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Aus: Ausgabe vom 24.11.2022, Seite 2 / Kapital & Arbeit
Bildungspolitik in Großbritannien

»Studierende kaufen sich heute ihren Abschluss«

Britische Universitätsangestellte legen die Arbeit nieder. Streik für bessere Lehrbedingungen und höhere Löhne. Ein Gespräch mit Anindya Raychaudhuri
Interview: Dieter Reinisch
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Protest von Lehrkräften, organisiert durch die University and College Union (UCU), gegen Pensionskürzungen (London, 23.2.2022)

An diesem Donnerstag beginnen die britischen Universitätsangestellten einen dreitägigen Streik gegen die Kürzungen ihrer Pensionen und für Lohnerhöhungen. Der Arbeitskampf der Gewerkschaft University and College Union, UCU, zieht sich bereits seit vier Jahren. Warum treten Sie nun in den Streik?

Es geht uns um zwei Punkte: auf der einen Seite die Pensionen, auf der anderen Seite Gehalt und Gleichstellung. Das erste große Problem ist das Pensionsschema USS. Derzeit zahlen wir und die Arbeitgeber ein, so bekommen wir einen halbwegs garantierten Anteil heraus. Dieser soll aber sinken und die Höhe der Pensionen abhängig von den Schwankungen an der Börse festgelegt werden. Der garantierte Betrag soll um 35 Prozent gekürzt werden.

Der zweite Punkt sind die Löhne, die seit 2009 nicht mehr an die Inflation angepasst wurden. Seither beträgt der Reallohnverlust rund 25 Prozent. Es gibt auch immer mehr befristet Angestellte und kaum mehr fixe Verträge, wodurch die Löhne weiter sinken. Ein besonderes Problem dabei ist der sogenannte Gender-Pay-Gap, gegen den wir protestieren. An meiner Universität St. Andrews verdienen Frauen für dieselbe Lehrtätigkeit 20 Prozent weniger als Männer.

Wie ist die Situation allgemein an den britischen Universitäten?

Es ist sehr hart und kann nicht so weitergehen. Die Studierendenzahlen werden überall angehoben und gehen bereits jetzt weit über die Kapazitäten hinaus. Ein besonders schlimmes Beispiel ist Glasgow: Dort gibt es nicht genug Unterkünfte für alle Studierende. Dennoch werden die Zahlen stetig erhöht.

Auf der anderen Seite gibt es viele Kürzungen beim Personal, etwa in Birkbeck, Roehampton, Queen Mary in London oder bei der Universität Leicester. Die Regierung sieht keinen Nutzen in den Geisteswissenschaften, und Studierende aus sozial benachteiligten und bildungsfernen Schichten werden nicht unterstützt.

Welches Interesse haben die Universitäten an mehr Studierenden?

Mehr Studierende bedeuten mehr Einnahmen. Bei internationalen Studierenden ist der Zuwachs noch lukrativer, da sie mehr Studiengebühren zahlen. Aber auch bei anderen werden die Studiengebühren angehoben, um mehr Geld zu machen.

Das Verhältnis zwischen Studierenden und der Universität ist mittlerweile so: Universitäten sind Dienstleister, Studierende sind Kunden. Sie kaufen sich heutzutage ihren Abschluss.

Was muss passieren, damit Sie nach den anstehenden drei Streiktagen sagen, dass der Arbeitskampf erfolgreich war?

Es ist ein landesweiter Streik an allen Universitäten im Vereinigten Königreich. Wir wollen Druck auf die Universitätsleitungen ausüben und klarmachen, dass für alle weiteren Schritte ausnahmslos sie verantwortlich sind. Es muss eine klare Zusage für Lohnerhöhungen, Senkung des Arbeitsaufwandes und der Sicherung der Pensionen geben, sonst wird es weitere Kampfmaßnahmen im neuen Jahr geben. Das können Streiks sein, die Weigerung zu benoten, oder ähnliches.

Wir wollen diese Streiks nicht. Im Winter will niemand auf der Straße sein und bei einem Arbeitskampf frieren. Aber wir haben keine andere Wahl, und die Studierenden sehen das auch. Sie sehen, dass es einen direkten Zusammenhang gibt zwischen unseren Lehrbedingungen und ihren Lernbedingungen. Es gibt Doktoranden und junge Wissenschaftler, die an fünf Universitäten unterrichten und dennoch nicht ihre Miete zahlen können. Sie leben in Zelten. Der Guardian hat erst letztes Jahr von so einem Fall berichtet.

Protestieren Sie auch gegen die Politik der britischen Regierung?

Die Universitäten genießen eine Autonomie. Unser Streik richtet sich also gegen die Universitätsleitungen, nicht gegen die Regierung. Letztere sieht Universitäten als finanzielle Bürde und politische Gefahr. Es werden Studien gemacht, die beurteilen sollen, welchen Wert das jeweilige Studium hat – und basierend darauf gibt es dann Förderungen. Die Studienbeihilfen werden gekürzt, und die Studierenden verschulden sich immer mehr. Die Unis werden so zunehmend zu Orten, die sich nur noch die Reichen leisten können.

Anindya Raychaudhuri lehrt an der Universität St. Andrews in Schottland und ist dort Mitglied des UCU-Komitees.

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