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Aus: Ausgabe vom 26.11.2022, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage
Internationale Auszeichnung

»Wir können das Geld nicht einfach mit Koffern ins Land bringen«

Über die Auszeichnung mit dem Alternativen Nobelpreis, die Arbeit von Kooperativen in Venezuela und die Folgen des US-Embargos. Ein Gespräch mit Georg »Jorge« Rath
Interview: Annuschka Eckhardt
Bio Kooperative ©Gerardo Milsztein.jpg
Das Gemüse für den Markt wird von den Erzeugerkooperativen produziert (Sanare, 4.11.2019)

Der Alternative Nobelpreis, mit dem Ihr venezolanischer Genossenschaftsbund Cecosesola in diesem Jahr ausgezeichnet wurde, ist mit 100.000 US-Dollar dotiert. Der Preis wird diesen Mittwoch in Stockholm überreicht. Nach dem Umtausch in venezolanische Bolivar: Wie viele Koffer voller Scheine müssen Sie in Ihre Heimat transportieren?

Leider können wir das Geld nicht einfach mit Koffern ins Land einführen. Es wird gar nicht so einfach, das Preisgeld nach Venezuela zu bringen. Möglicherweise muss das dann häppchenweise hierhergebracht werden. Über Bankverbindungen geht es wegen der US-Blockade nicht. Die Provisionen, die Dienste wie Western Union nehmen, sind zu teuer.

Cecosesola ist ein Verbund von Kooperativen. Wer ist dort beteiligt?

Wir bestehen aus 50 Basisorganisationen. Unsere Aktivitäten gehen »von der Wiege bis zur Bahre«: vom Geburtsvorbereitungskurs über Nahrungsmittel- und Gesundheitsversorgung bis zum Beerdigungsunternehmen. Alles begann mit einem Bestattungsinstitut im Dezember 1967. Die Leute aus den armen Bezirken der Millionenstadt Barquisimeto im Bundesstaat Lara konnten es sich nicht mehr leisten, ihre Toten von den kommerziellen Beerdigungsinstituten bestatten zu lassen. Da schlossen sich zehn Basiskooperativen zusammen und gründeten Cecosesola.

Seit 25 Jahren gibt es die Initiative im Gesundheitsbereich, die eine Grundversorgung, Zahnmedizin, Gynäkologie und Geburtshilfe und viele weitere Behandlungen anbietet. In unser Gesundheitszentrum kommen jährlich 220.000 Menschen, um dort behandelt zu werden. Wir haben ein großes Gesundheitszentrum und sechs kleinere. Das größte ist in Barquisimeto. Zudem verkaufen wir mittlerweile auf unseren Wochenmärkten wöchentlich circa 500 Tonnen Obst und Gemüse. Den Großteil davon erwirtschaften unsere Erzeugerkooperativen selbst. Ungefähr 200.000 bis 300.000 Menschen kaufen auf unseren Märkten ein.

Cecosesola erhielt den Alternativen Nobelpreis »für die Entwicklung einer gerechten und leistungsfähigen Gemeinschaftsökonomie als Alternative zum profitorientierten Wirtschaftsmodell«. Wie würden Sie den Ansatz Ihres Genossenschaftsbundes beschreiben?

Es handelt sich um einen Prozess, in dem wir nach und nach den kommunitären Aspekt herausgestellt haben. Es geht uns eben nicht darum, Kapital zu akkumulieren. Unsere Marge liegt sehr gering über den Kosten, weil wir als Kooperative das so wollen.

Was glauben Sie: Warum ist es für die Kuratoren des Alternativen Nobelpreises so besonders, dass nicht akkumuliert wird?

Die Personen, die in dieser Jury sitzen, leben in kapitalistischen Staaten. Dadurch, dass wir nicht akkumulieren, können wir sehr günstige Preise für die Bevölkerung anbieten. Ich nenne mal eine Zahl: Die Bevölkerung spart, wenn sie von uns statt von anderen Angebote und Dienstleistungen in Anspruch nimmt – also vom Bestattungsinstitut, auf dem Gemüse- oder Obstmarkt und in der Gesundheitsversorgung –, jährlich 20 Millionen US-Dollar. Als Kooperative wollen wir nicht nur ein günstiger Dienstleistungsanbieter sein, sondern hier geht es auch um die materielle Existenzgrundlage für einen Lernprozess, in dem wir uns seit 55 Jahren befinden.

Dabei hat nicht alles gleich funktioniert. Ende der 60er Jahre gab es eine Phase, in der wir eine Transportinitiative gegründet hatten. Wir übernahmen für einige Zeit den gesamten Personentransport innerhalb von Barquisimeto. Das wurde dann politisch angefochten, weil Kooperativen keine Steuern bezahlten. Außerdem passte den Kleinbusunternehmen unser System nicht. Sie wollten den Fahrpreis verdoppeln, wir wollten den niedrigeren beibehalten. Das war alles lange vor der Revolution, und wir waren bankrott.

Der Alternative Nobelpreis 2022 sei eine »Anerkennung für den Kampf gegen kaputte Systeme«, hieß es in der Überschrift eines ARD-Textes. Wie passen der Chavismus und die Gemeingutlogik Ihrer Genossenschaft zusammen?

Kaputte Systeme? Wir kooperieren ganz konkret mit dem Staat, zum Beispiel beim neuen Saatgutgesetz oder bei Initiativen zur Landverteilung. Wenn wir eingeladen werden, bringen wir uns ein. Der sozialistische bolivarischen Staat begegnet uns auf Augenhöhe.

Was hat sich für Sie nach der Bolivarischen Revolution verändert?

Nach der Revolution konnten wir bei der Entwicklung des neuen Kooperativengesetzes eigene Vorschläge mit einbringen, nachdem der Staat dazu eingeladen hatte. Es war ein gutes Gefühl, dass wir mit unserer Erfahrung gehört und ernstgenommen wurden. Wenn ich mich recht entsinne, sind sogar alle unsere Vorschläge in dem neuen Kooperativengesetz von 2001 verankert worden.

Ihr Netzwerk ist in den vergangenen 55 Jahren stetig gewachsen. Es sei »eine Inspiration für alle, die nach alternativen ökonomischen Ansätzen suchen«, hieß es in der Würdigung durch das Komitee des Alternativen Nobelpreises. Gab es neue Ansätze, die von der Präsidentschaft von Hugo Chávez inspiriert waren?

Als wir mit dem Bestattungsinstitut angefangen haben, waren wir noch wie ein klassisches Unternehmen aufgebaut. Diese Strukturen haben wir dann Stück für Stück abgebaut. Anfangs hatten die Arbeiter im Bestattungsinstitut kein Mitspracherecht, das war dem Aufsichtsrat vorbehalten. Mit der Revolution kam auch die Möglichkeit zur vollen Beteiligung von allen in jedem Prozess.

Welche kulturellen Grundlagen bilden die kollektiven Eigenschaften und Verhaltensweisen der Genossenschafter von Cecosesola?

Bei uns darf jeder mitmachen. Als im Jahr 2001 das neue Kooperativengesetz verabschiedet wurde, ist im Rahmen der neuen Verfassung unter Präsident Chávez ein Paragraph verankert worden, in dem steht, dass jede Kooperative sich gemäß ihrem kulturellen Eigenverständnis organisieren kann. Für uns hat das bedeutet, dass wir sämtliche Hierarchien abgebaut haben. Am Ende blieben unsere kollektiven Gesprächsrunden als einzige Organisationsstruktur.

2009 wurde der Commons-Forscherin Elinor Oström der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften verliehen. Commons sind gemeinsam hergestellte, gepflegte und genutzte Produkte und Ressourcen unterschiedlicher Art. Im Deutschen gibt es dafür das Wort Gemeingüter. Welche Aspekte der Arbeit von Oström finden sich bei Cecosesola wieder?

Wir sind keine explizite Commons-Initiative, trotzdem war Cecosesola in den Augen der deutschen Commons-Forscherin Silke Helfrich das »Commons-Vorbild«. Wir sind zu der Überzeugung gekommen, dass es in patriarchal organisierten Gesellschaften drei Grundpfeiler gibt: die Machtbeziehungen von oben nach unten, die Akkumulation, die nach dem Prinzip »Je mehr, desto besser« funktioniert, und die Trennungen.

Was meinen Sie mit Trennungen?

Die kapitalistische Warenproduktion hat dazu geführt, dass wir anstelle von Beziehungen nur noch »Sachen« und »Dinge« wahrnehmen. Wir leben in einer verdinglichten Welt, in der die Dinge zum Fetisch werden. In der patriarchalischen Welt werden sie dann mehr und mehr über hierarchische Beziehungen und über die Erwartungshaltung des »Je mehr, desto besser« verwirklicht, in der der einzelne nur noch ein funktionierendes Rädchen im großen Getriebe darstellt. Marx führte aus, dass eine Ware geronnene Arbeit darstellt und insofern bereits eine Beziehung andeutet. Noch deutlicher wird das, wenn wir in Betracht ziehen, dass es nicht nur geronnene, sondern auch abgepresste Arbeit ist, welche zur Grundlage des Mehrwertes wird.

Und was macht Cecosesola anders?

Bei uns geht es nicht um Arbeit, aus der ein Kapitalist Nutzen zieht, sondern um eine kommunitär-solidarische Beziehung. Der Hauptaspekt ist der Respekt vor dem jeweils anderen und vor der Natur. Dabei darf auch ein Kooperativennetz wie Cecosesola keine roten Zahlen schreiben. Wir müssen alles, was wir brauchen, auch selbst schaffen. Es geht also vielmehr um das »Wie«: solidarisch, verantwortlich und transparent – so wollen wir produzieren. Das ist uns wichtiger als das »Was«: ob die Genossen als Bestatter, im Gesundheitszentrum oder als Gemüseverkäufer arbeiten.

Und wie vermeiden Sie die Akkumulation, wenn es am Ende des Jahres schwarze Zahlen gibt?

Wir akkumulieren nicht, weil das Geld, das als Überschuss erwirtschaftet wird, nicht auf die hohe Kante gelegt wird. In wirtschaftlichen Termini ausgedrückt: Es wird reinvestiert. 95 Prozent dieser Überschüsse werden dafür verwendet, unsere Dienstleistungen zu verbessern. Zum Beispiel ist das Gesundheitszentrum, das wir selbst finanziert haben, auf diese Art und Weise gebaut worden und wird auch so instand gehalten.

Die verbleibenden fünf Prozent gehen dann auf unseren Vorschuss, wie wir das nennen. Wir beziehen ja kein Gehalt oder Salär. Im venezolanischen Kooperativengesetz ist vorgeschrieben, dass es sich um einen Vorschuss auf das voraussehbare Endergebnis am Ende des Jahres handelt. Davon werden dann fünf Prozent verteilt.

An wen wird das Geld verteilt?

An die Hauptamtlichen, also die ungefähr 1.200 Personen von uns, die für ihren Beitrag auch Geld am Ende der Woche bekommen.

In den letzten Jahren gab es verschiedene Krisen in Venezuela. Der Preisverfall des Erdöls war immens.

In den letzten Jahren war die Situation sehr schwierig. Ab 2013, als die Krise mit Güterknappheit und Hyperinflation immer schlimmer wurde, haben wir trotzdem weitergemacht. An manchen Tagen standen die Leute zwei Tage lang in der Schlange vor unserem Markt, nur um ein Kilo Reis, Pasta oder Milchpulver zu bekommen. Notwendige Preiserhöhungen wegen der Hyperinflation haben wir so niedrig wie nur irgend möglich gehalten.

Von der Bevölkerung in Barquisimieto und Umgebung ist sehr honoriert worden, dass wir nicht aufgegeben haben. Während der Pandemie haben wir den Markt einen weiteren Tag in der Woche aufgemacht. Es gab einfach soviel Bedarf, weil andere Bezugsquellen geschlossen hatten. Sie müssen sich vorstellen: Bei uns kaufen wöchentlich 100.000 Familien ein. Unsere Dienstleistungen im Gesundheitsbereich, auf dem Wochenmarkt und im Bestattungsunternehmen sind noch im Bereich des Erschwinglichen für viele – wenn auch leider nicht für alle.

Da hilft auch nicht der staatliche Mindestlohn?

Für viele Familien, die bei uns einkaufen, ist das Leben durch das Embargo und die daraus resultierende Hyperinflation ziemlich prekär geworden. Es gibt einen staatlichen Mindestlohn, der liegt bei 14,42 US-Dollar monatlich. Der Lebensmittelwarenkorb liegt bei 372 US-Dollar im Monat.

Was ist ein Lebensmittelwarenkorb?

Der Begriff bezeichnet den Betrag, der die Ernährungsgrundlage für eine fünfköpfige venezolanische Familie absichert. Die Leute schlagen sich durch, verkaufen irgend etwas aus dem Haushalt. Fast an jedem Haus hängen Schilder mit Verkaufsangeboten aus dem eigenen Hausrat.

Wie wirken sich die Sanktionen auf das Alltagsleben der Venezolaner aus?

2017 und 2018 hat die Blockade besonders schlimme Auswirkungen gehabt. Die venezolanische Wirtschaft lag brach, der Nachschub von Lebensmitteln hing von Importen ab. Die Blockade war extrem restriktiv, bis zu dem Punkt, an dem Venezuela als Rohölproduzent Benzin importieren musste, weil die Raffineriekapazität nicht mehr ausreichte und der Import von Ersatzteilen mit Schiffen blockiert wurde.

Auch wenn es so scheint, dass im Zusammenhang mit den geopolitischen Energiebeschaffungsstrategien die Sanktionen gegenüber Venezuela etwas zurückgefahren werden, sind sie immer noch tagtäglich spürbar. Ein Beispiel ist die Versorgung mit Medikamenten, die nicht im Land selbst hergestellt werden. Die ärmsten 70 Prozent der Bevölkerung leiden besonders unter den Sanktionen.

Mit welchen Ländern kooperiert das Land im Gesundheitsbereich?

Während der Coronapandemie gab es Impfstoffkooperationen mit Russland und China. Kuba hat während der ersten Etappe der Chávez-Regierung eine große Rolle gespielt. Die kubanischen Ärzte, die hier waren, haben venezolanische Mediziner ausgebildet. Die Regierung hat einen neuen Studiengang entwickelt, in dem hervorragende Ärztinnen und Ärzte ausgebildet wurden, die jetzt auch in unseren Gesundheitszentren arbeiten.

Auch Marx beschäftigte sich gewissermaßen mit Commons. Er nannte sie Allmende und bezog sich auf den englischen Boden, der einmal zur Ware geworden dem Gesetz der Kapitalverwertung unterliegt. Lässt sich Marx’ historische Analyse der Allmende in England auch auf Venezuela anwenden?

Ja. Vor der Regierung von Präsident Chávez war der Großgrundbesitz auf dem Land ein wesentlicher Faktor. Das wurde nach der Revolution über die Landkomitees abgeschafft. Brachliegende private Ländereien wurden enteignet und dann kollektiv bewirtschaftet. Leider ist das nach dem Tod von Chávez nicht mehr in dem Maße fortgesetzt worden. Es gibt mittlerweile Reprivatisierungsinitiativen. Wir fürchten uns vor Extraktivismus in der Hand ausländischer Firmen, wie der kanadischen Glencore, wie es in so vielen Ländern passiert. Diese Entwicklungen machen uns Angst.

2019 gingen die wirtschaftlichen Aktivitäten Venezuelas laut der Wirtschaftskommission für Lateinamerika das sechste Jahr in Folge zurück. Es gab eine Verschärfung der Sanktionen seitens der USA. Venezuela wurde von allen externen Finanzquellen abgeschnitten. Wie sieht es in diesem Jahr aus?

Die Wirtschaftskommission für Lateinamerika hat Anfang dieses Jahres für Venezuela das erste Mal seit längerem wieder ein Wachstum prognostiziert. Einem ersten Memorandum zufolge soll das Bruttosozialprodukt um zehn Prozent wachsen. Selbst wenn die venezolanische Wirtschaft jährlich einen solchen Zuwachs verzeichnen könnte, bräuchten wir 32 Jahre kontinuierliches Wirtschaftswachstum, um auf das Bruttosozialprodukt von 2013 zurückzukommen. So heftig beeinträchtigt uns die Blockade.

Wenn das Preisgeld irgendwann häppchenweise bei Ihnen angekommen sein sollte: Was wollen Sie mit den 100.000 Dollar machen?

Wir haben für das Gesundheitszentrum einen neuen Apparat zur Brustuntersuchung gekauft, einen Mammographen zur Früherkennung von Brustkrebs. Ich hoffe zudem, dass ein Teil des Geldes in die Solaranlage einfließen wird, die wir auf dem Dach des Geburtszimmers im großen Gesundheitszentrum installieren.

Georg »Jorge« Rath (Jahrgang 1950) ist 1977 aus der BRD nach Lateinamerika übergesiedelt. In Venezuela war er zunächst in einer Fabrik beschäftigt und in einer Gewerkschaft aktiv, später engagierte er sich 15 Jahre lang bei der Stadtviertelarbeit. Seit 1999 ist Rath Mitglied beim Genossenschaftsbund Cecosesola. Er ist mittlerweile ausgebildeter Akupunkturtherapeut und in einem Gesundheitszentrum tätig.

Cecosesola (Central Cooperativa de Servicios Sociales del Estado Lara) ist ein Verbund von Genossenschaften in Venezuela. Die Schwerpunkte ihrer Arbeit sind der Anbau und Vertrieb von Lebensmitteln sowie die Gesundheitsversorgung. Dieses Jahr gewannen sie den Alternativen Nobelpreis.

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