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Aus: Ausgabe vom 05.12.2022, Seite 1 / Titel
Wirtschaftskrieg

Spiel auf volles Risiko

Preisgrenze von 60 US-Dollar je Barrel für russisches Erdöl tritt in Kraft. »OPEC plus« steuert gegen
Von Knut Mellenthin
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Waghalsiges Deckeln: Die zum Erdölunternehmen Rosneft gehörende Raffinerie in Nowokuibyschewsk, Russland (24.2.2022)

Rien ne va plus. Die Kugel rollt. Von diesem Montag an wollen die EU-Länder kein russisches Erdöl auf dem Seeweg mehr einführen. Für Schiffstransporte aus Russland in andere Länder wollen die Europäische Union, die USA, Großbritannien, Kanada, Japan und Australien ebenfalls ab Montag einen Höchstpreis von 60 US-Dollar – rund 57 Euro – pro Barrel durchsetzen.

Welche Auswirkungen diese Maßnahmen oder Absichten auf die Energiepreise und auf die Versorgung haben werden, kann in diesem Moment niemand zuverlässig voraussagen. Es ist, praktisch betrachtet, ein Spiel mit sehr hohem Risiko. Außerdem hat Bundeskanzler Olaf Scholz den Verbündeten schon vor Monaten versprochen, dass Deutschland spätestens zum Jahresanfang vollständig auf russisches Erdöl verzichten wird. Wie es dann mit der Raffinerie in Schwedt weitergehen soll, von der die Versorgung Brandenburgs, Berlins und Mecklenburg-Vorpommerns abhängt, ist immer noch nicht sichergestellt. Vielleicht hat Deutschland nicht »die dümmste Regierung Europas«, wie Oskar Lafontaine vermutet, gewiss aber die tollkühnste.

Die Festlegung der Preisgrenze für russisches Erdöl auf 60 US-Dollar war in der EU lange umstritten und konnte erst am Freitag vereinbart werden. Einige osteuropäische Länder, darunter als wichtigstes Polen hätten sich die Marke viel niedriger, angeblich sogar bei nur 30 US-Dollar pro Barrel, gewünscht. Da würden die herrschenden Politiker der Ukraine sie immer noch gern sehen. Sonst werde es mit der »Zerstörung der russischen Wirtschaft« nicht schnell genug gehen, klagte der Bürochef von Präsident Wolodimir Selenskij, Andrij Jermak, am Sonnabend.

Zum besseren Verständnis des nun vereinbarten »Preisdeckels«: Die international wichtigste Orientierungsmarke Brent Crude lag am Freitag zum Börsenschluss bei etwa 85,60 US-Dollar pro Barrel. Der durchschnittliche Preis, zu dem Russland gegenwärtig sein Erdöl an Großkunden in China und der Türkei verkauft, soll nach unterschiedlichen Vermutungen zwischen 65 und 69 US-Dollar pro Barrel liegen.

Der Hebel zur Durchsetzung der Preisgrenze soll das Verbot für alle westlichen Reedereien, Schiffsversicherer, Banken und andere Dienstleister sein, am Transport von russischem Erdöl mitzuwirken, das für mehr als 60 US-Dollar pro Barrel verkauft wird. Mehrere Hindernisse stehen dem Plan im Wege: Die betreffenden Unternehmen können die Einhaltung dieser Bestimmung schwerlich kontrollieren, das Risiko der drohenden Geldstrafen wird vielen zu hoch erscheinen. Russland hat in großem Stil ältere Tanker gekauft und wird auch auf dem Sektor der Schiffsversicherungen aktiv. Und schließlich hat die russische Regierung angekündigt, niemand mit Erdöl zu beliefern, der sich an dem vom Westen verordneten »Preisdeckel« beteiligt.

Die Wahrscheinlichkeit, dass das vor allem von der deutschen Regierung vorangetriebene waghalsige Spiel der EU und ihrer Verbündeten schiefgeht, wird zudem durch die Förderstrategie der Arbeitsgemeinschaft von 23 erdölproduzierenden Ländern, »OPEC plus«, gesteigert. Sie streben einen Preis an, der dauerhaft über 90 US-Dollar pro Barrel liegt. Deshalb haben sie am Sonntag beschlossen, auch im Januar – wie schon im November und Dezember – an der Senkung ihrer gemeinsamen Fördermenge um zwei Millionen Barrel pro Tag, rund zwei Prozent des Weltverbrauchs, festzuhalten.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ulf G. aus Hannover ( 6. Dezember 2022 um 12:19 Uhr)
    Die seit Jahrzehnten – spätestens seit dem Angriff auf das mit Russland verbündete Serbien 1999 – betriebene westliche Konfrontationspolitik gegenüber Russland geht erneut mit der jedem Fanatismus eigenen großen Rücksichtslosigkeit vor. Wenn der Westen russisches Öl vom Markt verdrängt, dann werden die Ölpreise in die Höhe gehen. Die reichen Staaten werden den armen einfach das Öl wegkaufen. Bereits jetzt gibt es Unruhen in ärmeren Staaten wie Ecuador, Ghana oder Nepal wegen unbezahlbarer Benzinpreise (jW vom 23.11.2022). Das scheint niemanden im Westen zu stören. Arme Menschen zählen im Westen nichts; über deren Leiden will man offenbar bedenkenlos hinwegstiefeln für das hehre Ziel, Russland endlich zu ruinieren. Wo man mit der Ukraine einen Dummen für diesen Job gefunden hat, muss alles andere zurückstehen. Menschenrechte der Armen werden da vollkommen zweitrangig. Traurig, was der »Wertewesten« da mal wieder abliefert.
  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin ( 5. Dezember 2022 um 16:27 Uhr)
    Ich würde das Verhalten der derzeitigen deutschen Regierung nicht »tollkühn«, sondern rücksichtslos und verbrecherisch gegenüber dem eigenen Volk nennen.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Gottfried W. aus Berlin ( 5. Dezember 2022 um 08:31 Uhr)
    Der Preisdeckel ist wirklich hübsch. Weiß nicht, wo die heutzutage Entscheidenden sich die Anregungen holen. Ein/eine Junkie bezahlt den Preis und geht dafür im Zweifel anschaffen. Das werden die Annalena und der Robert und der Olaf bereits erfahren haben, gehe davon aus, dass die das implementiert haben bis auf Olaf. Aber noch mal zum Preis. Mit dem arabischen Frühling hatten wir Preise für Brent von etwa dem doppelten des jetzt gewünschten und hatten damit einen marktgetriebenen Drive Richtung Erneuerbare Energien. Dass die Westkapitalisten da mit militärischen Mitteln dran schrauben wollen, verheißt nichts Gutes. Für den Westkapitalismus.
  • Leserbrief von Ullrich-Kurt Pfannschmidt ( 5. Dezember 2022 um 08:03 Uhr)
    Man mag zu Erdölimporten aus Russland, Katar oder woher auch immer, stehen. Das viel wichtigere Gegenargument zu Importen von fossilen Energieträgern jeder Art bleibt leider auch in diesem Artikel unerwähnt: die Klimakrise, die seit diesem Jahr Ansätze zur Klimakatastrophe zeigt. Solange es Kräfte gibt, die davor die Augen verschließen und darauf hinwirken, dass die Nutzung fossiler Energieträger weitergeht wie zuvor, solange fehlt die Motivation, den Umstieg auf erneuerbare Energien mit voller Kraft fortzuführen!
    • Leserbrief von Hans Glück ( 7. Dezember 2022 um 10:01 Uhr)
      Warum verbinden wir Erdöl immer nur mit dem Begriff Energieträger und bedingungsloser CO2-Emission? Aus den fossilen Rohstoffen Öl und Gas werden sehr viele Einsatzstoffe gewonnen, die für die chemische und Halbleiterindustrie extrem wichtig sind, so z. B. Edelgase wie Helium für die Halbleiterindustrie. Alle Kunststoffe, auch in unseren schicken E-Autos, haben Erdöl als Basis; Kerzen, mit denen wir ganz patriotisch Strom sparen wollen, bestehen aus Erdöl. Also … es ist etwas kurz gesprungen zu glauben, der Verzicht auf fossile Brennstoffe sei die Lösung aller Umweltprobleme. Es sind nun mal auch fossile Rohstoffe. Sicher gibt es auch das eine oder andere Kinderbuch, das solche Zusammenhänge vermittelt, Herr H aus L ;-).
  • Leserbrief von Armin Christ aus Löwenberger Land ( 5. Dezember 2022 um 07:58 Uhr)
    Ich dachte ja immer, dass der »Wertewesten« für den freien Welthandel sei. Angebot und Nachfrage und das ganze kapitalistische Geschwätz.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Erich Rainer K. aus Potsdam ( 5. Dezember 2022 um 06:25 Uhr)
    Dumm oder tollkühn? Ist ja im Grunde nicht unbedingt ein Widerspruch. Denn wer glaubt, Russland, verkaufe sein Öl unter Marktpreis, ist dumm. Und wer dennoch aus ideologischen Gründen und um den Faschisten in Kiew sowie seinen Geistesbrüdern in Polen und im Baltikum die kaputten Seelchen zu streicheln dennoch einen Preisdeckel einzieht, ist tollkühn. Fazit: sowohl, als auch.

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