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Aus: Ausgabe vom 03.12.2022, Seite 11 / Feuilleton
Fußball-WM

Nichts für Genießer

Tut in der Seele weh: Die Achtelfinals im Prophetendiskurs
Von Gabriele Damtew und Ken Merten und André Dahlmeyer und René Hamann
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Ihm steht sogar orange: Virgil van Dijk

Sonnabend, 16 Uhr, Niederlande – USA

Die Oranje kommt aus einem Landstrich, den es topographisch gesehen gar nicht geben dürfte. Dort unter dem Meeresspiegel weiß man, System und Struktur sind überlebenswichtig, das gilt auch für den Fußball. Bislang bot die Elftal nur streng calvinistische Kost, asketisch und mit viel Arbeitseifer. Nichts für Genießer. Einziger Lichtblick im Team, obwohl nicht in Bestform, ist Virgil van Dijk, noch immer eine Augenweide, ihm steht sogar Orange. Ein Wort, auf das sich allerdings schwer ein Reim finden lässt. Daher kein Gedicht an dieser Stelle.

Das USMNT machte dagegen Laune und könnte sich deshalb zur großen Spaßbremse der unterirdischen Europäer mausern. Anders als den Katarern gelang den Nobodies aus dem zweitmächtigsten Staat der Welt, durch die kluge Einbürgerungspolitik des Expräsidenten eine schlagkräftige multikulturelle ­Truppe aufzustellen, die auf Beschluss der FIFAFüM statt des weltmeisterlichen Frauenteams auflaufen darf.

Gabriele Damtew

Niederlande – USA 3:2 (nach verlängerter Verlängerung)

*

Die Stimmen nach dem Spiel:

»Eigentlich wollte ich den Ramin ja nur nach Abpfiff trösten, als wir gegen sie gewonnen haben. Aber er lässt einfach seit Dienstag nicht mehr los. Schon süß, aber spiel mal mit einem Iraner an der Brust erfolgreich ein Achtelfinale!« (Antonee Robinson)

»Spätestens im Finale ist Schluss. So will es das Gesetz.« (Bert van Marwijk)

»Also ich war schon eher für die Niederlande, um ganz ehrlich zu sein.« (Gefangener in Guantanamo)

»Vorne ungefährlich? Nach der Beckenprellung beim 1:0-Siegtreffer gegen Iran habe ich meinem Patienten geraten, den Strafraum nicht mehr zu betreten. Sich in Katar kastrieren zu lassen, lehnt er entschieden ab.« (Christian Pulisic’ Urologe)

»Übrigens: Wussten Sie, dass, wenn man nach dem Pinkeln auf die Stelle zwischen Hoden und Anus drückt, dann kommt der letzte Tropfen aus der Harnröhre und geht nicht in die Hose. Gern geschehen!« (ders.)

»Die glücklichsten Menschen der Welt haben noch nie von mir gehört.« (Richard David Precht)

Ken Merten

Niederlande – USA 2:0

*

Sonnabend, 20 Uhr, Argentinien – Australien

Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Anstatt Danish Dynamite kommen nun die Socceroos, wer hätte das gedacht. Dabei hätte Argentinien gegen Dänemark Revanche nehmen können für die 0:2-Finalniederlage im King-Fahd-Cup-Finale von 1995, dem Vorläufer des auch schon wieder eingemotteten Confederations Cup. Mit Australien verbandelt Argentinien vor allem die legendären Play-offs für die WM 1994 in den Staaten. Als amtierender Vizeweltmeister und Amerikameister hatten die Gauchos im Monumental von River Plate gegen das Kolumbien von »El pibe« Valderrama sensationell 0:5 auf die Nüsse gekriegt und mussten nachsitzen, was Albiceleste-Coach Alfio Basile dazu nötigte, einen gewissen Diego Maradona zu reaktivieren. Dessen Comeback wurde jedoch rasch von der CIA beendet.

André Dahlmeyer

Argentinien – Australien 2:1

*

Also, jetzt geht es langsam um die Wurst. Zur Primetime am Samstag abend im Stadion Ahmed Bin Ali darf Leo Messi noch ein bisschen weiter an seinem Mythos stricken, denn dort warten elf wackere Australier aus Asien. Also aus dem asiatischen Verband, dem sich demnächst auch Italien und Österreich anschließen wollen, weil da gibt es einfach die höheren Chancen, sich fürs nächste Turnier zu qualifizieren. Ist ja tatsächlich die Frage, warum Ozeanien immer noch keinen festen WM-Platz bekommt, obwohl das nächste Turnier sogar 48 Nationen zulassen wird. Verstehe einer die FIFA. Ich jedenfalls nicht. Ich verstehe nur, dass ich mich hier gegen meine eigene Vorrundengruppe entscheiden muss. Aus Fantum und Respekt. Man hat schon im Spiel gegen die Polen gesehen, dass Messi und Mannschaft allmählich in Tritt kommen; und irgendwann klappen auch die Läufe und Pässe und Elfmeter des Flohs. Es ist alles nur eine Frage der Zeit. So auch die Abreise der Aussis. So weit haben sie es ja nicht. In Asien sind sie ja schließlich schon, irgendwie.

René Hamann

Argentinien – Australien 3:0

*

Sonntag, 16 Uhr, Frankreich – Polen

Ich kann mir nicht helfen, aber ich finde Robert Lewandowski doof. Einer der größten Unsympathen des Fußballbetriebs. Dabei macht er gar nichts Doofes. Also, außer vielleicht, damals vom BVB statt zu Real zu den Bayern zu wechseln, um für Rasierer, Haarwaschmittel und Fluglinien aus dem Land der Hölle Werbung zu machen. Und dann seinen neoliberalen Egofußball in den Dienst der unsympathischsten Mannschaft Deutschlands zu stellen. Um anschließend, als Ewigkeitsrekorde entweder gebrochen oder in Reichweite schienen, zum abgehalfterten FC Barcelona zu wechseln. Lewi bei Barça, das tut einem in der Seele weh, ganz ehrlich. Das ist wie Miro Klose bei Lautern (okay, kam aus der Gegend) oder bei Werder oder auch bei den Bayern oder bei Lazio. Obwohl, nicht ganz: Denn Miro Klose war ein Sympath, der grundsätzlich beim falschen Verein spielte. Während Lewi, nun ja. Siehe oben. Einfach doof, der Typ. Was habe ich in den letzten Minuten gezittert, dass Argentinien noch ein Tor schoss oder Mexiko! So ist es am Weltmeister, die Polen endlich aus dem Turnier zu kicken. Sollte kein Problem darstellen. Denn außer Lewandowski und dem Torwart kann da keiner was.

René Hamann

Frankreich – Polen 4:0

*

Erstmals seit 1986 haben die Bialo-Czerwoni die Achtelfinals erreicht. Endstation war dort das beste Brasilien aller Zeiten, gecoacht von Fußballgott Telê Santana (0:4). Die Polen sind überhaupt nur in Katar, weil Russland verbrecherischerweise disqualifiziert wurde. Genauso spielen sie auch: inexistent, ohne Rückgrat. Die Neunerkette gegen Argentinien war eine Beleidigung für jeden Fußballgourmet. Lech Walesa mochte ich nie, Johannes Paul II. war ein Schwurbler vor dem Herrn und Graue-Wölfe-Versteher. Das einzige, was mich mit Polen verbindet, ist somit Marek Hlasko, einer meiner All-time-Favourites unter den Schriftstellern. Einen polnischen Antonin Artaud oder André Breton kenne ich aber nicht, auch keinen Louis-Ferdinand Céline oder Boris Vian in den Farben Rot-Weiss Essens. Okay, Kulturbanause, man kann nicht alles haben. Dafür haben die Polen einen Czeslaw Michniewicz auf der Bank. Er soll exzellente Kontakte in die Warschauer Unterwelt haben.

André Dahlmeyer

Frankreich – Polen 1:0

*

Sonntag, 20 Uhr, England – Senegal

DDR, 1962: Die Komiker Horst Feuerstein und Eberhard Cohrs stehen auf der Bühne. Letzterer stellt eine Umdichtung von Johann Wolfgang von Goethes Ballade »Erlkönig« (1782) vor. Feuerstein ist fundamental dagegen, er verteidigt das Original. Einig sind sich die beiden nur darin, dass die Adaption als »Erlgenossenschaftsbauer« abzulehnen sei. Cohrs aber will den Vater samt krankem Kind auf dem Arm mit einem Moped motorisieren. Feuerstein lehnt ab und macht sich dadurch schuldig; denn Cohrs will das Gedicht komisch schließen, mit »Erreicht den Hof mit Mühe und Not; / Und siehe da, der Gaul war tot.« Doch Feuerstein besteht auf der Goetheschen Katastrophe als Zwangsläufigkeit: »In seinen Armen das Kind war tot.« Cohrs ist außer sich. »Da hast ja du schuld«, schreit er Feuerstein an, »du hast ja das Kind umgebracht!«, und: »Du hast ja alles versaut! Hättstn doch mitm Moped fahrn lassn, du bleedr Heini!«

Will sagen: England fehlt gegen Senegal die nötige Simson.

Ken Merten

England – Senegal 1:2

*

Frühere englische Teams hätten mit Sicherheit vom katarischen Alkoholverbot profitieren können. Das heutige besteht (bis auf drei Ausnahmen) aus sauberen Jungs, die ihre Kohle mehr auf den Heiligen Spirit denn auf Spirituosen setzen, öffentliche Kniefälle inbegriffen. Irgendwas stimmt nicht mit dieser Generation. Die drei traditionalistischen Löwen wurden jedoch des öfteren am Hafen herumlungernd gesehen, wo ihre englischen Rosen ein ankerndes Kreuzfahrtschiff gekapert haben, all inclusive. Coach South­gate lässt die Three Lions nun von der Leibgarde des Emirs überwachen. Zudem vertraut er voll auf seinen Wüstensturm, der den Gegnern insgesamt neun Tore einschenkte.

Bei den Champions Afrikas liest sich die Liste ihrer Vereine wie ein Suchrätsel: Wer spielt nicht bei einem der europäischen Topklubs? Trifft ein Lion de la Teranga im Eins-zu-Eins auf einen der Löwen mit Fettleber und Raucherlunge wäre was möglich. Also kontern, bis der Arzt kommt, Commandente de bord Koulibaly! Fly better!

Gabriele Damtew

England – Senegal 3:1

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