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Aus: Ausgabe vom 05.12.2022, Seite 10 / Feuilleton

Grüne Wege

Von Erwin Riess
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Mal was Sinnvolles: Grünes Plakat (Wien, 29.9.1919)

Verehrter Dozent, bester Freund!

Du hältst an der Columbia University eine Vorlesung über Österreich nach 1945 und begehrst von mir Auskunft über die Geschichte der Grünen, die ich aus der Nähe, du aber nur aus der Ferne deiner großbürgerlichen Herkunft nahe dem Schloss Schönbrunn mitbekommen hast. Außerdem warst du in den Jahren des grünen Aufstiegs in eine polnische Kriminalsoziologin verliebt und verbrachtest mehr Zeit zwischen Danzig und Krakow als in Österreich. Ich beeile mich daher, dir in aller Kürze ein paar Eckdaten zur Geschichte der Grünen über das große Wasser zu schicken.

Politische Beobachter fragen sich seit einiger Zeit, was mit den österreichischen Grünen los ist. Ihre vier Minister melden sich selten zu Wort, finden sich allzu leicht mit dem Abschmettern ökologischer Hauptforderungen durch den Koalitionspartner ÖVP ab und erweisen sich auch bei früher »grünen« Themen wie Asylpolitik, Minderheitenschutz, Behindertenpolitik und Frauenpolitik als Lame Ducks. Du siehst, ich passe mich deiner amerikanischen Sprachumgebung an.

Nicht nur lässt diese Arbeitsauffassung der Grünen zu wünschen übrig, ihre politische Zurückhaltung ist gar nicht nobel, sie stammt aus dem politischen Supermarktregal mit der Aufschrift »faul & feig«. Augenscheinlich genießen sie die Annehmlichkeiten des so viele Jahre herbeigesehnten Regierungsdaseins.

Man wolle gestalten, das Land nach vorn bringen und was der hohlen Phrasen mehr sind. Der Subtext ist aber nicht zu überhören, er lautet: Wir wollen an den Futtertrögen bleiben.

So weit, so vertraut von anderen Parteien. Wer sich aber nun verwundert oder empört über die angebliche Wandlung der Partei zeigt, dem sei ein Blick auf die klassenmäßige Herkunft der Grünen und ihr kulturelles Umfeld empfohlen. Unter ihrer Basis und den Gründungspersonen befanden sich auffallend viele Kinder aus dem Großbürgertum, die teils linken Splittergruppen anhingen, wenige SPÖ-Dissidenten, aber auch rechte Esoteriker, was einige Kommentatoren zu der Einschätzung veranlasste, die Grünen seien die bessere ÖVP-Jugend.

Sie formierten sich seit den 70er Jahren, den Zeiten des Protestes gegen den Bau des AKW Zwentendorf im Westen von Wien und sieben Jahre später bei der Verhinderung des Donaukraftwerks Hainburg östlich der Stadt durch die Besetzung der Au. 1986 gelang mit einer Namensliste der Einzug ins Parlament, Jahre der Flügelkämpfe und persönlicher Querelen waren die Folge. 2017 schafften die Grünen die Fünfprozenthürde nicht und flogen aus dem Parlament. Aber schon zwei Jahre später kehrten sie mit 14 Prozent und 26 Sitzen zurück. 2016 gelang dann der größte Erfolg der grünen Partei durch die Wahl ihres langjährigen Frontmannes, des Volkswirtschaftlers van der Bellen, gegen den Kandidaten der FPÖ. Die Grünen waren an der Spitze des Staates angekommen.

Günter Kerbler, ein Grüner der ersten Stunde, besitzt über tausend Zinshäuser in Wien und anderen Städten Zentraleuropas, er ist ein Fürst der Gentrifizierung. Pius Strobl ist Zampano im ORF und Medienkonzernen, er sorgt dafür, dass die Mitleidsorgie »Licht ins Dunkel« nach fünfzig Jahren immer mehr totalitäre Züge auf Kosten behinderter Menschen annimmt. Christoph Chorherr, Planungsstadtrat der Wiener Grünen, nahm von den Oligarchen Benko, Tojner, Soravia, Kerbler, Hemetsberger und anderen Spenden und sorgte dafür, dass im Gegenzug Bauwidmungen günstig ausfielen. Mit den Spenden finanzierte er was? Eine Schule für behinderte Kinder in Südafrika.

Die Grünen waren und sind im bürgerlichen Lager verankert. Sie machen es ihren Eltern nach und zeigen dabei alle Tugenden der Klasse. Sie sind nicht skrupellos oder geldgierig, sie heucheln nicht soziales Mitgefühl, sie nutzen öffentliche Funktionen nicht zum eigenen Vorteil, profilieren sich nicht auf Kosten sozial benachteiligter und diskriminierter Gruppen, lassen sich nicht von Glückspielkonzernen kaufen wie Eva Glawischnig, Grünen-Vorsitzende von 2008 bis 2017, sie sind nicht hochmütig oder futterneidisch, intrigieren nicht einmal in Notfällen, sammeln nicht Posten um Posten und hohe Einkommen aus politischer Tätigkeit. Sie hinterziehen keine Steuern und sind in keiner Weise korrupt. Mit einem Wort: Die führenden Grünen sind vorbildliche Bürger.

Verehrter Dozent, ich hoffe, dir gedient zu haben. Beste Grüße von der Donau an den Hudson!

Dein Groll

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