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Aus: Ausgabe vom 30.11.2022, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Ironie

Von Felix Bartels
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Meister der Ironie: Die Grünen (Plakat aus dem NRW-Wahlkampf, Düsseldorf, 12.5.2022)

Mein Sohn, mit seinen elf Jahren, hat eine lustige Angewohnheit. Wenn sich eine seiner Behauptungen als falsch herausstellt, sagt er gern: »Das war Ironie.« Der junge Mann hat begriffen, wie Ironie funktioniert. Aber der Reihe nach.

Ironie, griechisch eironeia, bedeutet: Verstellung, Spott. Bezeichnet also keine freundliche Haltung. Die lautliche Nähe zum griechischen Wort für Frieden, eirene, ist selbst ein Fall von Ironie. Des Weltgeistes nämlich.

Ironie lässt sich als Sprechmodus definieren, bei dem Gesagtes und Gemeintes auseinanderfallen: Es wird das Gegenteil dessen ausgesagt, was gesagt wurde. Das eigentlich Ge­meinte wird nicht gesagt. Dabei reicht es nicht hin, einfach das Gegenteil zu meinen. Es muss beim Zuhörenden ankommen. Ironie benötigt folglich Marker – sprachliche: Übertreibung, Wiederholung, widersinnige Vergleiche, spezifische Ausdrucksweisen, Attribute oder Satzstellungen; physische: Tonfall, Mimik, Gestik; situa­tive: konkreter Kontext des Gesprächs, allgemeiner der Gesellschaft.

Der Sprechende kann nur tun, was er kann. Er benötigt eine gewisse Fähigkeit auch beim Zuhörenden. Zur ironischen Haltung gehört, in Kauf zu nehmen, missverstanden zu werden. In sozialen Netzwerken liest man gelegentlich die Phrase »irony off«. Sie soll eine vorausgegangene Aussage als ironische kenntlich machen. In Wahrheit killt sie die Ironie. Nichts ist weniger ironisch als der Hinweis, dass es sich um Ironie handle. Der Marker »Ironie« ist kein Ironiemarker.

Bekannt ist Kierkegaards Behauptung, der Erfinder der Ironie sei Sokrates. Wie richtig das ist, sieht man schon daran, dass dieser Quälgeist selbst das Wort nie benutzt. Alkibiades äußert im »Symposion« ihm gegenüber den Wunsch, »endlich zu erfahren, woran ich bin«. Inwieweit die Neigung zur Ironie mit Sokrates’ Anspruch der Aufklärung vereinbar ist, lässt sich auf der dramatischen Ebene allein nicht lösen. Während Sokrates nicht davon ausgehen kann, das Opfer seiner Ironie durch Ironie zugänglicher gemacht zu haben, zieht der Autor (Platon) mit diesem Mittel den Leser auf seine Seite. Für ausgemacht kann gelten, dass hinter dem ironischen Manöver stets ein ernsthafter Zweck steht. Es geht um etwas.

Was passiert, wenn die ironische Dynamik vorwaltet, zum Selbst- und Lebenszweck wird, hat Hegel herausgestellt. Er kritisiert in seinen Vorlesungen zur Ästhetik das romantische, insbesondere durch die Brüder Schlegel bekannte Konzept der universellen Ironie, die das Negative zum Prinzip erhebt, um sich über Not und Notwendigkeit des Lebens zu erheben. Für Hegel liegt die Funktion der Kunst vielmehr darin, das Leben, seine Not und Notwendigkeit, idealtypisch aufzuheben.

Mit Blick auf unsere Zeit darf festgehalten werden, dass das romantische Modell sich durchgesetzt hat. Ironie ist vom punktuell eingesetzten Mittel zur Lebenshaltung geworden. Alles muss einen doppelten Boden haben, vielleicht gerade weil man fühlt, dass die Wahrheit allein nicht mehr reicht. Vielleicht, weil der Mensch der Moderne ahnt, dass alle grundsätzlichen Fragen bereits formuliert sind und jeder Einfall, den einer hat, gewiss schon einmal wem anders unterkam. Dieses Gefühl, dass nichts mehr wirklich neu ist, will kompensiert sein.

Jeder Film muss heute einen Twist servieren, weil die erprobten Plot­muster bekannt sind. Jeder Roman sich in intertextueller Anspielungs­fülle auflösen, weil der Autor fürchtet, allein nicht genug zu sagen zu haben. Jeder Text mit Ironie angereichert werden, damit, wo das Gemeinte nicht ausreicht, wenigstens der Widerspruch zwischen Gesagtem und Gemeintem etwas Spannung besorgt. Ironie verschafft dem Sprechenden die Möglichkeit, sich aus der Affäre zu ziehen. Es war ja nie so gemeint im Zweifel.

Man sieht: 2.500 Jahre nach Sokrates ist die Menschheit genau elf Jahre alt geworden.

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  • Leserbrief von gregorogin aus Halle ( 5. Dezember 2022 um 18:16 Uhr)
    Hebt nicht eine derart philologische Abhandlung das besagte sprachliche Mittel per se auf?

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