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Aus: Ausgabe vom 23.11.2022, Seite 6 / Ausland
Nachruf

»Symbol und Stolz Lateinamerikas«

Argentinien: Zum Tod von Hebe de Bonafini, Vorsitzende der »Mütter der Plaza de Mayo«
Von Volker Hermsdorf
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Hebe de Bonafini am 24. März 2019 bei einer Demonstration zum Jahrestag des Militärputsches von 1976 (Buenos Aires)

Am Donnerstag wird die Asche von Hebe de Bonafini auf der Plaza de Mayo im Zentrum der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires verstreut – jenem Platz, auf dem die von ihr mitbegründeten »Madres de Plaza de Mayo« jeden Donnerstag demonstrieren. Die Tageszeitung Página 12 würdigte die Vorsitzende der Organisation, die am Sonntag im Alter von 93 Jahren gestorben ist, als »Sinnbild des Widerstands gegen den Völkermord und des Widerstands gegen Hunger und Neoliberalismus«. Die kubanische KP-Zeitung Granma schrieb: »Hebe de Bonafini ist das Symbol und der Stolz Lateinamerikas.«

Die bis dahin unpolitische Hausfrau wurde aktiv, als ihre Söhne Jorge (26) und Raúl (24) nach dem Militärputsch vom 24. März 1976 gegen die Präsidentin Isabel Péron verschleppt worden waren. Sie gehören damit zu den rund 30.000 »Verschwundenen«, die Opfer der von den USA unterstützten Militärdiktatur (1976–1983) wurden. Auf der Suche nach ihnen traf Bonafini Familien, die dasselbe Schicksal erlitten hatten. Am 30. April 1977 zog sie mit einer Gruppe von Müttern auf die Plaza de Mayo vor dem Regierungssitz Casa Rosada, um Diktator Jorge Videla einen Brief zu überbringen, in dem sie Informationen über den Verbleib ihrer Angehörigen forderten.

Da Versammlungen von mehr als drei Personen verboten waren, drehten die Mütter seitdem jeden Donnerstag paarweise ihre Runden auf dem Platz. Militärs entführten 1978 auch Bonafinis Schwiegertochter. Sie folterten und ermordeten Teilnehmerinnen der Märsche. Doch die Mütter der Plaza de Mayo trotzten der Repression und wurden weltweit zum Symbol des Widerstands gegen die argentinische Diktatur. Nach deren Ende erklärte Bonafini, sie fühle sich wohler dabei, die Mütter als politische Organisation zu bezeichnen und nicht als Menschenrechtsorganisation. Denn sie wolle auch gegen die Ursachen, die Hintermänner und Unterstützer faschistischer Diktaturen kämpfen.

Ihre Organisation solidarisierte sich mit der Landlosenbewegung Brasiliens und dem Kampf der Zapatisten rund um Subcomandante Marcos in Mexiko. Bonafini sprach am 1. Mai 2000 in Havanna an der Seite Fidel Castros und unterstützte die von Hugo Chávez eingeleiteten Veränderungen in Venezuela. 1999 war sie nach Belgrad gereist, um gegen die Bombardierung Serbiens durch die NATO zu protestieren. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 auf das World Trade Center sagte sie: »Ich werde keine Heuchlerin sein.« Nachdem die USA in Jugoslawien Altenheime bombardiert und im Irak eine Million Kinder getötet hätten, habe sie der Anschlag in New York nicht übermäßig geschmerzt. Bürgerliche Politiker und Medien empfanden ihre Kritik als Affront. Als einer von den Müttern der Plaza de Mayo gegründeten Stiftung für sozialen Wohnungsbau die Veruntreuung von mehreren Millionen Euro vorgeworfen wurde, verurteilte Bonafini die Vorgänge als »Verrat an Gefühlen und am Vertrauen«. »Wir sind ein Haufen alter Frauen, die kämpfen, und die Leute respektieren uns für all das«, sagte sie damals.

Die Regierung in Buenos Aires ordnete nach Bonafinis Tod eine dreitägige Staatstrauer an. Staats- und Regierungschefs Lateinamerikas und anderer Regionen drückten Argentinien und den Angehörigen ihr Beileid aus. Auch der argentinische Papst Franziskus würdigte Bonafini als Frau, die »in Zeiten, in denen das Schweigen vorherrschte, die Suche nach Wahrheit, Erinnerung und Gerechtigkeit gefördert und lebendig gehalten hat«. Zuvor hatte Vizepräsidentin Cristina Fernández de Kirchner geschrieben: »Gott hat sie am Tag der nationalen Souveränität gerufen, das kann kein Zufall sein.« Am 20. November wird in Argentinien an den Widerstand gegen eine anglo-französische Invasion erinnert, der als Symbol für Unabhängigkeit, Freiheit und nationale Einheit in die Geschichte des Landes einging.

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