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Aus: Ausgabe vom 07.12.2022, Seite 16 / Sport
Skisport

»Lange lebten wir von der DDR-Substanz«

Über das Skisportfördersystem der DDR in Oberwiesenthal und die Zeit danach. Ein Gespräch mit Patrick Burkhardt und Heike Hünefeld
Von Gabriel Kuhn
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Ein Mann fährt Ski (Oberwiesenthal, 17.3.1961)

Zu DDR-Zeiten gab es in Oberwiesenthal eine Kinder- und Jugendsportschule sowie den SC Traktor Oberwiesenthal. Die beiden Einrichtungen schufen die Grundlage für große internationale Erfolge Oberwiesenthaler Wintersportler. Dann kam die Wende. Was bedeutete sie für Schule und Verein?

Heike Hünefeld: Es gab quasi einen totalen Zusammenbruch, das man muss schon so sagen. Mit der Wiedervereinigung war das System komplett weg.

Wie wurde die Krise überwunden?

H. H.: Bruchstückhaft ging es weiter. Ein Glücksumstand war Jens Weißflog, ein ganz großer Name zu jener Zeit. Das war auch ein Stück weit Standortsicherung.

Patrick Burkhardt: Der Sportklub war nicht mehr existent, das dahinterstehende Fördersystem war nicht mehr existent. Nun ging es darum, eine Trägerstruktur zu finden, die im bundesdeutschen System funktioniert. Das, was es hier gegeben hatte, solche Zentren wie Oberwiesenthal oder Oberhof, kannte man ja in Westdeutschland nicht. Keiner dort konnte und wollte mit diesem System etwas anfangen. Für die Schule gab es Übernahmeangebote von der Sportschule in Berchtesgaden. Die sind gescheitert, – wir können wohl sagen zum Glück.

Bei der Bobbahn in Altenberg hob der Bund die Hände, das Land Sachsen hob die Hände, und im Endeffekt mussten primär die Stadt und der Landkreis einspringen. Auch in Oberwiesenthal waren es die Stadt und der Landkreis, die eingriffen, aber mit der Aufgabe an ihre Grenzen stießen. Deshalb gründete sich 1992 der Olympiaförderkreis. Zusammen mit dem Landkreis konnte man das Konstrukt hier am Leben erhalten, zumindest in einer Größenordnung, die leistbar war. Irgendwann verstand dann auch das Land, dass das, was es hier gab, förderwürdig ist. Lange lebten wir von der Substanz, die das DDR-System hervorgebracht hatte.

H. H.: Was mit der Wende komplett wegfiel, war die Rodelbahn. Die ist im Winter ’89/90 das letzte Mal vereist worden. Es war ja noch eine Natureisbahn. Seither fahren die Rodler nach Altenberg zum Training. Zu DDR-Zeiten gab einen sogenannten Sportstättenbetrieb mit Brigaden, die jeweils für die Rodelbahn, die Schanzen und die Loipen verantwortlich waren. Das waren insgesamt etwa 30 Personen. Nach der Wende hatten wir zeitweise zwei Personen im Skistadion und eine Person an der Schanze. Das war der klägliche Rest.

Gab es starke Konkurrenz mit den westdeutschen Sporteinrichtungen?

P. B.: Unter den Sportlern scheint das kaum Thema gewesen zu sein. Hier formte sich schnell eine neue Gemeinschaft. Aber was die Strukturen angeht, da gab es einen gewissen Konkurrenzkampf. Das Verständnis für unsere Struktur fehlt im westdeutschen Bereich zum Teil bis heute. Man versteht nicht, dass die Art, wie wir Sport machen, eine andere ist als in den alten Bundesländern.

Was meinen Sie?

P. B.: Im Westen gibt es beispielsweise eine ganz andere Vereinsstruktur. Einige Vereine sind in der Lage, hauptamtliches Personal zu beschäftigen. Die Kinder können damit viel später an die Sportschulen wechseln. In Oberstdorf gibt es 36 Internatsplätze, das ist ein Drittel von dem, was wir haben. Wir versuchen, die Kinder spätestens ab Klasse sieben in unsere Schule zu bekommen, weil wir keine Vereine haben, die eine Ausbildung in derselben Qualität bis ins Jugendalter bewerkstelligen können. Das wird sich auch so schnell nicht ändern.

Gibt es noch heute eine Ost-West-Konkurrenz?

P. B.: Es gibt einen Wettbewerb zwischen den Standorten, weil Förderungen von Erfolgen abhängig sind. Ich würde das aber nicht auf ein Ost-West-Denken reduzieren. Sowohl der Deutsche Skiverband als auch der Bob- und Schlittenverband für Deutschland haben ihren Sitz in Bayern. Im Wust des Alltagsgeschäfts rücken die Stützpunkte nördlich davon manchmal etwas aus dem Fokus.

Wie belastend war das nach dem Anschluss vieldiskutierte Thema Staatsdoping für den Standort Oberwiesenthal?

H. H.: Hier war das kein primäres Thema.

P. B.: Medial taucht das immer wieder auf, da es um eine wichtige Frage geht, die Interesse weckt. Aber zu sagen, die DDR-Sportler waren nur wegen des Dopings gut, ist aus meiner Sicht viel zu kurz gegriffen. Es gab eine hervorragende Sichtung an den Schulen, es gab hauptamtliches Personal und eine hervorragende medizinische Versorgung. Die Trainer konnten sich ganz auf die Arbeit mit den Athleten konzentrieren, sie mussten sich nicht um die Unterkunft oder die Fahrzeuge fürs Trainingslager kümmern. Das waren alles Elemente, wo ich sage: Da war man wesentlich fortschrittlicher als heute.

Auch Innovationsgeist und pragmatische, ideenreiche Lösungen brachten den Sport in der DDR voran. So entwickelte man Oberwiesenthal ein Hydrauliksystem, um die Anlaufbahnen der Schanzen neigbar zu machen und damit unterschiedliche Bedingungen zu simulieren. Niemand würde heute auf solche Ideen kommen – und wenn doch, dann wären sie nicht umsetzbar, weil Zeit und Geld fehlen. Ebenso war man im Materialbereich bestmöglich aufgestellt, wie beispielsweise mit der Bobschmiede in Dresden oder in der Zusammenarbeit mit der TU Chemnitz im Rennschlittenbereich. Der Sport hatte einen höheren Stellenwert in der Gesellschaft, und man hat entsprechend in ihn investiert.

Patrick Burkhardt ist Standortkoordinator des Olympiastützpunkts Sachsen in Oberwiesenthal. Heike Hünefeld ist Mitarbeiterin im Wiesenthaler K3, in dem unter anderem das Sportmuseum der Stadt untergebracht ist

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