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Aus: Ausgabe vom 06.12.2022, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Arbeitsmarktstatistik

Es geht um günstige Fachkräfte

Bundesregierung sorgt sich um Arbeitskräftemangel von morgen. Der aktuelle ist hausgemacht
Von Susanne Knütter
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Im April hat sich der Interessenverband der Bauunternehmen einer Weiterführung des Branchenmindestlohnes verweigert. Damit ist im Baugewerbe einem Lohndumping Tür und Tor geöffnet (Hamburg, 18.11.2022)

Ein Mangel an Arbeitskräften bedeutet im Kapitalismus im großen und ganzen, dass auf eine freie Stelle nicht 100 Bewerber kommen, sondern nur 50. So waren im November 823.000 Stellen bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldet. 15.000 mehr als vor einem Jahr. Demgegenüber standen 695.000 Personen, die im November Arbeitslosengeld bezogen, und 3.804.000, die die Bundesagentur für Arbeit als »erwerbsfähige Leistungsberechtigte in der Grundsicherung für Arbeitssuchende (SGB II)« angibt – also Menschen in Hartz-IV-Bezug. Etwa jeder fünfte davon ist zugleich erwerbstätig.

Die Bundesregierung verdränge völlig, »dass es immer noch sehr viele Erwerbslose gibt und sich immer noch viel zu viele Menschen in unfreiwilliger Teilzeit und prekären Beschäftigungen finden«, erklärte Jessica Tatti (Die Linke) aus Anlass der Arbeitsmarktstatistik und der aktuellen Fachkräftedebatte am 30. November. Von knapp 46 Millionen Erwerbstätigen (Stand Oktober) waren mehr als sieben Millionen Personen (Stand September) geringfügig beschäftigt – einerseits ausschließlich, andererseits zusätzlich im Nebenjob. Dabei ging der Zuwachs von 157.000 gegenüber dem Vorjahresmonat vor allem auf einen Anstieg bei Nebenjobs zurück. Statt hier zu handeln, komme die Bundesregierung mit »immer neuen Ankündigungen um die Ecke, wie sie die Nachfrage nach neuen Arbeitskräften bedienen kann«. Die Debatte versteife sich aber darauf, »wie den Unternehmen möglichst billig und unkompliziert ausgebildete Fachkräfte aus dem Ausland zugeführt werden können«, so die arbeitsmarkt- und sozialpolitische Sprecherin ihrer Fraktion im Bundestag.

Aber die Bundesregierung hat natürlich vorausschauend das große Ganze im Blick. In ihrer Fachkräftestrategie von Oktober vergleicht sie »alle Arbeitsplätze, die voraussichtlich bis 2026 erstmalig oder neu zu besetzen sind mit allen Arbeitskräften, die voraussichtlich dem Arbeitsmarkt neu zutreten oder den Arbeitsplatz wechseln«. Und kommt zu dem Ergebnis, »dass etwa 240.000 Arbeitsplätze mehr neu zu besetzen sind, als Arbeitskräfte verfügbar sein werden«. Die Bundesregierung stellte die Prognosen in direkten Zusammenhang mit den Entwicklungen in Folge von Strukturwandel, Dekarbonisierung und Digitalisierung. Der aktuelle Fachkräftemangel kann damit nicht erklärt werden.

Denn, auch das macht die Fachkräftestrategie der Bundesregierung deutlich, bundesweite Engpässe für Fachkräfte gibt es derzeit vor allem in Berufen des Handwerks, in Bauberufen, in Pflegeberufen, in weiteren Gesundheitsberufen, in Verkaufsberufen sowie bei Berufskraftfahrerinnen und -fahrern im Güterverkehr. Branchen, in denen entweder zu wenig ausgebildet wird, die Arbeitsbedingungen schlecht und das Lohnniveau niedrig sind, oder wo Personal aus Kostengründen abgebaut wurde. Die Bundesregierung räumt selbst ein, dass in strukturschwachen oder ländlichen Regionen, insbesondere in Ostdeutschland, »aufgrund der jahrzehntelangen Abwanderung die Neuzugänge auf dem Arbeitsmarkt deutlich niedriger sind«. Das werde dadurch verstärkt, dass »in den ostdeutschen Ländern weniger Betriebe junge Menschen ausbilden«.

Was das genau heißt, zeigen Daten des 16. Ausbildungsreportes, den die DGB-Jugend Berlin–Brandenburg am 29. November veröffentlichte. Demnach ist zwischen den Jahren 2000 und 2021 die Anzahl neuer Ausbildungsverhältnisse in Berlin um mehr als 37 Prozent und in Brandenburg gar um fast 50 Prozent zurückgegangen. Gleichzeitig sei der Fachkräftebedarf nach wie vor enorm. »Der Wirtschaft gelingt es schlichtweg nicht, die reale Fachkräftenachfrage zu bedienen«, erklärte dazu die stellvertretende Vorsitzende des DGB Berlin–Brandenburg, Nele Techen.

Aufgrund des niedrigen Ausbildungsplatzangebotes seien viele Azubis froh, überhaupt einen Ausbildungsplatz zu haben. Folglich nähmen sie es eher in Kauf, um ihre Rechte geprellt zu werden, sagte Jim Frindert, Bezirksjugendsekretär des DGB Berlin–Brandenburg. Jeder dritte Azubi macht regelmäßig Überstunden, nur jeder Vierte bleibt von Tätigkeiten verschont, die nicht dem Ausbildungszweck dienen und lediglich drei von vier Auszubildenden kennen ihren betrieblichen Ausbildungsplan.

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