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Vulgärmaterialismus

Von Helmut Höge
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Alle Räder stehen still / Wenn dein starkes Gen es will! Heute erforscht man nicht mehr die Lebewesen, sondern »die Algorithmen der lebenden Welt«, wie der Genforscher François Jacob es nannte. Ein Algorithmus – bei dem jeder mit muss!

20 Jahre später veröffentlichten Mikrobiologen erste Ergebnisse. Ab etwa 2000 wurde fast täglich ein neues Gen isoliert. Die Medien erfanden ständig neue Wörter: »Neidgen«, »Erfolgsgen«, »Schizogen« usw. Selbst ein Magazin des Max-Planck-Instituts titelte: »Singvögel mit Casanovagen«. Jede Lebensäußerung war jetzt materialistisch determiniert, die Biologie verkam zur Leitwissenschaft. Als es den Wissenschaftlern James Watson und Francis Crick gelungen war, ein räumliches Modell der DNA-Doppelhelix zu erstellen, teilte ersterer mit, man habe »den Code des Lebens geknackt«.

Natürlich ging es nicht um die Frage des Lebens, es ging ums Geschäft. In amerikanischen Supermärkten gibt es so gut wie keine nicht manipulierten Lebensmittel mehr, außerhalb der USA muss man noch nachhelfen: So hat »die US-Regierung ihre Entwicklungshilfe für El Salvador aus dem Millenium-Challenge-Fonds in Höhe von 277 Millionen US-Dollar davon abhängig gemacht, dass El Salvador gentechnisch verändertes Saatgut von Monsanto kauft«, berichtete amerika21.de.

In Argentinien kam es 2014 bei der Abstimmung über ein Umweltschutzgesetz der Provinz Córdoba zu Zusammenstößen zwischen der Polizei und Umweltschützern. Der Protest richtete sich gegen das Bauvorhaben des Agrarkonzerns Monsanto in der Kleinstadt Malvinas. Dort sollte die weltweit größte Produktions- und Lagerstätte für genmanipuliertes Saatgut entstehen.

In Indien war es die Weltbank, die für die Durchsetzung gentechnisch veränderten Baumwollsaatguts sorgte. Bevor Monsanto dank der 1988 von der Weltbank verordneten Saatgutpolitik alles veränderte, bauten indische Bauern Baumwolle zusammen mit anderen Feldfrüchten an, die sie wirksam vor eindringenden Sorten und durch Insekten übertragene Krankheiten schützten. Da die Samen meist eigene Züchtungen waren, konnten die Bauern einen Teil zurückhalten und im nächsten Jahr erneut aussäen, ohne Lizenzgebühren für neues Saatgut zahlen zu müssen.

Kürzlich berichtete die Unabhängige Bauernstimme, dass Bayer/Monsanto und Dow/DuPont/Pioneer in den letzten Jahren 1.550 Patentanmeldungen auf Pflanzen angehäuft haben, bei denen neue Gentechniken eingesetzt wurden. Die beiden Konzerne »kontrollieren bereits jetzt 40 Prozent des globalen kommerziellen Saatgutmarkts«. Und weiter: »Um ihre Patente zu erhalten, verwischen Saatgutkonzerne bewusst Unterschiede zwischen konventioneller Züchtung, zufälliger Mutagenese und alter wie neuer Gentechnik.«

Neuerdings wird mit gentechnischen Mitteln gearbeitet, um die Malariamücke so zu verändern, dass ihre Nachkommen unfruchtbar sind – und sie als Art ausstirbt.

Hinter all den Hightechfummeleien mit Genen steht ein vulgärmaterialistischer Reduktionismus, der die Komplexität des Lebens verneint, um zügiger wirtschaftlich verwertbare Labor­ergebnisse zu erzielen – ungeachtet der Gefährlichkeit all dieser genetisch manipulierten Organismen, wenn sie in Kontakt mit natürlichen Lebewesen kommen.

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