3 Monate jW-digital für 18 Euro
Gegründet 1947 Dienstag, 7. Februar 2023, Nr. 32
Die junge Welt wird von 2701 GenossInnen herausgegeben
3 Monate jW-digital für 18 Euro 3 Monate jW-digital für 18 Euro
3 Monate jW-digital für 18 Euro
Aus: Ausgabe vom 26.11.2022, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Sind das überhaupt Völker?

Der Vorwurf des »Terrorismus« ist Teil der kolonialen Tradition des Westens und dient der Entmenschlichung des Widerstands. Eine Untersuchung von Domenico Losurdo
2003-06-18T1200RTRMADP_3_IRAQ.JPG
US-Soldaten gehen mit Waffengewalt gegen eine Demonstration in Bagdad vor (Juni 2003)

Die beharrliche, obsessive Anprangerung des »Terrorismus« zielt nur darauf ab, jede Form des Widerstands gegen die militärische Okkupation zu kriminalisieren, nicht den Konflikt einzuschränken oder seine Verrohung zu verhindern. (…) In Italien waren einige Gerichtsurteile notwendig, um eine Wahrheit zu bekräftigen, die allen klar sein sollte: »Aus der Definition von Terrorismus bleiben Aktionen gegen Soldaten, die in einen bewaffneten Konflikt verwickelt sind, ausgeschlossen.« (…)

Der ungezwungene Gebrauch der Kategorien gilt nicht nur für Journalisten und Politiker. Nehmen wir uns das relativ neue Buch eine Historikers aus Cambridge vor, das sich mit dem Irak und dem Nahen Osten auseinandersetzt (Christopher Catherwood: Winston's Folly – Imperialism and the Creation of Modern Iraq, London 2004). Dort wird ohne Beschönigung das Verhalten der britischen Truppen im Jahre 1920 beschrieben: im Kampf gegen die Rebellen entfesselten sie »grausame Repressalien«, »zündeten ihre Dörfer an und verübten andere Kampfhandlungen, die wir heute als übertrieben repressiv, wenn nicht sogar als barbarisch beurteilen würden«. Von (Winston) Churchill (1874–1965, damals britischer Kriegsminister, jW) werden sie gewiss nicht aufgehalten, er ruft vielmehr die Luftwaffe dazu auf, den »aufbegehrenden Nativen« eine böse Lektion zu erteilen: sie sollte diese mit einer »experimentellen Arbeit« auf der Grundlage »von Gas und vor allem von Senfgasgeschossen« angreifen. Nachdem der britische Historiker zugegeben hat, dass es unmöglich sei, diesen Befehl zu rechtfertigen, fügt er hinzu: »Es muss auch gesagt werden, dass er in einem Kontext von Rückschlägen und wachsenden britischen Verlusten formuliert wurde. Nur wenige Tage zuvor war es wieder vorgekommen, dass Offiziere des britischen Heeres ermordet (murdered) wurden.«

Eindeutig bemerkt man die Absicht, das Verhalten der Kolonialmacht zu rechtfertigen, die bei der Wahl der Waffen keine Rücksichten nimmt und nicht nur gegen die Aufständischen, sondern auch gegen die »aufbegehrenden Nativen« und die Zivilbevölkerung insgesamt vorgeht. Die Iraker, die die Unabhängigkeit anstreben, werden dagegen des »Mordes« schon allein deshalb beschuldigt, weil sie das Besatzungsheer angreifen. Um die »Umwertung aller Werte« zu erklären, um mit Nietzsche zu sprechen, genügt nicht die Feststellung, dass der hier zitierte Historiker »Berater von Tony Blair« (1997–2007 britischer Premierminister, jW) gewesen ist, wie uns die dritte Umschlagseite des Buches informiert. In Wirklichkeit haben wir es mit einem wesentlichen Zug der kolonialen Tradition zu tun. Zuletzt hat diese ihren großen Interpreten in Carl Schmitt (1888–1985, Staatsrechtler, engagierte sich ab 1933 für die Nazis, jW) gefunden. In den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts, als die Emanzipationsbewegung der Kolonialvölker auf Weltebene eine ungestüme Entwicklung durchmachte, beschrieb der deutsche Jurist folgendermaßen den Kampf, der zum Zusammenbruch der französischen Kolonialherrschaft in Indochina geführt hat: »Hier stellten die Kommunisten auch die unpolitische Zivilbevölkerung in ihren Dienst. Sie dirigierten sogar das Hauspersonal der französischen Offiziere und Beamten und die Hilfsarbeiter der französischen Armeeversorgung. Sie trieben bei der Zivilbevölkerung Steuern ein und verübten Terrorakte aller Art, um die Franzosen zum Gegenterror gegen die einheimische Bevölkerung zu veranlassen, wodurch deren Hass gegen die Franzosen noch mehr geschürt wurde.«

Obwohl der Kampf für die nationale Unabhängigkeit einhellig geworden war, ist er dennoch gleichbedeutend mit Terrorismus, während das Besatzungsheer, das vollkommen von der Zivilbevölkerung isoliert ist, das Verdienst hat, mit »Gegenterror« zu reagieren. (…) Natürlich handelt es sich (bei Catherwood und Schmitt, jW) um zwei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Zur Erklärung ihres einzigen Berührungspunktes (»die Mörder« beziehungsweise »die Terroristen« sind jedenfalls bei den Kolonialvölkern zu suchen, und es ist gerechtfertigt oder zumindest verständlich, gegen sie zu jeder Art von Waffen zu greifen) kann eine Betrachtung Lenins dienen: Für die Großmächte sind ihre Kolonialexpeditionen keine Kriege, und das nicht nur wegen des enormen Missverhältnisses der Kräfte zwischen den beiden Lagern, sondern auch, weil die Opfer »nicht einmal als Völker angesehen werden (irgendwelche Asiaten, Afrikaner – sind das etwa Völker?)«. (Lenin: Krieg und Revolution. Lenin: Werke Band 24, Seite 404) Die Weigerung also, diejenigen als Frontkämpfer zu betrachten, die dem Westen Widerstand leisten, ist Ausdruck der mehr oder weniger ausgeprägten Tendenz zu ihrer Entmenschlichung.

Domenico Losurdo: Die Sprache des Imperiums. Ein historisch-philosophischer Leitfaden. Papyrossa-Verlag, Köln 2011, Seiten 50–55 (»Die Barbaren als Terroristen«)

Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung zum Abdruck

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

Ähnliche:

  • Auf Worte folgen Taten: Löscharbeiten nach dem Anschlag in Dover...
    16.11.2022

    Der Flüchtling als Feind

    Mit militärischen Mitteln: London und Paris unterzeichnen Abkommen zur Bekämpfung von Migration über Ärmelkanal
  • Der UN-Sonderbeauftragte für Syrien, Staffan de Mistura, bei ein...
    01.09.2018

    Bedenkzeit vor Angriff

    Der Sonderbeauftragte der Vereinten Nationen für Syrien, Staffan de Mistura, setzt weiterhin auf Verhandlungen

Mehr aus: Wochenendbeilage

Startseite Probeabo