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Aus: Ausgabe vom 23.11.2022, Seite 11 / Feuilleton
Kunst

Selbstbewusste Mädchen

Die Alte Nationalgalerie Berlin stellt Werke des Bildhauers Johann Gottfried Schadow aus
Von Gisela Sonnenburg
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Johann Gottfried Schadow: »Prinzessinnengruppe« (1795, Gips, Alte Nationalgalerie, Berlin)

Er kam aus einem Schneidereihaushalt und wurde der bedeutendste Bildhauer seiner Zeit. Johann Gottfried Schadow, 1764 in Berlin geboren, erhielt seinen ersten Zeichenunterricht von einem Schuldner seines Vaters. Der zahlte in Naturalien, ein Glück für die Kunstgeschichte. Schadows später entstandene Figuren – wie die »Quadriga« auf dem Brandenburger Tor und die »Prinzessinnengruppe« mit den Schwestern Luise und Friederike – sind heute weltberühmt. Ebenmaß, Lieblichkeit, Strenge, aber auch Harmonie und Natürlichkeit prägen sie. Und: Empfindsamkeit. Die war ein Schlagwort der Epoche. Der preußische Klassizismus erhielt durch Schadow als »Vater der Berliner Bildhauerschule« maßgeblich sanften Auftrieb. Nun entführt eine umfassende Berliner Ausstellung in der Alten Nationalgalerie in seine Welt: »Johann Gottfried Schadow. Berührende Formen« bietet ästhetisch und inhaltlich berührende Überraschungen.

Höhepunkt ist die Präsentation von Schadows fortschrittlichstem Werk. Der jetzt mit Spiegelwänden ausgestattete Schinkel-Saal zeigt die »Prinzessinnengruppe« gleich zweimal: als 1795 entstandene Gipsskulptur und als Marmorvariante von 1797. Lässig und solidarisch stehen die jungen Damen lebensgroß Arm in Arm da, ganz so, als pausierten sie in malerischer Pose während eines Spaziergangs. Der Gips wirkt rauh, der Marmor hehr. Aber erstmals seit ihrer Entstehung befinden sich beide Standbilder wieder im selben Raum. Mit ihnen werden Büsten der Prinzessinnen gezeigt: Solche Vorarbeiten waren seit der Antike für Herrscherbilder üblich.

Dank der Spiegelungen sieht man all die Luisen und Friederiken wie in einem poetischen Spiegelkabinett vervielfältigt. Was einerseits bezaubert, erinnert andererseits an die Vermarktung als kleine Porzellan- oder Plastikfigur. Die kenntnisreiche Kuratorin Yvette Deseyve weist darauf hin, dass man auch die Rückenansichten der Statuen betrachten kann. Schadow legte Wert darauf. Und hat sich geärgert, als die Marmorgruppe, nachdem sie bei einer Ausstellung starken Anklang bei Kritik und Publikum gefunden hatte, im Schloss Charlottenburg in eine dunkle Nische verbannt wurde.

Denn Luises Gatte, König Friedrich Wilhelm III, mochte das Werk nicht. Die verspielt tändelnden, fast tänzelnden Schwestern verströmen ja eine Aura feministischer Weiblichkeit – offenbar zuviel für den konservativen Patriarchen. Dabei bilden Luise mit ihrem visionären Blick in die Ferne und Friederike mit ihrem verträumt geneigten Kopf zwei Frauenideale, die bis heute Bestand haben.

Die solidarische Kraft, die von Schadows Schwesternbild ausgeht, war keine Chimäre: Als Friederike nach dem Tod ihres ersten Ehemanns nichtehelich schwanger wurde, besorgte man ihr einen standesgemäßen neuen Gatten. Statt sie zu verstoßen. Und wäre Luise nicht schon mit 34 Jahren an einer Lungenentzündung gestorben, hätte das Schwesternduo vielleicht noch öfters für Furore gesorgt.

Mit Schadow gingen sie immerhin in die Kunstgeschichte ein. Anlass für die Ausstellung war übrigens kein Jubiläum, sondern die Restaurierung der Gipsprinzessinnen. Schicht um Schicht musste Übermalung abgetragen und das in Gips und Bier getauchte textile »Überspieltuch« in der Hand von Luise stabilisiert werden. Eine Multimediainstallation bezeugt das.

Wie aktuell Schadows Kunstauffassung ist, beweisen die Originale. Ralph Gleis, Direktor der Alten Nationalgalerie, bringt es auf den Punkt: »Naturnähe und Spontaneität prägen trotz aller Repräsentation diesen Inbegriff des Klassizismus.« So modern, so sexy, so freiheitlich wirken die Prinzessinnen. Diese Frauen sind autark. Sie würden nur aus Lust und Freude mit einem Mann schlafen. Ihre Option zum »Nein« ist inbegriffen. Es sind wirklich selbstbewusste Mädchen. Schadow war ein Künstler, der so etwas ohne Worte mitzuteilen wusste.

Zeichnungen, Reliefs, Statuen, Büsten von Schadow sind in der Ausstellung zu sehen. Sie vermitteln den Geist des Erhabenen, verbunden mit scheinbarer Lebendigkeit der Figuren. Porträts – Schadows Lebensthema. Seine Angehörigen konnte er aus finanziellen Gründen nur in Gips, sich selbst mit Terrakotta modellieren. Aber in hoheitlichem Auftrag schuf er atemberaubende Werke aus Carrara-Marmor. Vom Grabmal bis zum Reiterstandbild.

Viele Motive und Posen sind von der Antike inspiriert. Bacchus erscheint als Tröster, eine Maid stemmt sich gegen den Wind. Gesichter und Hände sind besonders zart, mit edlen Konturen geformt. Schadow meißelte sie selbst, während zum Beispiel der Corpus der Marmorprinzessinnen von Mitarbeitern seiner Werkstatt aus dem Stein gehauen wurde.

Ergänzend werden Stücke von Zeitgenossen gezeigt, auch von nachfolgenden Künstlern. Bis heute gibt es die Kultur der Freundschaftsporträts, vor allem Geschwister lassen sich als Sinnbild für Jugend und kollektive Kraft verewigen. Wie die »Tanzenden Mädchen« von Gerhard Marcks und ein kubistisches Schwesternpaar von Henri Laurens. Auf Leinwand wurden zwei poppig-softe Girls von Vivian Greven gemalt, erst in diesem Jahr.

Am stärksten aber bleibt der funkelnde Spiegelsaal mit den Prinzessinnen im Gedächtnis. Schade, dass Schadow, der 1850 in Berlin starb, diese grandiose Inszenierung seiner Werke nicht selbst kommentieren kann.

Johann Gottfried Schadow: »Berührende Formen«, Alte Nationalgalerie, Bodestr. 1, 10178 Berlin, bis 19.2.2023

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