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Aus: Ausgabe vom 01.12.2022, Seite 12 / Thema
Wintersport im Osten

Panorama mit Denkmalschutz

Zu Besuch in Oberhof. Eine Reportage über die Wintersportstätten der DDR (Teil 2 und Schluss)
Von Gabriel Kuhn
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Wahrzeichen Oberhofs – das 1969 als Interhotel gegründete Hotel Panorama (Aufnahme von 2015)

Walter Ulbricht höchstpersönlich soll Oberhof zum Wintersportzentrum der DDR auserkoren haben. Ulbricht, aufgewachsen in Leipzig, galt als Natur- und Sportfreund. Als begeisterter Skiläufer verbrachte er Weihnachten in der Regel in Oberhof, hielt von hier aus gar Ansprachen ans Volk. Auf seine Weisung hin wurden das alpine Skigebiet ausgedehnt, größere Sprungschanzen errichtet und ein moderner Eiskanal gebaut. Es heißt, Ulbricht sei seinen Leibwächtern auf Skiern oft entkommen, um sich in den Hütten unter das Volk zu mischen.

Als Wintersportort entdeckt wurde Oberhof lange vor der DDR. 1905 gründete man den Oberhofer Wintersportverein, und bald kamen prominente Gäste in den knapp 800 Meter hoch gelegenen Ort im Thüringer Wald, darunter Filmstars wie Marlene Dietrich und Willy Birgel. Während des Zweiten Weltkriegs wurden in den Oberhofer Hotels Lazarette eingerichtet, Kriegsgefangene hatten Zwangsarbeit zu verrichten.

Wintersport für alle

Nach Gründung der DDR enteignete man die lokalen Hotelbesitzer, und Oberhof wurde zum Urlaubszentrum für skibegeisterte DDR-Bürger. Der Feriendienst des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) hatte mit der Behandlung der Anträge auf einen Oberhof-Urlaub alle Hände voll zu tun. Der Ort war populär, die Wartezeiten waren trotz der 4.500 Betten, die es bald gab, lang. Ins »Panorama«, so erzählen Einheimische, »kamst du ohne Beziehungen gar nicht rein«.

Das »Panorama«, das in futuristischem Design an zwei Sprungschanzen erinnert, wurde 1969 als Interhotel errichtet. 1992 stellte es das Land Thüringen unter Denkmalschutz und bewahrte es damit vor dem Abriss. Heute ist es im Besitz einer Ferienhotelgruppe mit Sitz in Berlin. Andere Massenunterkünfte, etwa das »Erholungsheim Fritz Weineck« mit 800 Betten, wurden nach der »Wende« dem Erdboden gleichgemacht. Viele zeigten sich nun empört über die »Zubetonierung der Berge« und wollten Oberhof seinen ursprünglichen Charme wiedergeben. Andere erinnerten sich an einen Ort, an dem alle Bürger des Landes, unabhängig von ihrem Einkommen, die Chance hatten, einen Winterurlaub mit modernen Annehmlichkeiten zu verbringen.

Seit den Umbauarbeiten der 1990er Jahre prägen wieder Hotels und Pensionen mit alpinem Flair das Oberhofer Zentrum, es gibt ein schickes Einkaufszentrum, eine »Irish Bar« darf auch nicht fehlen. Schon Mitte November ist die Weihnachtsbeleuchtung angebracht. In einer Nebenstraße fällt ein Café mit ausgefallenem Dekor auf, an der Tür ein Aufkleber: »Hab’ einem Hipster ins Bein geschossen – jetzt hopster.«

Viel los ist Mitte November noch nicht. Einen Tag vor meiner Anreise informiert mich die Pension, in der ich ein Zimmer gebucht habe, dass man mich in ein naheliegendes Hotel verlegt hat. Tatsächlich ist es in der Pension stockdunkel, als ich abends vorbeigehe. In meinem Hotelzimmer ist dafür die Heizung defekt, die Temperatur würde sich in jeder Sauna gut machen. Mir ein anderes Zimmer zu geben, hält die Dame an der Rezeption für zu kompliziert. Irgendwer schraubt am Thermostat herum, fünf Stunden später ist die Temperatur erträglich, immerhin rechtzeitig vor dem Einschlafen.

Wie das »Panorama«, so ist auch das Sportgymnasium vor Ort, eine der 43 »Eliteschulen des Sports« in Deutschland, architektonisch interessant. Leicht gebogen, schmiegt es sich an den Weg »Am Harzwald«, die auf der anderen Seite gelegene Tambacher Straße führt auf den Rennsteig, wo die Sportanlagen liegen.

Hier bin ich mit Steffen Pollack verabredet, der gerade von Trainer auf Lehrer umsattelt. Ich warte am falschen Ort, die Schüler, die vorbeikommen, grüßen freundlich. Pollack findet mich. »Wir haben hier den Durchblick!« Das gilt auch für meine Heimat Tirol, in der Pollack mit den Jungsportlern immer wieder Trainingswochen abhält. Es ist lange her, dass ich mich mit jemandem über St. Ulrich am Pillersee unterhalten konnte.

Optimale Voraussetzungen

Pollack selbst stammt aus der Nähe von Eisfeld, nahe der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Als talentierter Langläufer besuchte er selbst die Sportschule in Oberhof, die damals eine Kinder- und Jugendsportschule (KJS) war. Ursprünglich war die Schule in Zella-Mehlis angesiedelt und hatte in Oberhof nur eine Außenstelle für Rodler und Biathleten, doch 1980 verlegte man die gesamte Schule nach Oberhof, die Höhenlage schuf bessere Voraussetzungen für alle.

Pollack erinnert sich gerne an seine Jahre als Schüler zurück, in Geschichten über die Zwangsrekrutierung unglücklicher Sporttalente findet er sich nicht wieder. »Uns ging es gut. Wir wollten nichts anderes tun als Sport betreiben, und hier fanden wir dafür optimale Voraussetzungen.«

Heute besuchen etwa 200 Jugendliche die Schule, die in einem von fünf Schwerpunktbereichen arbeiten: Langlauf, nordische Kombination, Biath­lon, Skispringen, Kufensport (Bob, Rodeln, Skeleton). Dass es in Oberhof einen Fokus auf Biathlon und Rodeln gibt, versteht sich von selbst. Der Biathlonweltcup lockt jedes Jahr Tausende Besucher in die Arena am Rennsteig, und auch in der Eisarena Oberhof, der Rodelbahn, finden regelmäßig Weltcuprennen statt.

2023 wird es ein besonderes Double geben: Weltmeisterschaften im Rodeln und im Biathlon im selben Jahr. Sogar dem Spielzeughersteller Playmobil war das eine Sonderedition wert, ein Oberhof-Päckchen mit Biathlet, Rodlerin und dem WM-Maskottchen Flocke, zu erwerben für 7,99 Euro in der Tourismusinformation. Dort befindet sich auch eine Uhr, die den Countdown bis zur Eröffnung der Rodel-WM am 23. Januar anzeigt. Die Biathlon-WM beginnt am 8. Februar.

In der Tourismusinformation sind auch fein säuberlich die Trainingszeiten in den Sportanlagen aufgelistet. Das Zuschauen beim Training ist kostenlos, doch es gibt auch andere Angebote. Wer mit einem Bob den Eiskanal hinunterrauschen will, kann das für 99 Euro tun (»Ihr Pilot ist ein erfolgreicher Nachwuchsprofi, Weltmeister oder sogar Olympiasieger!«). Vergleichsweise günstig sind für 29 Euro 15 Schuss am Schießstand des Biathlonstadions.

Zu DDR-Zeiten war der Tourismus in Oberhof staatlich reguliert, man musste sich um Besucher keine Sorgen machen, nun muss man sich als Stadt verkaufen. Knut Korschewsky ist Fachsprecher für Sport und Tourismus der Fraktion der Linkspartei im Thüringer Landtag, wo ich ihn telefonisch erreiche. Er erklärt: »Die Menschen in Oberhof mussten sich erst daran gewöhnen, dass man Marketing für seine Stadt machen muss, dass man Qualität bringen muss, dass man nicht mehr zu Zeiten des FDGB lebt, in der Touristen einfach in die Stadt gespült wurden.«

Ich besuche die Sportstätten Oberhofs an einem verregneten Morgen. Am Tag zuvor hätte es wenig Sinn ergeben. Als ich in der Stadt ankam, war sie vom berüchtigten Oberhofer Nebel eingenommen, der schon zu manch denkwürdigem Biathlonwettbewerb geführt hat. Sowohl am Biathlonstadion als auch in der Eisarena wird gebuddelt, gebohrt und geschreinert. Für die Weltmeisterschaften muss alles auf dem neuesten Stand sein. Zwischen den beiden Wettkampfstätten liegt weniger als ein Kilometer, doch das 2009 eingeweihte neue Prunkstück des Wintersportzentrums Oberhof passt hinein. Noch ein futuristisch anmutender Bau, der von der Seite wie ein überdimensionierter weißer Klavierflügel aussieht, von oben wie ein Krake. Es handelt sich um die Skihalle, eine der modernsten Einrichtungen fürs Skisporttraining weltweit. Die Temperatur in der Halle liegt jahrein, jahraus bei minus vier Grad, der Schnee wird künstlich hergestellt, es gibt eine 1,8 Kilometer lange Loipe, dazu eine Schießhalle.

Training in der Halle

Ich komme außerhalb der offiziellen Besuchszeiten, habe aber Glück. Der Mitarbeiter einer österreichischen Schuhfirma sucht eine Athletin, die Probleme mit ihrer Ausrüstung angemeldet hat. Gemeinsam finden wir einen Nebeneingang, ein freundlicher junger Mann öffnet die Türe und lässt uns ohne Umschweife hinein. Als ich erkläre, dass ich an einer Reportage über das Wintersportzentrum Oberhof arbeite, öffnet er ein Zimmer, in der technische Informationen zur Halle einsehbar sind. »Hier kommen normale Besucher nicht hin.« Ich erhalte zudem eine Karte, mit der ich hinunter in die Halle kann. Dort trainiert gerade eine Gruppe des Skigymnasiums auf dem in die Loipe integrierten Hügel Abfahrten und Kurvenfahren. Eine US-amerikanische Nachwuchsläuferin dreht einsame Runden. Die aus den Boxen dröhnende Popmusik ist zum Wohle der Athleten hoffentlich nicht jahrein, jahraus im Einsatz.

Steffen Pollack erzählt, dass es ihn immer noch umhaut, wenn er die Skihalle betritt. Von einer solchen Anlage konnte er als Schüler nur träumen. Für die heutigen Nachwuchsathleten ist die Halle freilich Normalität, von Zeit zu Zeit brauchen sie daher einen Tapetenwechsel für ein bisschen Extra­motivation. Hier kommt St. Ulrich am Pillersee ins Spiel.

Die »Wende« bewältigte man in Oberhof relativ gut. Ein wichtiger Grund waren geistesgegenwärtige lokale Sportfunktionäre. Sie verstanden, dass der Spitzensport in Oberhof nur überleben kann, wenn rasch neue Strukturen geschaffen werden. Vertreter des Armeesportklubs und der für den Breitensport zuständigen Betriebssportgemeinschaft (BSG) »Einheit Oberhof« kamen Ende 1990 zusammen und gründeten den Wintersportverein (WSV) Oberhof 05 – die Jahreszahl ist eine Referenz an den ersten in Oberhof gegründeten Wintersportverein.

Auch die Thüringer Regierung war sich der Bedeutung des Wintersportzentrums Oberhof für das Land bewusst und griff denen, die sich vor Ort um seine Bewahrung bemühten, unter die Arme. Zudem übernahm die Bundeswehr die Kaserne am Rennsteig. Diese hatte dem Armeesportklub Oberhof ab 1961 als Basis gedient. Ulrich Frielinghaus, Präsidiumsmitglied des WSV Oberhof 05, langjähriger Rodeltrainer und heute im Verein Leiter der »Abteilung Kufe«, erklärt bei meinem Besuch im Vereinslokal: »Wir hatten Glück, dass wir einen Armeesportklub in Oberhof hatten, da Teile des Personals von der Bundeswehr übernommen wurden. In den Zivilsportklubs war nach der Wiedervereinigung sofort Schluss, dort wurden alle entlassen. Bei uns hatten die Trainer Arbeitsverträge, die noch ein Jahr gültig waren, und viele konnten wir zusätzlich verlängern. Wir hatten einen Trainerstab, der noch bis 1992/93 von der Bundeswehr finanziert wurde.«

Bei den Olympischen Spielen in Albertville 1992 und in Lillehammer 1994 räumten Athleten des WSV Oberhof 05 mächtig ab. Sie holten jeweils 13 Medaillen, was die öffentliche Unterstützung des Standorts sicherte. Frielinghaus erinnert sich: »Da marschierte die Landesregierung, damals die CDU, hier mit stolzer Brust auf.« Heute regiert in Thüringen die Linkspartei, der Wertschätzung Oberhofs tut das keinen Abbruch. Knut Korschewsky: »Oberhof ist für das Land Thüringen, was den Sport und den Tourismusbereich betrifft, ein großes Aushängeschild. Die Stadt hat Leuchtturmfunktion weit über das Land Thüringen hinaus.« Zur Verwaltung der Oberhofer Sportstätten gibt es mittlerweile den Zweckverband Thüringer Wintersportzentrum, in dem das Land Thüringen, der Landkreis Schmalkalden-Meiningen und die Stadt Oberhof zusammenarbeiten.

Ein Ereignis im Oktober 1993 schuf eine Herausforderung der besonderen Art. Das US-Rodel­team befand sich zum Training in Oberhof, einer der Athleten war der Afroamerikaner Robert Pipkins, im Jahr zuvor Juniorenweltmeister. Als er eines Abends mit seinen Teamkollegen eine Diskothek besucht, wird er von rechten Jugendlichen provoziert. Das US-Team will das Lokal verlassen, doch zwischen den Jugendlichen und Duncan Kennedy, der damaligen Nummer eins im US-Team, kommt es zu einem Handgemenge. Kennedy wird geschlagen und verletzt. Zwei Jugendliche aus Suhl, 16 und 21, werden später zu Gefängnisstrafen verurteilt.

Auch Rainer Partschefeld ist Präsidiumsmitglied beim WSV Oberhof 05 und bei meinem Besuch im Vereinslokal anwesend. Er meint, dass damals nur eines galt, nämlich der Welt zu zeigen, dass der Angriff auf die US-Rodler nicht für die Werte Oberhofs stehe. So organisierte der WSV Oberhof 05 bei den Olympischen Spielen 1994 in Lillehammer ein Zelt, für das die Bundeswehr eigens Bier und Bratwurst aus Thüringen einfliegen ließ. Partschefeld war einer derjenigen, die im Zelt am Grill standen und Bier zapften. »Nach den Wettkämpfen, egal welchen, kamen die Athleten immer zuerst zu uns. Dort war ständig der Teufel los.« Der gute internationale Ruf Oberhofs konnte bewahrt werden.

Echte und falsche Dopingopfer

Als ich auf das Thema Doping zu sprechen komme, entpuppt sich Frielinghaus als früherer Kollege Henner Miserskys. Misersky, in seiner Jugend Mittel- und Langstreckenläufer, arbeitete lange Jahre als Langlauftrainer an der KJS Oberhof. 1985 fiel er bei den DDR-Behörden in Ungnade, als er sich weigerte, den von ihm trainierten Langläuferinnen Hormone zu verabreichen. Seine Trainerlaufbahn war beendet. Heute jedoch kritisiert Misersky die Aufarbeitung der Dopingvergangenheit der DDR. In einem Interview, das Anfang Oktober in der jungen Welt erschien, spricht er von »ungenügenden Differenzierungen bei der Anerkennung von echten Dopingopfern und deren Ansprüchen auf Entschädigung« und wehrt sich dagegen, »alles zu delegitimieren, was den DDR-Sport betrifft«. Misersky, der sogar mit der ehemaligen Vorsitzenden des Dopingopferhilfevereins Ines Geipel in einen Rechtsstreit geriet, erklärt: »Es gab keinen staatlichen Zwang. Erziehungsberechtigte in der DDR mussten ihre Kinder nicht zwangsweise in die Trainingszentren oder auf eine Kinder- und Jugendsportschule schicken. Jeder konnte nein sagen. Jeder konnte genauso ablehnen, SED-Mitglied zu werden. Deswegen wurde niemand inhaftiert.«

An Misersky kommt man in Oberhof kaum vorbei, wenn man das Thema Doping anspricht. Er, so scheint es, setzt den Standard, den man sich bei der Aufarbeitung des Themas erwartet.

Viele Leistungssportler aus dem Amateurbereich kommen in Deutschland bei Bundeswehr, Polizei und Zoll unter. Das hat Tradition, war in der Bundesrepublik immer schon so. In Oberhof richtete die Bundeswehr nach der »Wende« an der Kaserne am Rennsteig eine »Sportfördergruppe« ein. Bundeswehr-Sportfördergruppen gibt es aufgrund eines Regierungsbeschlusses seit 1968. Heute sind es 15. Neben der Sportfördergruppe Oberhof hat der Wintersport Priorität in Bischofswiesen (Bayern), Todtnau (Baden-Württemberg) und Frankenberg (Sachsen).

Die Kaserne am Rennsteig schließt an die Oberhofer Sportstätten an, liegt direkt hinter dem Parkplatz für das Biathlonstadion. Sie ist eher unscheinbar, außer einem Balken bei der Einfahrt und ein paar Schildern weist nichts auf eine militärische Einrichtung hin. Oberstleutnant Michael Weckbach ist Leiter der Informationsarbeit beim Landeskommando Thüringen. Er kann mich am Tag meines Besuches in der Kaserne nicht in Empfang nehmen, da er auf einer Tagung weilt. Wir sprechen am Telefon. Weckbach betont die »enge Verzahnung zwischen der militärischen und der zivilen Sportförderung«, für die Oberhof ein Beispiel sei. Die Kaserne am Rennsteig dient heute als Wohnort für die Leistungssportler der Bundeswehr, wenn sie in Oberhof trainieren oder dort Wettkämpfe bestreiten. Außerdem beherbergt sie Werkstätten, in denen an Bobs und Rennschlitten, an Biathlonwaffen und Skiern getüftelt wird. Rund 15 Personen, militärisches wie ziviles Personal, halten den Betrieb das ganze Jahr über am Laufen. Wie zu DDR-Zeiten sind die Tätigkeiten der Kaserne ganz dem Sport gewidmet, daran hat sich nichts geändert. Es ist verständlich, dass man sich in Oberhof große Sorgen machte, als nach der Wende die Schließung der Kaserne diskutiert wurde. Partschefeld, der für die Freien Wähler Oberhof im Stadtrat sitzt, meint: »Wir mussten als Stadt sehr darum kämpfen, dass sie erhalten bleibt.«

Auch Steffen Pollack war »Soldat auf Zeit«, das Dienstverhältnis, in dem die meisten Leistungssportler bei der Bundeswehr stehen. Die Bedeutung der Bundeswehr, der Polizei und des Zolls für den Leistungssport erklärt sich daraus, dass sie für Sportler Dienstverhältnisse anbieten, die genügend Zeit zum Training lassen und Möglichkeiten für eine Berufsausbildung bieten. Letzteres ist nicht zuletzt dann von Bedeutung, wenn eine sportliche Laufbahn ein jähes Ende nimmt, sei es wegen einer Verletzung oder aus anderen Gründen. Oberstleutnant Weckbach klärt mich auf: »Wenn das der Fall ist, fallen diese Leute nicht in ein Loch. Es gibt einen Fürsorgeaspekt bei der Bundeswehr, die in solchen Fällen im Rahmen der berufsfördernden Maßnahmen Lehrgänge oder Ausbildungen mit Blick auf eine zivilberufliche Karriere ermöglichen. Da wird schon was getan, damit die Leute nicht mit nichts vom Hof gehen, das passiert nicht.«

Landessportverbände stellen eigene »Laufbahnberater« an, die jungen Talenten dabei helfen, die für ihre sportliche und berufliche Zukunft beste Einrichtung zu wählen. Eine der Laufbahnberater im Landessportbund Thüringen ist die Rodelolympiasiegerin von 1998, Silke Kraushaar. Auch sie wurde in der KJS Oberhof ausgebildet.

Ein zartes Pflänzchen

Von meinen Gesprächspartnern will ich gerne wissen, wie der Klimawandel in Oberhof diskutiert wird. In einer Stadt, die so sehr auf den Wintersport und den Tourismus angewiesen ist, muss das doch Thema sein. Steffen Pollack bestätigt dies ebenso wie die Präsidiumsmitglieder des WSV Oberhof 05. Doch allzu besorgt zeigt sich niemand. Rainer Partschefeld berichtet von Klima­neutralitätsplänen der Landesregierung, Ulrich Frielinghaus bringt kürzere Wettkampfsaisons ins Spiel, und Pollack verweist auf die im Wald angelegten Schneedepots und das günstige Mikroklima. Als Stadtrat beschäftigen Partsche­feld allerdings auch andere Fragen: »Was die Zukunft Oberhofs angeht, so darf man den Zusammenhalt zwischen Tourismus und Sport nicht vernachlässigen. Nur Sport wird nichts bringen, denn wenn wir hier Zuschauer haben wollen, wenn wir Trainingslager haben wollen, wenn wir Weltcups haben wollen, brauchen wir Hotels. Aber der Sport bringt ganz viel Marketing, das ist klar. Er ist ein zartes Pflänzchen, das man nicht verkümmern lassen darf.« Wie hieß es bei Walter Ulbricht? »Der Sport ist ein entscheidendes Mittel, um das kommunistische Bewusstsein in den Massen zu stärken.« Andere Zeiten, anderes System, andere Priorisierungen.

Teil 1 der Serie erschien in der Ausgabe vom 30. November 2022.

Gabriel Kuhn ist freier Journalist und schreibt regelmäßig für die Sportseiten der jungen Welt.

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  • Leserbrief von Bernhard May aus Solingen (14. Dezember 2022 um 14:12 Uhr)
    »Andere Zeiten, anderes System, andere Priorisierung« – Wie wahr! – Was den Anhängern des »Marketing« offenbar entgangen ist: Gerade für den Kontext Tourismus, Mittelgebirge und Sport (gerade auch Wandersport) war und wäre die 123 Jahre bestehende Bahnverbindung von herausragender Bedeutung. Eine Petition im August 2015 zum Fortbestand des Bahnhofs Oberhof als Verkehrsstation erbrachte laut Wikipedia nur 3.245 statt der erforderlichen 11.000 gültigen Unterschriften. Seit Ende 2017 kann Oberhof nur mehr mit Linienbussen – bei relativ passabler Bedingung aus Richtung Zella-Mehlis – erreicht werden.
    Und wofür genau? Spart der RE zwischen Erfurt und Würzburg so vielleicht vier Minuten? Mir nützte das heuer wenig. Nach Kreuzung der Gegenrichtung wohl in der einstigen Bezirkshauptstadt Suhl erreichten wir Würzburg leicht verspätet, ich verpasste die letzte ICE-Verbindung ins Rheinland, hatte eine vierstündige nächtliche Pause in Mainz. Diese steckte ich in der lauen Sommernacht gut weg. Da ich dort neun Jahre gelebt hatte, genoss ich am Schillerplatz und am Rhein eine »Sentimental Journey« besonderer Art, am folgenden Samstag konnte ich den Schlaf nachholen. Nur: Mit Halt in Oberhof wäre das Ergebnis exakt dasselbe gewesen.
    Vielleicht hätte »Marketing« ja auch heißen können, die Petition seitens der Gemeinde aktiv zu bewerben und zu unterstützen. Vielleicht ließe sich gerade die Vielzahl in Erfurt wirkender Parlamentsparteien konstruktiv nutzen, um die Akteure im Sinne des Bahnhofs Oberhof sinnvoll und zielführend gegeneinander auszuspielen: Wer zuerst »Reaktivierung« sagt, hat gewonnen. Kennt jemand Niederbiegen, Weißenau, Oberzell oder Kehlen – alle zwischen Aulendorf und dem Bodensee? Dort schien auch schon der letzte Zug abgefahren. Dann kam die »Geißbock-Bahn« als RB 91 (offiziell »Bodensee-Oberschwaben-Bahn«).

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