfang des Jahres erbaut worden. Laut katarischem Fernsehsender Al-Dschasira hatte das Oberste Gericht Israels am Tag des Abrisses eine einstweilige Verfügung zurückgezogen, die den Abriss der Schule vorübergehend unterbunden hatte. »Die israelischen Besatzungstruppen zerstörten die Schule, während darin unterrichtet wurde und sich Schüler darin befanden«, sagte der Vorsitzende des Gemeinderats, Nidal Junis, gegenüber dem Sender. Soldaten hätten zunächst Schock- und Blendgranaten auf das Schulgebäude gefeuert. Ein auf Twitter verbreitetes Video soll Lehrerinnen zeigen, die die Kinder daraufhin über die Fenster aus dem Schulgebäude evakuierten.

Im Mai hatte das Oberste Gericht Israels die gewaltsame Räumung mehrerer Dörfer in der Gemeinde Masafer Jata für rechtens erklärt und so einen 23 Jahre währenden Rechtsstreit beendet. In seinem finalen Urteil hatte das Gericht dem israelischen Militär das Recht zugesprochen, auf dem 30 Quadratkilometer weiten Areal in den Hügeln südlich von Hebron acht palästinensische Dörfer zu räumen, wovon bis zu 1.200 Menschen betroffen sind. Mitte Juni wurden dann in sieben Dörfern »Volkszählungen« durchgeführt, um die Massenvertreibung vorzubereiten. Die im November zerstörte Schule war die einzige Bildungseinrichtung in dem Gebiet. Die EU verurteilte die Zerstörung der Schule, die auch aus EU-Mitteln finanziert wurde. Derartige Zerstörungen seien völkerrechtlich illegal; das Recht von Kindern auf Bildung müsse respektiert werden, sagte der Sprecher des Europäischen Auswärtigen Dienstes, Peter Stano, nach dem Abriss.

Am Sonnabend verbreitete die palästinensische Aktivistin Abier Khatib auf Twitter Fotos, auf denen Zelte zu sehen sind, die nach der Zerstörung als provisorische Schule dienen sollten. Palästinensische Aktivisten hatten sie zuvor dort aufgestellt. »Das ist ein Akt des Widerstands in einer Welt der Feigheit«, kommentierte Khatib. Am Dienstag berichtete die israelische Menschenrechtsorganisation Btselem auf Twitter, dass auch diese Zelte von israelischen Soldaten abgerissen und konfisziert wurden. Am Mittwoch veröffentlichte Btselem wiederum Bilder, die dokumentieren, dass die Kinder nun im Freien zwischen den Trümmern sitzend unterrichtet werden.

Eine Untersuchung der von der UNO unterstützten NGO Global Coalition to Protect Education from Attack vom März dieses Jahres ergab, dass zwischen Januar 2019 und September 2021 bei Angriffen auf palästinensische Schulen durch den Einsatz von Tränengas, Blendgranaten und anderen Waffen 480 Schüler und Lehrkräfte verletzt wurden. 305 Schulen und Kindergärten waren in diesem Zeitraum Angriffen ausgesetzt. Im Zuge des mehrtägigen Raketenbeschusses des Gazastreifens durch die israelische Luftwaffe im Mai 2021 wurde demnach jede vierte Schule in Gaza beschädigt. Zwischen 2015 und 2019 wurden über 4.000 palästinensische Schüler und Studenten bei Angriffen auf Bildungseinrichtungen verletzt, was weltweit den höchsten Wert darstellt.

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