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Aus: Ausgabe vom 25.11.2022, Seite 10 / Feuilleton
Musik

Mit Händen und Füßen

Alles, was die Orgel kann: Dominik Susteck spielt György Ligetis »Volumina« in Berlin
Von Berthold Seliger
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Wunderbarer Krach aus allen Registern: Dominik Susteck

Ein Klang, der allmählich anschwillt, immer mächtiger, immer gewaltiger wird, bis er schließlich den Großen Saal im Konzerthaus Berlin vollständig ausfüllt, eine gigantische, ohrenbetäubende Klangballung aus allen Registern der Orgel – ein aus dem Nichts entstandener Totalcluster, der durch den Saal braust. Ist es der Heilige Geist, der hier in aller Gewalt in den Raum gestellt wird? Ist es Höllenlärm?

Ein großer Bogen

So oder so: Es war ein wunderbarer, irrsinniger Krach, den der 1977 geborene Organist Dominik Susteck am Mittwoch vergangener Woche mit dem Beginn von György Ligetis legendärem Orgelwerk »Volumina« entfachte. Im Wortsinn wurden »alle Register gezogen« – die gesamte Tastatur muss heruntergedrückt werden, bevor der Motor der Orgel eingeschaltet wird. Die Musik entsteht so förmlich aus dem Nichts, bis der Motor ausreichend Luftdruck entwickelt hat, und baut sich langsam zu dem gigantischen Sound auf, gegen den alle Drones wie liebliche Feengesänge wirken. Die Orgel im Konzerthaus wird an ihre Grenzen gebracht. Dann werden nach und nach die tieferen Register geschlossen, der Sound wird lichter, und in der folgenden Viertelstunde erleben wir eine Reise durch fast alle denkbaren Klangschattierungen und Schwebungen, die in einer Orgel vorhanden sind. Schwirrende Wellenbewegungen wechseln sich mit Ruhetönen ab, die Tonhöhen treten in solchen Mengen auf, dass an Melodie oder Harmonie nicht zu denken ist, wie der Komponist und Organist Gerd Zacher schrieb. Und in der Tat: György Ligeti hat auf Noten, Notenlinien, Tondauern und Unterteilungen in Takte in seiner Partitur gänzlich verzichtet, sie besteht aus einer komplett grafischen Notation, ergänzt durch Spielanweisungen. Es geht ­Ligeti um Klangfarben, um die räumliche Wirkung »stationärer Klangräume«, die mit Händen und Füßen, mit komplett eingesetzten Unterarmen für die wiederkehrenden Clusterballungen, aber auch mit dem Orgelmotor erzeugt werden. So entsteht eine phantastische und faszinierende Phantasmagorie, wenn man das so bezeichnen will: »Die Großform des Stückes ist wie ein einziger großer Bogen zu gestalten. Die stationären Klangräume und ihre allmähliche, kontinuierliche Veränderung sollen vom Interpreten so realisiert werden, dass die klanglichen Zustände und Vorgänge die Empfindung großer Ruhe erwecken«, forderte der Komponist. Am Ende des Stückes schweben nur noch leise, geradezu hingehauchte Töne und Klangspuren durch den Saal, und zuletzt verschwinden die Klänge gänzlich, indem durch das Ausschalten des Motors die Windversorgung der Orgelpfeifen nach und nach zusammenbricht.

Orgel-Revolution

»Volumina« wurde 1961 als Auftragswerk für Radio Bremen komponiert und sollte am 4. Mai 1962 an der Sauer-Orgel im Bremer Dom uraufgeführt werden, was jedoch kurzfristig durch die kirchliche Behörde untersagt wurde – ob in Sorge um etwaige Schäden an der Orgel (bei einer Probe in Göteborg war zuvor ein Schwelbrand entstanden) oder um die Würde des Kirchenraums, lässt sich nicht mehr zweifelsfrei rekonstruieren – wahrscheinlich beides. Schließlich wurde das Werk für die Uraufführung an zwei (!) Stockholmer (!) Orgeln eingespielt, Radio Bremen fertigte davon einen Mitschnitt an, der in der Konzerthalle des Rundfunks vom Band abgespielt wurde. Die tatsächliche Uraufführung fand einige Tage später in Amsterdam statt. »Volumina« war damals umstritten, kirchliche Institutionen und Publikationen lehnten das Werk rundherum ab: »Das ist keine Musik, geschweige denn Orgelmusik«, wetterte die Zeitschrift Musik und Kirche, und später wurden Aufführungen in Kirchen zum Beispiel in Hamburg oder Basel verhindert. Mittlerweile gilt »Volumina« als Wendepunkt, ja geradezu als »Revolution« und als eines der stilbildenden Werke neuer Orgelmusik.

Licht in der Dunkelheit

Begonnen hat der Orgelabend mit Bachs Präludium und Fuge C-Dur, BWV 547. Zwischen Präludium und Fuge packte Dominik Susteck jedoch zwei moderne Werke: von Mauricio Kagel drei vergnügliche, geradezu tanzbare Sätze »Raga«, »Rondenia« und »Rosalie« aus den acht Orgelstücken »Rrrrrr …«, die mit ihrem eminenten klangschöpferischen Einfallsreichtum besonderen Eindruck machten, und drei etwas überambitionierte Fantasien des damals 15jährigen Wolfgang Rihm. Bei Bach (und auch bei Ligeti) fiel der fehlende Hall des Konzertsaals auf – während der Orgelsound in größeren Kirchen nachhallend sekundenlang durchs Gemäuer wabert, fehlt dieser Effekt im klassischen Konzertsaal – leider.

Dies tat dem sehr gelungenen, spannenden und erfreulich gut besuchten Konzert jedoch keinen Abbruch. Nicht zuletzt mit dem zweiten Schwerpunkt, der Aufführung seines eigenen, etwa halbstündigen Orgelzyklus »Zeichen« aus dem Jahr 2016, zeigte Susteck seine bemerkenswerte Vielfältigkeit als Organist und Komponist. In diesem Auftragswerk des Bistums Essen arbeitet er zum Beispiel mit Morsezeichen, mittels derer ein Zitat aus dem Markusevangelium (»Öffne dich – ­Effata«) wiedergegeben wird; die Morsezeichen sind als Rhythmus in den Zungenstimmen zu hören. In »Funkfeuer« beschäftigt sich der Komponist mit den gestreuten Signalen, die Flugzeugen Orientierung bietet – Licht in der Dunkelheit, und der Organist pfeift zu seinem Spiel. »Echos«, »Geister« oder »Signal« heißen weitere Sätze, in denen immer wieder zusätzliche kleine Instrumente eingesetzt werden, bis der Interpret schließlich mit einer Art Rassel die Orgelbank und den Konzertsaal verlässt – Vergänglichkeit, ya know?

Das Konzert war Teil eines kleinen Konzerthaus-Festivals mit dem hintersinnigen Titel »Aus den Fugen« – eine Art Soundtrack der Welt im Umbruch. Bis zum 27. November können noch unterschiedlichste Konzerte besucht werden, mit denen das etablierte Konzerthaus seine Tore weit öffnen will.

»Aus den Fugen«; Konzerthaus Berlin, bis zum 27.11.2022

konzerthaus.de/de/aus-den-fugen

György Ligeti, »Volumina«, auf Tonträger u. a. in Interpretationen von Dominik Susteck (Wergo) oder Gerd Zacher (in »Atmosphères«, DG)

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