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Aus: Ausgabe vom 30.11.2022, Seite 6 / Ausland
Ohne Spuren

Verschwunden, vermisst, verscharrt

Rios geheime Massengräber: Initiative entdeckt 77 Friedhöfe
Von Norbert Suchanek, Rio de Janeiro
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Wie vom Erdboden verschluckt: Vermisste Personen in Rio de Janeiro (7.8.2020)

Jährlich verschwinden in Brasilien und insbesondere im Bundesstaat Rio de Janeiro Tausende von Menschen spurlos. Obwohl viele von ihnen Opfer von Gewaltverbrechen wurden und ihre Körper irgendwo verscharrt sind, tauchen sie in den offiziellen Mordstatistiken nicht auf. Nun hat die Initiative Direito à Memória e Justiça Racial (IDMJR) allein in Rios dichtbesiedelter Vorortregion Baixada Fluminense insgesamt 77 geheime Friedhöfe ausfindig gemacht, auf denen Milizen, Killerkommandos, korrupte Polizisten und Drogenfraktionen Leichen verscharrt haben sollen. Darüber hinaus nutzten die Verbrechergruppen, so der jetzt veröffentlichte Bericht der Initiative, auch die Flüsse der Region wie den Rio Sarapuí, den Rio Botas und den Rio Guandu, der die Trinkwasserversorgung der Millionenmetropole speist, zur »Entsorgung« von Gefolterten und Ermordeten.

Die Enthauptung und Zerstückelung von Menschen in der Baixada Fluminense werde dabei gerade von paramilitärisch organisierten Milizen als Strategie zur Kontrolle ihrer Einflussgebiete eingesetzt. Sie stellten Teile der zerstückelten Körper im öffentlichen Raum zur Schau, um Angst zu verbreiten. Diese Art von Machtdemonstration werde vor allem in den ärmeren, überwiegend von Afrobrasilianern bewohnten Randgebieten praktiziert.

In den vergangenen zehn Jahren wurden im rund 17 Millionen Einwohner zählenden Bundesstaat Rio de Janeiro insgesamt 51.819 Menschen offiziell als vermisst erklärt, so die Zahlen des Instituts für öffentliche Sicherheit von Rio de Janeiro (ISP). Im Durchschnitt sind dies mehr als 5.000 verschwundene Personen pro Jahr oder 431 pro Monat. Viele Fälle bleiben unaufgeklärt. Allein zwischen Januar und April dieses Jahres gab es 1.777 Vermisstenanzeigen, fast 40 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres.

Die tatsächliche Zahl der verscharrten Menschen in Rio könnte noch viel höher liegen. So hatte zwischen 2019 und 2021 die Telefonhotline »Disque Denúncia«, bei der man anonym Verbrechen anzeigen kann, 320 Anzeigen über »heimliche Friedhöfe« im ganzen Bundesstaat erhalten.

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