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Aus: Ausgabe vom 09.12.2022, Seite 2 / Inland
Verhandlungen statt Eskalation

»Ein Weltkrieg kann durch Zufall ausgelöst werden«

Für einen Begriff von gemeinsamer Sicherheit: Am Wochenende findet Friedensratschlag in Kassel statt. Ein Gespräch mit Willi van Ooyen
Interview: Kristian Stemmler
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Protest gegen Hochrüstung (Berlin, 5.12.2020)

An diesem Wochenende findet in Kassel der 29. bundesweite Friedensratschlag statt. Wie ist die Resonanz nach der coronabedingten Pause?

In den vergangenen zwei Jahre mussten wir den Friedensratschlag virtuell organisieren. Jetzt treffen wir uns zum ersten Mal wieder persönlich, und die Resonanz ist wirklich sehr gut. Wir erwarten über 300 Teilnehmer, es wird richtig voll werden. Der Stand der Anmeldungen ist noch besser als im Jahr 2019.

Das Motto der Konferenz am Sonnabend und Sonntag lautet »Unterwegs zu einer neuen Weltordnung – Weltkrieg oder sozialökologische Wende zum Frieden«. Können Sie das konkretisieren?

Wir befinden uns in einer Umbruchsituation. In der geht es darum, in der Friedensfrage entschieden zu sein. Wir müssen uns auf neue Bedingungen einstellen und uns mit geopolitischen Veränderungen beschäftigen, die zu besorgniserregenden Zuspitzungen führen. Positionen und Ansätze, die für die 70er Jahre prägend waren – ich erinnere an die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, KSZE –, wurden mittlerweile komplett aufgegeben. Militärische Optionen spielen wieder eine entscheidende Rolle.

Uns geht es darum, wieder zurück zu einem Begriff von gemeinsamer Sicherheit zu finden. Ein solcher ist etwa in der Charta von Paris von 1990 formuliert worden, dem Schlussdokument der damaligen KSZE-Sondergipfelkonferenz, das Grundlage für eine neue friedliche Ordnung in Europa sein sollte. Die Sicherheit des Gegenübers sollte genauso wichtig sein wie die eigene. Das ist der zentrale Punkt.

Der Westen sucht unter der Führung der USA zunehmend die Konfrontation mit Russland und China. Wie akut ist nach Ihrer Einschätzung die Gefahr, dass ein dritter Weltkrieg ausgelöst wird?

Das Risiko ist ein Stück weit unkalkulierbar. Ein Weltkrieg kann durch Zufall ausgelöst werden. Wir hatten ja kürzlich den Raketeneinschlag auf polnischem Staatsgebiet. Da war schon eine existentielle Bedrohung spürbar. Das ist ein Punkt, der uns große Sorgen machen: dass es gewollt oder ungewollt zu einer Eskalation kommt.

Beim Friedensratschlag werden sich renommierte Referenten mit der globalen Umbruchsituation befassen.

Ja. Unsere Referenten werden sich bemühen, die augenblickliche Situation zu analysieren. Und zwar zum einen global, aber auch mit Blick auf verschiedene Regionen: Afrika, China oder der Nahen Osten. Es gibt überall dort Konflikte, die deutlich machen, dass es einer Neuorientierung bedarf. Zu Beginn werden Christin Bernhold, Jörg Kronauer, Karin Kulow und Peter Wahl ihre Einschätzungen zur neuen Weltordnung abgeben. Jürgen Wagner von der Informationsstelle Militarisierung wird sich mit den deutschen Großmachtambitionen beschäftigen.

Auf der Konferenz wird auch Heela Nadschibullah sprechen, die Tochter des ehemaligen demokratisch gewählten Präsidenten Afghanistans Mohammed Nadschibullah.

Für uns war sehr wichtig, dass wir nach einjähriger Funkstille das Thema Afghanistan wieder auf die Agenda setzen. Das wollen wir nicht einfach ausblenden.

Zum Ukraine-Krieg gibt es in der Friedensbewegung unterschiedliche Positionen. Wie verhalten Sie sich dazu?

Wir vom Friedensratschlag nehmen da eine klare Position ein: Es braucht einen Waffenstillstand und Verhandlungen, um eine weitere militärische Eskalation zu vermeiden. Am Sonntag werden wir die Ansätze für Verhandlungslösungen auf einem prominent besetzten Podium deutlich herausarbeiten. Diskutieren werden dann Daniela Dahn, Michael von der Schulenburg, Norman Paech und Michael Müller von den Naturfreunden. Zum Abschluss wird die Linke-Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen über den Zusammenhang von Sozialprotesten und der Friedensbewegung referieren. Ich finde es wichtig, dass beim abschließenden Podium Robert Weißenbrunner von der IG Metall Osthessen dabei ist. Ohne Gewerkschaften können wir friedenspolitisch nicht vorankommen.

Willi van Ooyen ist Friedensaktivist und gehört zu den Organisatoren des Friedensratschlags an diesem Wochenende in Kassel. Von 2008 bis 2017 war er Fraktionsvorsitzender von Die Linke im Hessischen Landtag

Informationen unter friedensratschlag.de

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  • Leserbrief von Lothar Böling aus Düren ( 9. Dezember 2022 um 16:48 Uhr)
    Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen, hieß es nach dem Zweiten Weltkrieg. Wie aber am 06.12.2022 bei Markus Lanz und am 08.12.2022 bei Maybritt Illner klar zu sehen, wimmelt es in diesem Land nur so von blutrünstigen Kriegstreibern und Möchtegernfeldherrn, die mehr Waffen fordern. Ob sie nun Trittin, Neitzel, Masala, Lambsdorff oder Schirdewan heißen, keiner kritisierte die seit 1999 vom US-Imperialismus betriebene NATO-Osterweiterung, das Vorrücken von NATO-Truppen bis an Russlands Grenze. Russland solle sich aus der Ukraine zurückziehen, heißt es einmütig. Kein Wort dazu, dass der Westen für den blutigen Regime-Change 2014 in Kiew (Euromaidan), den Sturz der Regierung Janukowitsch, verantwortlich war. Und dass die Zivilbevölkerung des Donbass acht Jahre von ukrainischen Nationalisten und Faschisten beschossen wurde, thematisiert keiner, das alles scheint völlig normal. 1,5 Mio. Binnenflüchtlinge, 44.000 Verletzte und 14.000 Tote waren die Folge des Bürgerkriegs, sind ukrainische Verbrechen. Weil das Minsker Abkommen 2014/15 bewusst von der Ukraine ignoriert wurde, ist Russland am 24.02.2022 einmarschiert. »Nicht derjenige, der zuerst zu den Waffen greift, ist der Verursacher der Katastrophe, sondern derjenige, der sie erzwingt«, wusste vor 500 Jahren schon der italienische Philosoph Niccolò Machiavelli. Was heute in der Ukraine passiert, ist das Ergebnis westlicher Gier, Russland erobern zu wollen. Wozu sonst wohl das Vorrücken von NATO-Truppen Richtung Osten, über 1.000 Kilometer? NATO-Raketen an Russlands Grenze sind klar eine Bedrohung. Über westliche Provokation wird nie berichtet. Den USA, der NATO, dem Westen geht nur darum, Russland die Schuld zuzuweisen. Für wie dumm hält man die Bevölkerung? Gäbe es in Russland keine Bodenschätze, riesige Wälder und gewaltige Getreidefelder, sondern nur Sand und Wüste, würde sich niemand für dieses Land interessieren. Die Bevölkerung dort ist den westlichen Ausbeutern ohnehin egal, wie der Krieg schon zeigt.

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