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Aus: Ausgabe vom 30.11.2022, Seite 11 / Feuilleton
Satire

»Jede Seite der Titanic soll anders riechen«

Über endgültige Satire und den richtigen Umgang mit Revolutionsrevolten unter weiblicher Führung. Gespräch mit Julia Mateus
Von Thomas Behlert
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»Zwischendurch darf es auch mal linker Muff sein« – Julia Mateus steuert seit Oktober die Titanic

Das endgültige Satiremagazin Titanic zeigt der Bundesrepublik, wie es mit Frau ans Steuer geht: Die Chefredakteurin heißt Julia Mateus, seit 2020 ist sie Titanic-Redakteurin. Mit der soeben erschienenen Nummer 12/22 leitet Mateus eine neue Ära ein. Oder so. Wir haben mit ihr gesprochen – und sind jetzt sehr viel schlauer.

Wie kam es zur Frauenrevolte? Sollte die Quote endlich auch bei Deutschlands wichtigster Satirezeitung eingeführt werden?

Wir haben sie schon eine ganze Weile, aber ich werde sie sukzessive erhöhen. In meiner Jugend in Niedersachsen war ich die erste Frau im Schützenverein und im Klub der Modelleisenbahner. Die Quote hat mir den Weg geebnet.

Elle, Glamour und all die anderen nichtsnutzigen Zeitschriften werden den Frauen ab jetzt aus der Hand geschlagen, die Titanic hineingedrückt?

Das erscheint mir etwas radikal, aber ich plane eine gemeinsame Mantelausgabe mit der Jolie. Um auch die männlichen Leser abzuholen, kooperieren wir außerdem mit Wild und Hund und erhöhen unsere Präsenz in Lesezirkeln.

Wie sollen Eulenspiegel und Nebelspalter – gibt es den überhaupt noch? – in die Knie gezwungen werden?

Der Stefan-Gärtner-Essay wird nur noch in einfacher Sprache erscheinen. Außerdem setze ich auf Regionalsatire in wechselnden Dialekten, Arztbewertungstabellen und ein Sonderheft zum Thema Schwangerschaft und Geburt.

Dürfen wir mit humorvollen Schminktipps rechnen, mit lustigen Modehinweisen, Cremeresten und Parfümproben im Innenteil oder doch eher mit fiesen politischen Meinungen?

Sowohl als auch. Jede Seite soll anders riechen. Mal nach Patschuli, mal nach »Frosch«-Reiniger, mal nach Ökoflohmarkt. Zwischendurch darf es auch mal linker Muff sein.

Chefredakteurin werden – wie lief das ab?

Es gab ein mehrstufiges anonymes Bewerbungsverfahren mit psychologischen Tests, Assessment-Center und Auswahlgesprächen. Ich konnte mich durchsetzen, weil ich sehr gut bin. Und weil ich den Humor der Herausgeber genau getroffen habe.

Ist mit englischen Verhältnissen zu rechnen?

Nein. Daher revoltiert man auch bereits gegen mich. Ich suche den Schulterschluss mit dem ehemaligen Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann. Bis dahin muss ich das Gleichgewicht des Schreckens durch kalkulierte Wutausbrüche ­aufrechterhalten.

Wird Die PARTEI auch weiterhin unterstützt, bzw. bleibt die Titanic Martin Sonneborns Sprachrohr?

Ich bin damals aus Karrieregründen in Die PARTEI eingetreten. Inzwischen brauche ich sie eigentlich nicht mehr, aber es bestehen noch Verbindungen.

Julia Mateus, Jg. 1984, ist seit Oktober die erste Chefredakteurin des endgültigen Satiremagazins Titanic. Sie tritt damit in eine Reihe so berüchtigter Chefcholeriker wie Martin Sonneborn, Tim Wolff und Moritz Hürtgen

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