3 Monate jW-digital für 18 Euro
Gegründet 1947 Sa. / So., 28. / 29. January 2023, Nr. 24
Die junge Welt wird von 2701 GenossInnen herausgegeben
3 Monate jW-digital für 18 Euro 3 Monate jW-digital für 18 Euro
3 Monate jW-digital für 18 Euro
Aus: Ausgabe vom 29.11.2022, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Gewerkschaftsarbeit

»Das scheint der Lieferdienst gezielt auszunutzen«

Rassismus als Geschäftsmodell: Kritik an Unternehmen Flink. Fahrer geht gegen Kündigung vor. Ein Gespräch mit Johannes Kristensen
Interview: David Maiwald
imago0130251999h.jpg
Lieferdienst-Fahrer in Stuttgart (17.8.2021)

Am Freitag wurde in einem ersten Termin Ihre Kündigungsschutzklage gegen den Lieferdienst Flink verhandelt. Worum ging es dabei, und was war das Ergebnis?

Wir haben gegen die fristlose Kündigung eines Kollegen geklagt, die kurz nach seinem Arbeitsunfall und ohne Begründung erfolgt war. Er war deutlich länger als ein Jahr bei Flink beschäftigt und in der Zwischenzeit unbefristet angestellt. Für eine fristlose Kündigung hätte es also einen triftigen Grund gebraucht.

Mit dem Ergebnis der Güteverhandlung am Freitag sind wir sehr zufrieden. Um eine zeitnahe Einigung zu erzielen, haben wir zugestimmt, über den Verlauf der Verhandlung und das konkrete Ergebnis Stillschweigen zu bewahren. Uns wundert es kaum, dass Flink möglichst wenig Einblicke in sein chaotisches Management gewähren möchte. Im nachhinein können wir jedoch sagen, dass sich der Aufwand gelohnt hat.

Wie ist der Lieferdienst mit dem betroffenen Kollegen umgegangen?

Der Kollege hatte schon seit längerem über schlechte Arbeitsbedingungen wie beispielsweise zu schwere Rucksäcke geklagt. Nach dem Unfall bemerkte er, dass er sich plötzlich nicht mehr in die Schichtplanungs-App einloggen konnte. Nachdem er sehr häufig und lange versucht hat, mit dem Unternehmen Kontakt aufzunehmen, gab es irgendwann eine schriftliche Kündigung. Flink versucht häufig, Leute möglichst schnell und einfach abzustoßen. In den wenigsten Fällen gehen die Betroffenen gegen solche Kündigungen vor.

Wie kann die FAU die Beschäftigten bei Flink unterstützen?

Wir informieren Beschäftigte über ihre Rechte und versuchen darüber hinaus, sie zu organisieren. Wegen der miserablen Arbeitsbedingungen sind wir schon seit mehreren Monaten bei dem Lieferdienst aktiv. Kündigungen »aus dem Nichts« sind bei Flink hier in Dresden zuletzt häufig vorgekommen. Der Lieferdienst scheint gezielt auszunutzen, dass die Mehrheit der Beschäftigten aus dem EU-Ausland kommt, sie ihre Rechte nicht kennen oder Angst davor haben, diese einzufordern. In dieser Branche sind die Folgen von Rassismus Bestandteil des Geschäftsmodells. Wenn wir uns wehren, ist die Chance höher, dass Flink damit nicht durchkommt.

Wie ist die Lage der Beschäftigtenvertretung bei dem Unternehmen?

Einen Betriebsrat gibt es nicht. Es gibt einzelne Beschäftigte, die sich bei der FAU organisieren. Im Frühjahr hat Flink nur sehr wenige Schichten verteilt. Die Fahrer standen vor existentiellen Problemen, da sie nicht mehr ihren vollen Lohn bekamen. Sie wussten nicht, dass sie ein Anrecht auf die vertraglich vereinbarte Stundenzahl haben. Auch ohne feste Struktur vor Ort konnten wir direkt helfen. Etwa mit dem Hinweis: »Ihr müsst den Paragraphen BGB 615 (Vergütung bei Annahmeverzug und bei Betriebsrisiko, jW) in eurer E-Mail erwähnen, dann bekommt ihr wieder volles Gehalt.«

Sind keine DGB-Gewerkschaften im Unternehmen präsent?

Ich weiß nicht, warum Verdi oder NGG nicht von sich aus versucht haben, das Feld zu betreten. Es ist bekannt, dass bei Lieferdiensten schlechte Arbeitsbedingungen herrschen. Sowohl die großen Gewerkschaften als auch die großen Parteien scheinen sich nicht so richtig zu interessieren, jedenfalls betreiben sie nicht viel Aufwand, um dort aktiv zu sein. Viele Beschäftigte arbeiten für eher kurze Zeiträume bei Flink, eine langfristige Organisierung ist dadurch schwierig. Trotzdem haben wir es geschafft, mit relativ geringen Ressourcen einen Unterschied zu machen.

Was kann die FAU als Basisgewerkschaft erreichen, was den DGB-Gewerkschaften vor Ort nicht gelingt?

Zunächst einmal die niedrigschwellige Ansprechbarkeit und kurzfristige Hilfe. Aktuell erscheint es uns naheliegend, die Öffentlichkeit auf das Thema aufmerksam zu machen – Flink ist ja sehr auf sein Image bedacht. Das sind Dinge, die die DGB-Gewerkschaften auch leisten könnten, nur haben sie offenbar andere Prioritäten. Auch die Politik könnte durch vermehrte Kontrollen etwas ändern, aber die Zustände werden offenbar weitgehend akzeptiert.

Johannes Kristensen hat bis vor kurzem als Kurierfahrer bei Flink gearbeitet und ist seit Frühjahr 2022 in der »Freien Arbeiter*innenunion« (FAU) in Dresden aktiv

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

Ähnliche:

  • Gedenkort für die Opfer des rassistisch motivierten Anschlags un...
    20.08.2020

    Angehörige machen Druck

    Sechs Monate nach rassistischen Morden in Hanau: Aufrufe zu Kundgebungen. Rücktritt des hessischen Innenministers gefordert
  • Gegen die AfD wird auch mal mit Parteien protestiert, an denen e...
    03.09.2018

    Vereint mit SPD und Grünen

    Festival und Konferenz gegen rechts in Frankfurt am Main. Kritik: Zwei beteiligte Parteien könnten am Antikriegstag »gegen sich selbst demonstrieren«

Mehr aus: Kapital & Arbeit

Startseite Probeabo