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Aus: Ausgabe vom 05.12.2022, Seite 15 / Politisches Buch
Linke Debatte

Widerspruch verschwunden

Verhältnis von Ausbeutung und politischer Herrschaft verkehrt: Nancy Fraser modernisiert Intersektionalitäts- zur Kapitalismustheorie
Von Christian Stache
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Konsum und Klassengesellschaft, hier in der Kölner Innenstadt

Es hatte sich schon bei den zuvor publizierten Aufsätzen und Vorträgen abgezeichnet, die in diesem Buch zu Kapiteln verarbeitet wurden, dass die US-Professorin für Philosophie und Politikwissenschaften eine neue große Erzählung vorbereitete. Mit »Cannibal Capitalism« legt Nancy Fraser nun ihre neue, »strukturell« und »historisch« angelegte Kapitalismustheorie vor. Mit ihr beansprucht sie nichts Geringeres, als die gegenwärtige Entwicklungsphase und »allgemeine Krise« auf den Begriff zu bringen, um damit »die Beziehungen der verschiedenen Kämpfe unserer Zeit« zueinander zu klären und deren »fortgeschrittenste Elemente in einem antisystemischen Block« zusammenzuführen.

Frasers Update kritischer Gesellschaftstheorie ist das Buch zum neuen Katechismus der herrschaftskritischen Bewegungslinken im Westen, ihre Abhandlung sicher die elaborierteste intersektionale Kapitalismustheorie, die es bis dato gibt. Dazu trägt auch die Darbietung der keineswegs trivialen Argumentation in einer Allgemeinverständlichkeit bei, die an Lenin erinnert. Aber der entscheidende Grund ist Frasers maßgeblicher theoretischer Schachzug, den sie im ersten von sechs Kapiteln darlegt. Dieser besteht darin, den Kapitalismus als »eine institutionalisierte Sozialordnung« zu konzipieren. Mit diesem Begriff bezeichnet sie ihre »Revision« der marxschen Theorie, derzufolge der Kapitalismus ein Set unterschiedlicher, miteinander in Wechselwirkung stehender und gleichrangiger Felder mit jeweils spezifischen »Sozialontologien« ist.

Die kapitalistische Ökonomie ist eines dieser Felder. Aber gegen Marx behauptet die Autorin, dass dessen »verborgene Stätte der Produktion« auf vier »nichtökonomischen Hintergrundbedingungen« basiere, die die Ausbeutung in der Ökonomie erst ermöglichten und – »das echte Geheimnis der Akkumulation« – diese immer um Überausbeutung und Enteignung ergänzten. Zu diesen Voraussetzungen der Kapitalakkumulation zählt Fraser die soziale Reproduktion, die Ökologie, das politische Gemeinwesen und die »Enteignung« rassistisch abgewerteter Lohnabhängiger in den Zentren und in der Peripherie des kapitalistischen Weltsystems.

Die »institutionalisierte Trennung« zwischen diesen, nach eigenen »normativen Grammatiken« funktionierenden »Zonen« und der auf Anhäufung von Kapital ausgerichteten Ökonomie sowie das dialektische Zusammenwirken beider Bereiche seien »konstitutiv für den Kapitalismus«. Generell kannibalisiere die kapitalistische Wirtschaft ihr Außen, so dass mit systemischer Notwendigkeit vier weitere, dem Kapitalismus inhärente »Widersprüche« entstünden, die zwangsläufig periodisch in Krisen mündeten. Die konkrete Ausgestaltung der Beziehung zwischen bürgerlicher Ökonomie und ihren Vorfeldern obliege sogenannten Grenzkämpfen an den jeweiligen Berührungslinien.

Im Anschluss entwickelt Fraser in den folgenden vier Kapiteln die ihrer Meinung nach »strukturellen« Grenzbeziehungen zwischen der kapitalistischen Wirtschaft auf der einen und der sozialen Reproduktion, der Natur, der Politik und der Extraaneignung fremder Arbeit durch Rassismus auf der anderen Seite. Ergänzt werden diese Ausführungen jeweils um ihr »historisches« Argument. Denn alle Zonen der Sozialordnung existierten immer nur als geschichtlich besondere »Akkumulationsregime«, in denen die fünf Konstituenzien des Kapitalismus vorübergehend eine stabile Einheit bilden.

Die vier Phasen kapitalistischer Entwicklung sind laut Fraser der »Handelskapitalismus« (16. bis 18. Jahrhundert), der »liberal-koloniale Kapitalismus« (19. Jahrhundert), der »staatlich verwaltete Monopolkapitalismus« (Mitte des 20. Jahrhundert) und der heutige »finanzialisierte Kapitalismus«. Die Übergänge zwischen diesen markierten »allgemeine« beziehungsweise »epochale Krisen« der Sozialordnung, in denen die fünf möglichen Teilbereichskrisen zusammenfallen. Es ist unschwer zu erraten, dass Fraser die gegenwärtige Krise ebenfalls als eine solche deutet, die fortschrittlich nur durch einen analog zum Kapitalismus »erweiterten Sozialismus« gelöst werden kann, der im abschließenden Kapitel kurz umrissen wird.

Fraser formuliert das zentrale Problem zeitgenössischer Gesellschaftskritik; und die zu formulieren, führt kein Weg an der Auseinandersetzung mit ihr vorbei. Aber mit ihrer Erklärung für das Zusammenwirken verschiedener Formen der Ausbeutung und Herrschaft ebnet sie die Sonderstellung des Kapitalverhältnisses in der bürgerlichen Gesellschaftsformation – der eigentliche Begriff, dessen Platz Frasers »institutionalisierte Sozialordnung« beansprucht – ein und verkehrt das Verhältnis von ökonomischer Ausbeutung und politischer Herrschaft. Entsprechend verschwindet bei ihr der Klassenwiderspruch als übergreifender, und die Historie des Kapitalismus wird wieder als politische Geschichte erzählt. Zudem wird die an Karl Polanyi anschließende Idee, die Beziehungen der Klassen zur Natur, sozialen Reproduktion und so weiter als eine »der Ökonomie« zu ihrem Außen zu konzipieren, diesen nicht gerecht.

Nancy Fraser: Cannibal Capitalism. How Our System Is Devouring Democracy, Care, and the Planet – and What We Can Do About It. Verso, London 2022, 208 Seiten, 14,99 Pfund

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