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Aus: Ausgabe vom 07.12.2022, Seite 1 / Titel
Ukraine-Krieg

»UFOs« im Hinterland

Russland: Treibstofflager in Kursk und Rüstungsbetrieb in Brjansk getroffen. Nationaler Sicherheitsrat einberufen
Von Reinhard Lauterbach
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Angegriffenes Treibstofflager in Russland: Rauch über der Region Kursk am Dienstag

Am frühen Dienstag morgen hat es erneut zwei Drohnenangriffe auf Ziele in Russland gegeben. Getroffen wurden ein Treibstofflager am Flughafen von Kursk sowie ein Rüstungsbetrieb im Bezirk Brjansk. Über mögliche Opfer wurde nichts bekannt. Beide Ziele liegen relativ nah an der russisch-ukrainischen Grenze. Am Montag hatten mutmaßlich ukrainische Drohnen zwei mehrere hundert Kilometer im russischen Hinterland entfernt liegende Militärflugplätze getroffen. US-Medien berichteten dazu, dass die Ukraine noch in der Sowjetunion produzierte Aufklärungsdrohnen des Typs »Tu-141« umgerüstet habe. Von diesen Waffen waren nach dem Ende der Sowjetunion große Vorräte in der Ukraine zurückgeblieben, und die Kiewer Regierung hatte mit dem Beginn der Kämpfe im Donbass 2014 diese Drohnen zu reaktivieren angefangen. Ukrainische Sprecher begannen, die Verantwortung für die Angriffe in verklausulierter Form einzuräumen. So schrieb Präsidentenberater Michailo Podoljak am Montag auf Twitter, die Welt sei bekanntlich rund, und ein Land, das in den Luftraum anderer Staaten eindringe, müsse damit rechnen, dass irgendwann »UFOs« zurückkämen.

Russland warf der Ukraine im Zusammenhang mit den Angriffen Terrorismus vor und berief den Nationalen Sicherheitsrat zu einer Sondersitzung ein. Parallel gaben russische Vertreter eine Reihe von Erklärungen ab, die auf eine Verhärtung der Moskauer Linie hindeuten. So sagte der Sprecher des Präsidialamtes, Dmitri Peskow, Verhandlungen mit der Ukraine seien derzeit »zwecklos«, und sie könnten erst beginnen, wenn die Ziele der »Spezialoperation« erreicht seien.

Parallel dazu dementierte Außenamtssprecherin Maria Sacharowa Äußerungen der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) über eine angeblich bevorstehende Einigung zur Demilitarisierung des Atomkraftwerks Saporischschja. Davon könne keine Rede sein, so Sacharowa am Dienstag bei ihrem täglichen Presseauftritt. Russland sei die einzige Partei, die in der Lage sei, die Sicherheit des AKW zu gewährleisten. Zuvor hatte IAEA-Chef Rafael Grossi erklärt, Russland und die Ukraine seien sich prinzipiell einig geworden, Angriffe auf das Kraftwerk und von seinem Gelände aus künftig zu unterlassen.

Unterdessen gab auch US-Außenminister Antony Blinken eine Erklärung zu den Kriegszielen aus US-Sicht ab. Er sagte auf einer Veranstaltung der Zeitung Wall Street Journal, die USA seien bestrebt, die Ukraine mit dem auszustatten, was sie brauche, um sich die seit dem 24. Februar verlorenen Gebiete zurückzuholen. Das bedeutet implizit, dass es den USA nicht um die Rückeroberung der Krim oder des gesamten Donbass geht. Zu den ukrainischen Absichtserklärungen, die Krim wiederzuholen, äußerte sich Blinken nicht.

Auf der militärischen Ebene beschoss die ukrainische Armee wie bereits in den vergangenen Tagen erneut das Stadtzentrum von Donezk. Nach Angaben der dortigen Behörden wurden am Dienstag sechs Zivilisten getötet. Die russischen Angriffe im Raum der Stadt Bachmut kommen offenbar langsam voran: Der ukrainische Generalstab berichtete am Montag abend, russische Truppen versuchten, die nach Westen und Nordwesten aus der Stadt führenden Straßen unter Kontrolle zu bekommen. Zuvor war immer nur von Kämpfen im Osten und Süden von Bachmut die Rede gewesen. In der Ukraine halten die Probleme mit der Stromversorgung in Teilen des Landes an. Betroffen sind etwa 1,5 Millionen Menschen.

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart ( 7. Dezember 2022 um 11:07 Uhr)
    Russische Schwächen! Die Angriffe testen die Schwäche der russischen Flugabwehr aus. Schon lange her, dass der Hobbypilot Mathias Rust mit einem Cessna 172 P auf der Moskwa-Brücke unweit des Roten Platzes in Moskau gelandet ist, um die Abwehrschwäche der Sowjetunion nachzuweisen. Noch nie ist es der ukrainischen Luftwaffe gelungen, so weit entfernte Militärstützpunkte im russischen Hinterland zu treffen. Eine Wunderwaffe stellen diese Drohnen jedoch nicht dar. Aber selbst eine Beschädigung zweier strategischer Bomber bedeutet einen Erfolg für die Ukrainer. Es ist aber eine Blamage für die russische Flugabwehr, die offensichtlich nicht in der Lage ist, selbst strategische Luftwaffenbasen genügend zu schützen – nicht einmal vor selbstgebastelter, veralteter Kriegstechnologie. Russlands getroffene strategische Bomber sind auch für den Einsatz von Atomwaffen ausgelegt, dementsprechend verfügt der Stützpunkt über ein Lager für nukleare Sprengköpfe! Was wäre, wenn die Drohnen das nukleare Sprenglager getroffen hätten? War vielleicht der Auftrag, dieses zu treffen? Was wird die russische Antwort? Die Weltgemeinschaft wäre gut beraten, den Krieg durch Diplomatie zu beenden, eher wir in den Abgrund stürzen.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Erich Rainer K. aus Potsdam ( 7. Dezember 2022 um 09:37 Uhr)
    Dass diese Handlungen eine dunkelrote Linie überschreiten, ist den Faschisten in Kiew schon klar. Selbst ihr oberster Heerführer, der in Washington sitzt, hat das Selenskij-Regime vor Angriffen auf das Territorium Russlands gewarnt. Aber die außer Rand und Band geratenen, offenbar nur noch schwer oder gar nicht zu kontrollierenden Verbrecher in Kiew schlagen die Warnungen in den Wind und nötigen Russland dazu, noch härtere Maßnahmen zum Schutz seines Territoriums zu ergreifen. Dies kann nur bedeuten, dass man zu Waffensystemen und Taktiken greift, die man bisher nicht zum Einsatz gebracht hat.
    • Leserbrief von Ingo S. aus Cottbus ( 7. Dezember 2022 um 12:59 Uhr)
      Man könnte glatt glauben, die Ukraine hätte heimtückisch Russland überfallen, wenn man Ihren hasserfüllten Tiraden folgen würde. Fakt ist aber nun mal zuallererst, es sind in Kiew keine faschistischen Verbrecher an der Macht, sondern eine demokratisch gewählte Regierung, die ihr Land gegen einen brutalen Aggressor verteidigt. Seit Wochen zerstört die russische Armee gezielt die Infrastruktur der Ukraine, was angesichts des bevorstehenden Winters meines Erachtens durchaus als Kriegsverbrechen an der ukrainischen Zivilbevölkerung eingestuft werden kann. Weil die russische Armee aus Gründen militärisch nicht siegen kann, zerstört sie systematisch und mit voller Absicht das Nachbarland. Nun hat die ukrainische Armee mehrere militärische Ziele in Russland angegriffen, der Schaden ist durchaus überschaubar, und Sie fantasieren am liebsten einen Atomschlag auf Kiew herbei. Aber das ist ja scheinbar durchaus auf Linie mit der »jungen Welt«, da wird ja immer so getan, als ob Russland kein Wässerchen trüben könnte. Hier gilt Kritik an Russland oder gar der Sowjetunion immer noch als Blasphemie.
      • Leserbrief von Wolfgang Schmetterer aus Graz ( 8. Dezember 2022 um 15:10 Uhr)
        Selbstverständlich sind in Kiew faschistische Verbrecher (streng genommen ist das ein Pleonasmus) an der Macht. Den »Diener des Volkes« kann man ohne Weiteres als »Diener des Faschismus« bezeichnen. Handlungen, Aussagen und Beschlüsse der vergangenen Jahre sind klar faschistischer Natur. Ich empfehle in diesem Zusammenhang die hervorragenden Beiträge von Susanne Witt-Stahl (u. a. veröffentlicht in der jW) und ihren aktuellen Vortrag »Geschichte, aktuelle Stärke und Einfluss der Faschisten in der Ukraine« – nachzusehen und nachzuhören unter: https://www.unsere-zeit.de/die-faschisierung-der-ukraine-4774844
  • Leserbrief von Fred Buttkewitz aus Ulan - Ude, Russland ( 7. Dezember 2022 um 02:59 Uhr)
    »Auf der militärischen Ebene beschoss die ukrainische Armee wie bereits in den vergangenen Tagen erneut das Stadtzentrum von Donezk.« Reinhard Lauterbach folgt hier der ukrainischen Propaganda, da der Beschuss von Donezk keinerlei militärische Bedeutung hat. Da gibt es keine militärische Ebene. Wenn man das trotzdem suggeriert, dann erhöht dies im Westen das Verständnis für Terrorhandlungen der Ukraine. Es handelt sich auch nicht um Kollateralschäden, wo ein Beschuss militärische Bedeutung hat, dabei leider auch Zivilisten leiden. Nein, die Ukraine verübt in Donezk mit dem Beschuss der Zivilbevölkerung seit 2014 täglich von Anfang an geplante Terrorakte und Kriegsverbrechen. Hier in Russland wird jeden Tag im Fernsehen gezeigt, was genau mit welcher Waffenart dort getroffen wurde, einschließlich Interviews der am Leben gebliebenen umliegenden Bewohnner. Im Stadtzentrum von Donezk befinden sich keinerlei militärische Einrichtungen. Auch Regierungsgebäude werden selten getroffen. Es sind in der Regel normale Wohnhäuser, Einkaufszentren, kleine Werkstätten, zum Beispiel der Laden einer Schneiderin, auch Schulen. In letzter Zeit wird mehr Munition aus Sowjetzeit verwendet, die wahllos irgend etwas trifft. Die Bewohner von Donezk betrachten es als sinnloses »Um-sich-Schlagen«. So will die Ukraine den Donbass »befreien« – von seinen Bewohnern. Erinnert sei auch daran, dass mehrfach international geächtete Antipersonenminen über dem gesamten Stadtzentrum abgeworfen wurden, Minen, die als Baumblätter getarnt sind. Die Bevölkerung von Donezk kann keinen Schritt tun, ohne auf den Boden zu schauen. Einige der Dinger liegen noch auf den Dächern rum und kommen dann im Frühjahr, versteckt im Schnee, mit runter.

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