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Aus: Ausgabe vom 24.11.2022, Seite 1 / Ausland
Neoosmanische Aggression

Ankara bombt weiter

Luftangriffe auf Infrastruktur in Nordsyrien. Astana-Gipfel schweigt zu türkischem Vorgehen
Von Nick Brauns
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Trauer an den Särgen von Dorfbewohnern, die bei türkischen Luftangriffen getötet wurden (Derik/Syrien, 21.11.2022)

Das türkische Militär hat am Mittwoch seine am Wochenende begonnenen Luftangriffe auf Nordsyrien fortgesetzt. Die Angriffe mit Kampfflugzeugen und Drohnen richteten sich auch gegen die zivile Infrastruktur der Selbstverwaltungsregion wie Ölförderanlagen bei der Stadt Tirbespiye (Al-Kahtanija), Tankstellen, Getreidespeicher und Krankenhäuser, meldete die kurdische Nachrichtenagentur ANF. Bei einem Drohnenangriff auf einen gemeinsamen Beobachtungsposten der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDK) und der russischen Armee nördlich von Til Temir (Tel Tamer) wurde mindestens ein SDK-Kämpfer getötet, während die offenbar vorgewarnten russischen Soldaten den Stützpunkt vorübergehend verlassen hatten. Bombardiert wurde laut einem SDK-Sprecher zudem die Umgebung eines Gefängnisses für Kämpfer des »Islamischen Staates« bei Kamischli.

Die Luftangriffe seien »erst der Anfang«, erklärte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan am Mittwoch in Ankara. Eine Bodenoperation werde »zu einem geeigneten Zeitpunkt« beginnen. Die Einmarschdrohungen müssten erst genommen werden, »solange es keine ernsthaften Anstrengungen gibt, die Türkei davor abzuhalten, insbesondere von Seiten der USA und Russlands«, warnte der SDK-Oberkommandierende Maslum Abdi laut der Nachrichtenseite Al-Monitor vom Mittwoch.

In der kasachischen Hauptstadt Astana endete am Mittwoch die 19. Runde der Syrien-Gespräche zwischen Russland, der Türkei und dem Iran. In ihrer Abschlusserklärung verpflichteten sich die drei Regierungen zur »Wahrung der Souveränität, Unabhängigkeit, Einheit und territorialen Integrität« Syriens. »Separatistischen Plänen« wurde ebenso wie »Terrorismus in allen seinen Formen« der Kampf angesagt. Während israelische Luftangriffe auf Syrien explizit verurteilt wurden, wurden die Angriffe durch die türkische Armee in der Erklärung mit keinem Wort erwähnt. Das syrische Außenministerium sprach dagegen am Mittwoch von einer »Verletzung des Völkerrechts« und beklagte: »Die Türkei kommt ihren Verpflichtungen aus dem Astana-Prozess nicht nach.«

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Marian R. (24. November 2022 um 08:31 Uhr)
    In Kurdistan zeigt sich erneut, daß auch Putin sich einen Dreck um Menschenrechte kümmert – von Entwicklungen hin zum (kurdischen) Sozialismus ganz zu schweigen. Bezeichnend, dass dennoch »Linke« irgendetwas Gutes an ihm suchen und allerlei Verrenkungen anstellen, nur um ihn in ihr »sozialistisches« (?) Weltbild hineinzubasteln – vielleicht wird er ja doch ein zweiter Lenin?! Realpolitik, die Menschen als Zahlen betrachtet, die sterben dürfen, um eigene geostrategische Interessen zu bedienen, heißt … Kapitalismus!
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin (24. November 2022 um 16:18 Uhr)
      Vielleicht ist die Lage, in der Russland handeln muss, doch ein wenig komplizierter als gedacht. Einerseits ist da ein türkischer Präsident, mit dem man – im Gegensatz zu anderen Politikern der NATO – reden und Kompromisse finden kann. Andererseits hat Erdogan aber Großmachtpläne außerhalb der Grenzen der Türkei, die russischen Interessen widersprechen. Angesichts des Ukraine-Krieges: Was ist klüger – den Gesprächsfaden nach Ankara abreißen zu lassen und sich an einer zweiten Front zu verausgaben? Oder den Gesprächsfaden zu erhalten und zähneknirschend festzustellen, dass die eigenen Fähigkeiten und Ressourcen zu begrenzt sind, um sich in einen zweiten Konflikt hineinziehen zu lassen? So bitter ist Realpolitik, wenn man nur die Möglichkeit hat, sich zwischen Teufel und Beelzebub entscheiden zu können.

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