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Aus: Ausgabe vom 25.11.2022, Seite 8 / Ansichten

Luftwaffe des IS

Türkische Angriffe auf Nordsyrien
Von Nick Brauns
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Im Internierungslager Al-Hol besteht das Kalifat des »Islamischen Staates« weiter (1.1.2019)

Seit dem vergangenen Wochenende führt die türkische Armee einen neuerlichen Angriffskrieg gegen die Selbstverwaltungsregion in Nordostsyrien. Bombardiert wird insbesondere zivile Infrastruktur wie Krankenhäuser, Schulen und Ölförderanlagen. Die islamistisch-faschistische Regierungsallianz von Präsident Erdogan rechtfertigt die Luftangriffe mit der Bekämpfung »terroristischer« Gruppen. Als solche sieht sie die kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG und die um diese gebildeten multiethnischen Syrisch-Demokratischen Kräfte (SDK).

Als unmittelbarer Vorwand für die seit langem angekündigte Offensive dient Ankara ein Bombenanschlag in einer Istanbuler Fußgängerzone vor rund zwei Wochen, bei dem sechs Passanten getötet wurden. Eine wenige Stunden nach dem Anschlag präsentierte mutmaßliche Bombenlegerin entpuppte sich mitnichten als YPG-Mitglied, wie die Regierung glauben machen wollte. Die arabische Syrerin war vielmehr mehrfach mit Mitgliedern des »Islamischen Staats« (IS) verheiratet. Drei ihrer Brüder wurden als Kämpfer dieser Dschihadistentruppe getötet, ein weiterer ist Kommandant einer protürkischen Söldnertruppe. Das enthüllte der SDK-Oberkommandierende Mazlum Abdi Mitte der Woche.

Der türkische Staat bedient sich seiner dschihadistischen Hilfstruppen nicht nur zur Schaffung von Kriegsvorwänden. Er agiert gleichsam als Luftwaffe des IS. Bombardiert wurden ein gemeinsam von der US-geführten Anti-IS-Koalition und den Antiterroreinheiten der SDK genutzter Stützpunkt sowie die Umgebung eines Gefängnisses für IS-Kämpfer. Mit Drohnenbeschuss von Sicherheitskräften des Lagers Al-Hol im Nordosten Syriens, wo Zehntausende IS-Familien interniert sind, sollte diesen ein Fluchtweg freigebombt werden.

Ohne Einverständnis der USA, deren Militär den Luftraum über Nordostsyrien kontrolliert, wären die türkischen Luftangriffe nicht möglich. Entsprechend windelweich, ohne den NATO-Partner in Ankara explizit als Aggressor zu benennen, fallen Washingtons Aufrufe zur »Deeskalation« aus. Die USA rechtfertigen ihre völkerrechtswidrige Truppenpräsenz in Syrien mit dem Kampf gegen den IS. Dass sie nun sehenden Auges dessen Wiederaufleben hinnehmen, entlarvt dies ebenso als reine Schutzbehauptung wie den vorgeblichen Schutz der Kurden. Worum es Washington geht, hatte der frühere Präsident Donald Trump 2019 freimütig zugegeben: um die Sicherung der syrischen Ölfelder und damit die Schwächung der Regierung in Damaskus.

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