75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Freitag, 9. Dezember 2022, Nr. 287
Die junge Welt wird von 2690 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 25.11.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Inflationsausgleich

Besser doch streiken

Britische Gewerkschaften führen Arbeitskämpfe weiter. Postangestellte bereits im Ausstand. Regierung stört Einigungsversuche
Von Dieter Reinisch
9.jpg
Kampfbereit: Postangestellte streiken am Donnerstag in London

Nachdem es in den vergangenen Wochen kurz so ausgesehen hat, als würde sich die Spitze einiger Gewerkschaften über den Tisch ziehen lassen, gehen die Arbeitskämpfe nun doch weiter: Seit Donnerstag streiken die Postangestellten der Royal Mail wieder. Auch die Eisenbahnergewerkschaft RMT, die Anfang November erklärt hatte, in Verhandlungen zu treten, und ohne Zugeständnisse alle Kampfmaßnahmen abblies, kündigt weitere Streiktage an. Denn es kam, was viele Mitglieder erwarteten: Die Unternehmen sind nicht gewillt, auf Lohnerhöhungen über der Inflationsrate einzugehen.

Die Royal-Mail-Mitglieder der Communication Workers Union (CWU), die Anfang November noch sechs Streiktage der Postangestellten abgesagt hatte, traten am Donnerstag in den Ausstand. Auch diesen Freitag und nächsten Mittwoch wird gestreikt. Für Dezember sind noch vor Weihnachten sieben weitere Streiktage angekündigt. Vor allem die Ausstände am 23. und 24. Dezember sind klare Zeichen, dass nach gescheiterten Verhandlungen die CWU nun offensiv in die Arbeitskämpfe gehen wird. In Großbritannien wird – anders als in Deutschland – Weihnachten am 25. Dezember gefeiert. Die Arbeitsniederlegungen in den Tagen davor werden das Weihnachtsgeschäft hart treffen.

Auch der Beginn des Ausstands fällt auf die Tage um den wichtigen Verkaufstag »Black Friday«. Für den Versandhandel ist es einer der umsatzstärksten Tage des Jahres. Am Donnerstag waren 70.000 Postangestellte im Streik.

Royal Mail bot den Beschäftigten eine Gehaltserhöhung von neun Prozent über die kommenden 18 Monate, kündigte im Oktober aber an, bis nächsten August 10.000 der 115.000 Postangestellten zu kündigen. CWU fordert eine Nachbesserung des Lohnangebots und eine Rücknahme der geplanten Entlassungen. Die Inflationsrate lag im Oktober bei zwölf Prozent. »Wir sind enttäuscht, dass die Royal Mail sich für eine so aggressive Strategie entschieden hat, anstatt einen Kompromiss zu finden, um größere Behinderungen (des Postverkehrs) zu vermeiden«, erklärte CWU-Generalsekretär, Dave Ward am Mittwoch auf Sky News. »Wir werden nicht akzeptieren, dass 115.000 Beschäftigte der Royal Mail – die Menschen, die uns während der Pandemie (durch ihre Arbeit) den Kontakt ermöglicht und Millionengewinne für Chefs und Aktionäre erwirtschaftet haben – einem so verheerenden und existentiellen Angriff ausgesetzt sind.« Die Vorschläge zur Umstrukturierung der Post bedeuteten das Ende der Royal Mail, wie wir sie kennen, und ihre »Degradierung von einer nationalen Institution zu einem unzuverlässigen Gig-Economy-Unternehmen im Uber-Stil«.

Am Dienstag kündigte auch die Eisenbahnergewerkschaft RMT eine Wiederaufnahme der Kampfmaßnahmen an, die sie Anfang November überraschend abgesagt hatte. In einer Presseaussendung hieß es: »Trotz aller Bemühungen unserer Verhandler ist klar, dass die Regierung unsere Versuche, eine Einigung zu erzielen, direkt stört.«

RMT wird im Dezember und Januar eine Reihe von 48stündigen Streiks durchführen. Über 40.000 Mitglieder von 14 Bahngesellschaften werden am 13., 14., 16. und 17. Dezember sowie am 3., 4., 6. und 7. Januar im ganzen Land streiken. Außerdem gilt vom 18. Dezember bis 2. Januar ein Überstundenverbot – über die Weihnachtsfeiertage und Neujahr finden damit vier Wochen durchgehend Arbeitskämpfe statt.

Es wird zudem erwartet, dass die Pflegekräfte in den kommenden Tagen Streiks für Dezember ankündigen werden, falls die Regierung ihr Angebot für Gehaltserhöhungen nicht nachbessert. Mitte November stimmten erstmals in ihrer Geschichte die Pfleger im gesamten Vereinigten Königreich mehrheitlich Streiks zu.

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

Ähnliche:

  • On and off again: Seit fünf Jahren streiken die Amazon-Beschäfti...
    18.12.2018

    Alle Jahre wieder

    Erneut Streiks bei Amazon. Geschenkelieferungen gefährdet
  • Im sächsischen Leipzig (Foto) und vier anderen Standorten streik...
    28.10.2014

    Amazon macht krank

    Erstmals nehmen Beschäftigte an fünf Standorten des Internetversandhändlers gleichzeitig den Arbeitskampf auf. Ver.di kündigt Streiks im Weihnachtsgeschäft an.

Mehr aus: Kapital & Arbeit

Rosa-Luxemburg-Konferenz: Programm einsehen oder Tickets bestellen unter jungewelt.de/rlk