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Aus: Ausgabe vom 02.12.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Arbeitskampf

»Verarmung nicht hinnehmen«

Hunderttausende Beschäftigte unterschiedlicher Branchen legen in Großbritannien Arbeit nieder. Militär soll Streikende ersetzen
Von Dieter Reinisch, Belfast
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Kampf gegen Prekarisierung: Streikposten der Postgewerkschaft CWU am Mittwoch in London

Die Arbeitskämpfe im Vereinigten Königreich nehmen weiter Fahrt auf. Bis Weihnachten wird es kaum einen Tag geben, an dem sich nicht mehrere Branchen im Streik befinden. Den Auftakt machten diese Wochen die Postangestellten der Royal Mail und das wissenschaftliche Personal an den Universitäten. Das Militär soll nun sogar streikende Bedienstete im öffentlichen Dienst ersetzen.

Am Mittwoch war einer der bisher größten Streiktage, als Hunderttausende Beschäftigte unterschiedlicher Branchen die Arbeit niederlegten. Bis Weihnachten wird sich die Situation verschärfen, denn immer mehr Branchengewerkschaften erhalten von ihren Mitgliedern Streikmandate. Zuletzt gab die Mehrheit von 150.000 Angestellten im öffentlichen Dienst der Gewerkschaft PCS die Streikfreigabe. Zu ihnen zählen die Angestellten aller Ministerien und des Parlaments in London.

Noch im Dezember wollen die Grenzbeamten streiken. Die genauen Streiktage hat PCS noch nicht bekanntgegeben. Laut einem Bericht des Guardian plant die Regierung 600 Soldaten während der Streiks einzusetzen, um die Grenzkontrollen an Flug- und Seehäfen zu gewährleisten.

Der größte Ausstand in dieser Woche fand am Mittwoch und Donnerstag bei der Royal Mail statt. Für 48 Stunden legten 115.000 Postangestellte die Arbeit nieder. In einer Presseaussendung schrieb der Generalsekretär der Postgewerkschaft CWU, Dave Ward: »Die Chefs von Royal Mail riskieren eine Weihnachtskrise, weil sie sich hartnäckig weigern, ihre Mitarbeiter mit Respekt zu behandeln.« Die Postangestellten wollten weiterhin für die Menschen in ihren Wohngegenden arbeiten, Weihnachtsgeschenke ausliefern und den Rückstand der vergangenen Wochen aufarbeiten.

»Aber jeder weiß, dass er etwas wert ist, und die Postangestellten werden die Prekarisierung ihrer Arbeitsplätze, die Zerstörung ihrer Lebensbedingungen und die Verarmung ihrer Familien nicht sanftmütig hinnehmen«, so Ward weiter.

Am Mittwoch streikten auch 70.000 wissenschaftliche Angestellte an 150 britischen Universitäten. Es war der dritte Streiktag der Universitätsgewerkschaft UCU innerhalb einer Woche.

Bei den aktuellen Streiks zeigt sich eine zunehmende Organisierung und Vernetzung über Teil- und Branchengewerkschaften hinaus. So sprach bei einer der größten UCU-Kundgebung auch der Generalsekretär der Eisenbahnergewerkschaft RMT, Michael »Mick« Lynch. Die RMT ist seit einem halben Jahr im Arbeitskampf und führte bereits mehrere Tage landesweite Streiks im gesamten Bahnnetz durch.

Auf die Fragen, weshalb er an den Universitätsprotesten teilnehme, sagte Lynch zu einem Reporter des Branchenmagazins Times Higher Education, dass es bei allen Auseinandersetzungen um Gehälter gehe und die Streikenden »Arbeitgeber gegenüberstehen, die versuchen, die Menschen ärmer zu machen – egal ob du ein Bildungsarbeiter, ein Eisenbahner oder ein Postbeamter bist«.

Nicht nur die Arbeitsniederlegungen bei der Royal Mail werden im Dezember weitergehen. Am 15. und 20. Dezember werden erstmals landesweit über 100.000 Krankenpfleger in den Streik treten. Auch die Fahrer von Ambulanzen haben am Dienstag angekündigt, noch im Dezember zu streiken.

Die Arbeiter mehrerer Bahngesellschaften haben ab dem 13. Dezember vier Streiktage angekündigt, und auch am 22., 23. und 31. Dezember wird es lokale Arbeitsniederlegungen geben. Vier weitere Aktionstage, von denen auch der Eurostar, der London mit Kontinentaleuropa verbindet, betroffen sein wird, sind für die erste Januarwoche geplant.

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