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Aus: Ausgabe vom 05.12.2022, Seite 11 / Feuilleton
Kulturpolitik

Weiße Elefanten

Während die Kulturstadt Frankfurt am Main schleichend an Bedeutung verliert, wird über viele Probleme öffentlich nicht gesprochen
Von Claus-Jürgen Göpfert
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Wie ein Elefant im Raum: Eine kulturpolitische Debatte findet nicht statt

Es gab glückliche Zeiten für Frankfurt. Etwa als in den sechziger Jahren die kritischen Philosophen der Frankfurter Schule weltweit Debatten prägten. Oder als in den siebziger Jahren von Frankfurt aus die »Suhrkamp-Kultur« für ganz Deutschland ausgerufen wurde. Oder 1979, als das Buch »Kultur für alle« von Hilmar Hoffmann (SPD) erschien. Darin forderte der damalige Kulturdezernent einen Zugang zu kulturellen Einrichtungen auch für arme und unterprivilegierte Menschen.

Diese Zeiten sind vorbei. Der schleichende Bedeutungsverlust für die Kulturstadt Frankfurt ist offensichtlich. Weiße Elefanten stehen im Raum. Jeder sieht, niemand spricht über sie. Eine kulturpolitische Debatte findet nicht statt, während kaum noch weiter reichende intellektuelle Impulse von der Stadt ausgehen.

Beschädigte Messe

Der Suhrkamp-Verlag verließ bereits 2009 Frankfurt, er ging nach Berlin. Gerade hat der letzte große Frankfurter Verlag, S. Fischer, angekündigt, wichtige Teile nach Berlin zu verlegen. In Frankfurt werden dann nur noch kleine Verlage zurückbleiben, in denen ein paar Menschen noch literarisch anspruchsvolle Programme verwirklichen. Man kann hier etwa Schöffling (mit zehn Beschäftigten) oder die Frankfurter Verlagsanstalt (mit dreien) nennen. Für eine Buch- und Verlagsstadt zu wenig.

Das Umfeld für die Buchproduktion bröckelt. Auf 750.000 Einwohner kommt eine Handvoll nennenswerter Buchhandlungen und Antiquariate. Die Frankfurter Buchmesse, weiterhin wichtigster Treff für Medienschaffende, ist eine der wenigen internationalen Kulturmarken, über die Frankfurt noch verfügt. Auch sie scheint angeschlagen. Was gewiss mit den Folgen der Coronapandemie zu tun hat. Die beschleunigte die Digitalisierung und beschädigte damit die Messe.

Die Marke geriet aber auch durch mutwilliges Fehlverhalten von Kulturmanagern wie dem Buchmessenchef Juergen Boos oder durch übereifrige Kommunalpolitiker ins Gerede. Erwogen wurde, die Buchmesse mit der wirtschaftlich schlingernden Musikmesse zusammenzulegen. Diese Verwässerung des Profils ist mittlerweile vom Tisch. Dringend scheint geboten, eine Diskussion über die kommenden Jahrzehnte zu führen. Die Digitalisierung schreitet fort und nagt an analogen Formaten. Wie kann eine Buchmesse sich dagegen behaupten? Ein solche Debatte aber findet nicht statt.

Auch über andere weiße Elefanten wird nicht gesprochen. Die im Frankfurter Römer regierende Koalition aus Grünen, SPD, FDP und der neoliberalen Volt-Fraktion hat dem städtischen Kulturhaushalt von 2023 an einen strikten Sparkurs verordnet. Die »pauschale Konsolidierung« soll im nächsten Jahr bei 21 Millionen Euro liegen, das sind neun Prozent des bisherigen Haushalts, in den beiden Jahren darauf jeweils 22 Millionen Euro.

Undichte Dächer

Jeder über Kultur Informierte in der Stadt weiß, dass das nicht funktionieren kann. Die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) hat jetzt immerhin angekündigt, dass sie die Vorgaben nicht umsetzen wird. In einem Gespräch mit mir im »Club Voltaire« sagte sie vor Publikum, die Umsetzung der Sparvorgaben würde das Aus für die freie Frankfurter Kulturszene mit ihren vielen kleinen Einrichtungen und Museen bedeuten. Dankenswert offene Worte, Unterstützung für Hartwig aus der Kulturpolitik gab es allerdings nicht. Auf der Agenda der Dezernentin stehen große Projekte wie ein Kinder- und Jugendtheater (geschätzte Kosten: 50 Millionen Euro). In der städtischen Investitionsplanung bis 2025 ist dafür kein Geld vorgesehen.

Gleiches gilt für den größten der weißen Elefanten: Die Zukunft der Städtischen Bühnen. Oper und Schauspiel am Willy-Brandt-Platz stehen seit 1963 und verfallen heute: undichte Dächer, Wasserleitungen brechen, Stromausfälle. Die Arbeitsbedingungen der insgesamt 1.200 Beschäftigten sind abenteuerlich, man sitzt zum Teil in Räumen ohne Tageslicht. Ein von der Stadt in Auftrag gegebenes Gutachten bezifferte die Kosten für Neubau oder Sanierung auf knapp 900 Millionen Euro. Das Stadtparlament entschied sich für einen Neubau, seitdem geschah nichts mehr.

Die Koalition brachte bisher nicht die Kraft auf, sich auf einen Standort für den Neubau zu verständigen. Hartwig kündigte im »Club Voltaire« an, 2023 werde das geschehen. Ist eine solche Investition aber verantwortbar in einer Zeit, da viele Menschen nicht einmal wissen, wie sie Miete, Heizung und Strom bezahlen sollen? Gäbe es keine preiswerteren Alternativen? Und wäre ein Neubau ökologisch sinnvoll? Darüber muss dringend gesprochen werden, doch das geschieht nicht. Die Kulturdezernentin will zu Recht den Bund und das Land Hessen für eine Beteiligung an der Entwicklung der Bühnen gewinnen, doch von Gesprächen darüber ist nichts zu hören.

Die stark steigenden Energiekosten und die hohe Inflationsrate bringen freie Initiativen ebenso wie die großen Häuser in Not. Allein das Konzerthaus Alte Oper sieht sich mit Mehrkosten in siebenstelliger Höhe konfrontiert. Eine öffentliche Diskussion darüber gibt es nicht. Als Kulturdezernentin Hartwig zur Vorstellung einer städtischen Planung einlud, kamen mehr als 250 besorgte Akteure aus der Kulturszene. Jan Deck, Sprecher der Freien Theater, forderte unter großem Applaus zehn Millionen Euro mehr von der Stadt für die freien Institutionen.

Keine Zeit

Am 5. März wird in Frankfurt ein neues Stadtoberhaupt direkt gewählt. Es gibt drei chancenreiche Bewerbungen: Uwe Becker (CDU), früherer Stadtkämmerer, Mike Josef (SPD), Planungsdezernent, und Manuela Rottmann (Grüne), die ehemalige Frankfurter Umweltdezernentin. In der öffentlichen Präsentation der drei findet die Kulturstadt Frankfurt bisher keine Erwähnung.

Es gäbe viele Anlässe für eine kulturpolitische Debatte. Ein Ort dafür war früher zumindest ansatzweise der Kulturausschuss des Frankfurter Stadtparlaments. Doch seit der Kommunalwahl 2021 gibt es nur noch einen Ausschuss für Kultur, Wissenschaft und Sport. Entsprechend geringer ist die Zeit, die für Probleme der Kultur bleibt. Das passt ins Bild.

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