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Aus: Ausgabe vom 28.11.2022, Seite 15 / Politisches Buch
Politik- und Sozialgeschichte

Ausgelöschte Erinnerung

Antifaschismus nach 1945: Neues Heft der Zeitschrift Arbeit – Bewegung – Geschichte erschienen
Von Horst Ollesch
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Antifaschisten erinnern an die Nazimorde im Dortmunder Rombergpark (23.3.1967)

Der 8. Mai 1945 markiert eine Epochenzäsur, aber keine »Stunde Null«. Das betont das Editorial des zweiten Schwerpunktheftes der Zeitschrift Arbeit – Bewegung – Geschichte im Jahr 2022 zum Thema Antifaschismus. Der 1945 für kurze Zeit bestehende »antifaschistische Konsens« wurde schon früh aufgebrochen, als im Kalten Krieg Kommunistinnen und Kommunisten in der Bundesrepublik kriminalisiert wurden. Während im Weststaat Antifaschismus und auch die Verfolgtenorganisation VVN als pseudokommunistisch denunziert wurden, gehörte der Antifaschismus in der DDR zur Staatsräson, verlor aber zuletzt an Bindewirkung. So habe sich Neonazismus in den letzten Jahren der DDR ausbreiten können, ohne dass die staatliche Erinnerungskultur und Initiativen »von unten« wirksam hätten gegensteuern können. Auch für die Zeit nach 1990 gilt: Antifaschismus ist nach wie vor »Sisyphusarbeit«.

Die »Sozialistische Jugend Deutschlands – Die Falken« aus dem sozialdemokratischen Spektrum gehörte phasenweise zu den wichtigen jugendpolitischen Trägern antifaschistischer Bildungsarbeit in der Bundesrepublik. Mit ihrer Jugendarbeit zwischen 1945 und 1959 setzen sich Maria Daldrup und Wolfgang Uellenberg-van Dawen auseinander. Almut Degener und Christin Jänicke untersuchen das Verhältnis von antifaschistischen Strukturen und Feminismus in Ostdeutschland seit den 1980er Jahren. Das linke Punk- und ultrarechte Skinheadmilieu in der ersten postsozialistischen Dekade in Tschechien und in der Slowakei analysieren Ondrej Daniel und Miroslav Michela. Yves Müller lenkt den Fokus auf die autonome Männergruppenszene unter der Perspektive: »Und deshalb heißt Faschismus bekämpfen Männlichkeit bekämpfen.«

Dass der Kampf um die Erinnerungen eminent wichtig für gesellschaftliche Debatten ist, weist Agnieszka Balcerzak in ihrem Beitrag über polnische Interbrigadistinnen und -brigadisten nach. Die Dabrowszczacy-Brigade vereinte freiwillige Kämpfer aus allen linken Strömungen Polens. In der Volksrepublik Polen wurde an diese Menschen ehrend erinnert, Straßen wurden Freiwilligen gewidmet, Überlebende erhielten Ehrenbezeugungen, Gedenkorte wurden geschaffen. Im heutigen Polen versucht die rechtsnationalistische Regierung, die einstige öffentliche Erinnerung zu diskreditieren und auszulöschen. Auf der Seite der Linken wiederum sind es vor allem Basisinitiativen und kulturpolitisch ausgerichtete Aktionen, die die Erinnerung wachzuhalten und inhaltlich neu zu beleben versuchen. Dieser Beitrag ist gerade unter dem Gesichtspunkt der staatlich betriebenen »Dekommunisierung« im östlichen Europa beispielhaft. Insgesamt zeichnet den Themenschwerpunkt seine inhaltliche Breite aus.

Darüber hinaus findet sich in dem Heft ein interessanter Aufsatz von David Bebnowski über die Diffamierung der Industrial Workers of the World (IWW) in den Jahren 1917 und 1918, als die Industriegewerkschaft wegen ihrer Ablehnung des Kriegseintritts der USA als »Hilfstruppe des deutschen Spionagesystems« auch juristisch wegen Hochverrats verfolgt wurde.

Arbeit – Bewegung – Geschichte. Zeitschrift für historische Studien, Heft 3/2022, Metropol-Verlag, Berlin 2022, 309 Seiten, Einzelpreis 14 Euro

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