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Aus: Ausgabe vom 03.12.2022, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Exklusiver Westen

Der Anspruch, echtes Christentum, Demokratie und Zivilisation zu verkörpern, ist jahrhundertealte US-Tradition. Eine Analyse von
Von Domenico Losurdo
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Gestus der Überlegenheit: Hernando de Soto »entdeckt« den Mississippi (Darstellung von 1896)

Voll und ganz zum Westen gehört, einem bedeutenden liberalen französischen Historiker (Edgar Quinet, 1803–1875) zufolge, Russland, das mit England und Frankreich einer der »Heiligen drei Könige« sei, die dazu berufen sind, das Licht der Zivilisation und des Christentums in den zu kolonialisierenden Orient zu bringen. Einige Jahrzehnte später betont Theodore Roosevelt (1858–1919, 1901–1909 US-Präsident, jW), dass die Expansion Russlands in Asien einen großen Beitrag zur Verbreitung der Zivilisation und der Errichtung des »Reichs des Friedens und der Ordnung« leiste, das endlich an die Stelle der »Regierung einer barbarischen und blutrünstigen Gewalt« trete. Nach der Oktoberrevolution ändert sich das Bild radikal: Russland – erklärt (Oswald) Spengler (1880–1936, konservativer Geschichtsphilosoph, jW) – habe die »weiße« Maske abgelegt, um »wieder eine asiatische ›mongolische‹ Großmacht« zu werden, beseelt von »brennendem Hass gegen Europa« und, wie seine Appelle an die Erhebung der Kolonialvölker und -länder bewiesen, nunmehr integraler Bestandteil der »gesamten farbigen Bevölkerung der Erde«, die es »im Gedanken des gemeinsamen Widerstandes durchdrang«, um gegen die »weiße Menschheit« zu kämpfen.
Spengler wacht über das Schicksal des Westens von Deutschland aus, das diesbezüglich allerdings das Land ist, das die außergewöhnlichsten Wechselfälle erlebt. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg war es wesentlicher Bestandteil des exklusivsten Westens, der die angelsächsischen oder germanischen oder teutonischen Völker vereinte, die Völker, die – aus Deutschland stammend – zunächst den Ärmelkanal und später den Atlantik überquert haben und die das echte Christentum (den Protestantismus), die Repräsentativregierung, die geordnete Entwicklung und Zivilisation verkörperten. Mit dem Ersten Weltkrieg wurden die Deutschen zu Hunnen, zum Land, von dem die wiederholten barbarischen Invasionen ihren Ausgang nahmen. Aber nach dem Ende des Krieges und nach dem Ausbruch der Oktoberrevolution ändert sich das Bild erneut auf radikale Weise. Vielsagend ist im Jahre 1919 die Intervention eines Schülers von (Benedetto) Croce (1866–1952, italienischer Philosoph und Politiker, jW) und (Giovanni) Gentile (1875–1944, Philosoph, Anhänger des Faschismus, jW): Nachdem er den Bolschewismus und auch die deutsche Spartakusbewegung als eigentlich slawisches politisches Phänomen aus dem Westen ausgeschlossen hatte, fährt (Guido) De Ruggiero (1888–1948, italienischer Historiker und Politiker, jW) – um ihn handelt es sich – so fort: »Gegen die slawische Anarchie ist Deutschland das stärkste Bollwerk der europäischen Kultur gewesen und wird es noch sein.« (…)
Die Neigung, den Ausschluss aus dem authentischen Westen mit dem Ausschluss aus der weißen Rasse zusammenfallen zu lassen, zeigt sich noch deutlicher in Nordamerika. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts zweifelt (Benjamin) Franklin (1706–1790, Verleger und US-Politiker, jW) nicht daran, dass der »Hauptkern des weißen Volkes«, des »reinen weißen Volkes«, nur die Engländer beiderseits des Atlantik seien, während ein guter Teil des kontinentalen Europas »vage dunkelfarbig« sei.
Von der nordamerikanischen Revolution an tendiert die Verurteilung des Despotismus und der politischen und moralischen Korruption dazu, Europa insgesamt aus dem heiligen Raum der Zivilisation und aus dem authentischen Westen auszuschließen. (…) Der Anspruch, den authentischen Westen zu repräsentieren, (ist) Ausdruck einer in der US-amerikanischen politischen Tradition verwurzelten Geschichtsphilosophie. (…)
Versuchen wir, die Geschichte kurz zusammenzufassen, die den Hintergrund des heutigen Selbstbewusstseins des Westens bildet. Ungefähr vom 17. Jahrhundert an werden die Christen zu den Weißen, und diese beginnen ihrerseits zwei Jahrhunderte später, den arischen Ursprungsmythos als Fundament ihres unwiderstehlichen Eroberungsmarsches zu propagieren. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts rühmt in den Vereinigten Staaten, wo das Regime der »White Supre­macy« (»weißen Überlegenheit«) gerade das Schicksal der Indianer und der Schwarzen besiegelte, ein außerordentlich erfolgreiches Buch die »Western Supremacy«, die sich dank des Triumphs der »arischen Rassen« auf internationaler Ebene durchsetzte. Die mit Blick auf die Indianer und die Afroamerikaner geforderte weiße Vorherrschaft wird jetzt tendenziell zur arischen und »westlichen Vorherrschaft«, zur Legitimation des Triumphes, den der Westen auf Weltebene zu erreichen im Begriff war. (…) Nach der tragischen Erfahrung der »Endlösung« und dem Zusammenbruch des »Dritten Reichs« vermeidet man es, sich bei der Verherrlichung des Westens auf die weiße und arische Rasse zu berufen.

Domenico Losurdo: Die Sprache des Imperiums. Ein historisch-philosophischer Leitfaden. Papyrossa-Verlag, Köln 2011, Seiten 288–299 (»Die Barbaren als Terroristen«).

Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung zum Abdruck.

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